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12. November 2018

Fokus

«Nitrat im Trinkwasser ist auch heute noch ein Problem!»

In den Medien stehen derzeit die Belastungen der Gewässer und der Umwelt durch Wirkstoffe aus Pflanzenschutzmitteln und deren Metaboliten im Mittelpunkt. Aber Nitrat ist aus Sicht der Trinkwasserressourcen in vielen Regionen ein ebenso wichtiges Thema. André Olschewski, Leiter Wasser beim SVGW, beantwortet Fragen zur aktuellen Situation in der Schweiz.

Pflanzenschutzmittel in Gewässer sind derzeit ein vieldiskutiertes Thema. Besteht denn mit Nitrat im Grundwasser nun ein neues Problem in der Schweiz?

Nein, die Nitrat-Belastung im Grundwasser kennen leider viele Wasserversorger schon seit Langem und es betrifft ebenfalls weite Teile der Schweiz. Seit Jahren finden wir neben den Pflanzenschutzmitteln und deren Abbauprodukten im Grundwasser auch Nitrat in erhöhten Konzentrationen. Bei rund 45 Prozent der Messtellen zur Nationalen Grundwasserbeobachtung des Bundes in Ackerbaugebieten lagen 2013 der Nitratgehalt im Grundwasser weit höher als der Anforderungswert von 25 Milligramm/Liter. Dieser Anforderungswert wurde gemäss Gewässerschutzverordnung im Sinne der Vorsorge definiert.

An 13 Prozent der Messtellen wurden sogar Gehalte von über 40 Milligramm/Liter im Grundwasser nachgewiesen. In den letzten Jahren zeigen die Messwerte an einigen Stellen dank Massnahmen in der Landwirtschaft eine fallende Tendenz auf, aber es gibt immer noch viel zu tun.

Gibt es da regionale Unterschiede? Und ist immer die Landwirtschaft schuld?

Ja, es gibt Unterschiede in den verschiedenen Regionen der Schweiz. Die höchsten Werte werden in Gebieten mit starker Ackerbautätigkeit festgestellt, d.h. vor allem im Mittelland, wo man auch die wichtigsten Grundwasserleiter findet, die für die Trinkwasserversorgung zentral wichtig sind. Dies ist ein klassischer Nutzungskonflikt.

Bei der Stickstoffbelastung im Untergrund spielt die Landwirtschaft die dominierende Rolle mit hohen Düngereinträgen vor allem aus Kunstdünger und Gülle.

Haben Sie Beispiele für Vorkommnisse, die auch die Medien aufgegriffen haben? 

Da gibt es einige Beispiele: Erst kürzlich haben zum Beispiel die «Kreuzlinger Nachrichten» gefragt «Wie viel Mist ist in unserem Wasser?». Die «Freiburger Nachrichten haben über ein Nitratschutzprojekt in Gurmels berichtet, die «Aargauer Zeitung» griff das Thema «Zu hoher Nitratgehalt in Wohlen» auf oder Fernsehen SRF präsentierte ein Nitratschutzprojekt auf dem aargauischen Birrfeld oder stellte ganz allgemein die Frage nach «Zu viel Dünger in unserem Trinkwasser?».  

Wie können diese Nitrat-Belastungen im Grundwasser vor dem Hintergrund der Trinkwasserqualität und -versorgung eingestuft werden?

Trinkwasser ist ein Lebensmittel und muss daher die Anforderungen der Verordnung des Eidgenössischen Departementes des Innern (EDI) über Trinkwasser sowie Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen (TBDV) erfüllen. Für Nitrat gilt hierbei ein Höchstwert von 40 Milligramm/Liter im Trinkwasser. Dieser Höchstwert wurde aufgrund humantoxikologischer Kriterien definiert. Dies bedeutet, wenn dieser Wert überschritten wird, darf das Wasser nicht mehr als Trinkwasser an die Kunden abgegeben werden. Da die chemisch-physikalischen Prozesse im Untergrund aber sehr langsam ablaufen, ist der zeitliche Verlauf einer Verschmutzung im Grundwasser ein sehr träger Prozess.

Ist das Grundwasser im Zuströmbereich einer Fassung einmal mit hohen Nitratwerten belastet, so wird diese Belastung über Jahre bis Jahrzehnte hinweg bestehen und die Versorgung während sehr langer Zeit belasten. Sollte sich die Bewirtschaftung im Zustömbereich ändern und intensiviert werden, könnte der Gehalt sogar noch steigen.

Wasserversorger ohne Alternativen müssten also aufgeben?

Genau! Für Versorgungen ohne alternative Bezugsquellen würde dies einen Unterbruch ihrer Dienstleistungen bedeuten. Für die Gemeindeverantwortlichen aber auch für den Vollzug ist dies ein politisches Schreckensszenario!

 

Wie steht es mit der Möglichkeit der Auf- oder Nachbereitung?

Technisch gesehen ist eine Aufbereitung möglich, sie ist aber aufwändig und teuer. Gemäss Studien aus Deutschland würde eine nachträgliche Aufbereitung bei den Wasserpreisen Mehrkosten von bis zu 60 Prozent bedeuten. End-of-Pipe-Massnahmen wie eine Aufbereitung sind Notmassnahmen, auf die nur in Ausnahmesituationen zurückgegriffen werden sollte. Im Sinne der Nachhaltigkeit und des Verschmutzungsverbotes ist unbedingt die Vorsorge zu stärken.

Falls eine Aufbereitung nicht in Frage kommt, gibt es aber noch andere Möglichkeiten und Varianten.

Nämlich? Was für welche?

Man könnte Wasser aus verschiedenen Quellen mischen, Wasser von benachbarten Versorgungen hinzuziehen oder an einem geeigneten Standort eine neue Fassung zu errichten  – solche Standorte sind aber immer weniger verfügbar. Zudem sind diese Optionen relativ kostenintensiv.

Wie viele Fassungen sind in der Schweiz denn effektiv von hohen Nitratgehalten betroffen? Und mussten auch in der jüngeren Vergangenheit Fassungen wegen Nitratproblemen geschlossen werden?

Bis heute gibt es keine zentrale Sammlung der Daten von Fassungen, die durch Nitrat erheblich betroffen sind. Diese Daten liegen nur auf Ebene der Kantone vor. Eine einfache Recherche in der aktuellen Medienberichterstattung brachte aber ein beunruhigendes Bild zu Tage: Nicht nur ist das Grundwasser an vielen Stellen mit Nitrat erheblich belastet, in den letzten zehn Jahren mussten wegen der Nitrat-Belastung auch zahlreiche Fassungen geschlossen werden und auch in der Zukunft wird dies der Fall sein.

Wo denn in der Schweiz?

Betroffen ist vor allem das Mittelland, wo der Ackerbau stark vertreten ist. Aber nicht nur kleinere ländliche Gemeinden sind tangiert, sondern auch mittlere Versorgungen wie Worb im Kanton Bern, das aargauische Wohlen oder Murten im Kanton Fribourg. Sie alle sind von zu hohen Nitratwerten betroffen, so dass eine Aufhebung von Fassungen erfolgt ist oder bald ansteht.

Schwarzmalerei oder eine wirklich problematische Situation?

Es ist wirklich eine problematische Situation. In der Folge der Verunreinigungen müssten wohl etliche Fassungen neu geplant und gebaut werden, mit Investitionen von mehreren Millionen Franken oder es müssen neue Verbundslösungen gefunden und geprüft werden. Leider sind aber die geeigneten Standorte infolge Ausweitung von Siedlungs- und Verkehrsflächen vielerorts nicht mehr vorhanden. Wir haben also neben der Nitrat-Belastung im Grundwasser auch das Problem, dass der ausreichende planerische Schutz der Fassungen oft verpasst wurde.

Gibt es da auch Beispiele?

Ja, ein komplizierter Fall einer massiven Nitratbelastung ist das westliche Gebiet des solothurnischen Gäu bis über die Grenze zum Kanton Bern hin, wo intensiv Gemüse angebaut wird. In Niederbipp musste vor Jahren die Fassung Niederbipp wegen zu hoher Nitratgehalte aufgehoben werden. Die Wasserversorgung wurde seitdem technisch über den Bezug des Wassers vom Pumpwerk Moos in Oensingen sichergestellt.

Und das hat funktioniert?

Bisher klappte das sehr gut. Aber durch Bauvorhaben in Oensingen muss nun auch die Fassung des Pumpwerks Moos in Oensingen aufgehoben werden. Und da es in Oensingen an geeigneten Standorten mangelt, wird bereits die Suche nach einer Ersatzlösung zu einer grossen Herausforderung für Oensingen. Für Niederbipp wird der Druck noch grösser.

Wie sind diese komplexen Themen durch die Wasserversorgungen anzugehen?

Wasserversorgungen als Lebensmittelbetriebe müssen auch künftig per gesetzlichem Auftrag die Selbstkontrolle auf der Basis eines risikobasierten Ansatzes durchführen. Dabei sind alle relevanten Risiken zu berücksichtigen, auch die Risiken in der Schutzzone und im Zuströmbereich. Es ist daher zu erwarten, dass die Wasserversorgungen in Zukunft vermehrt auch die Risiken aus stofflichen Verunreinigungen im Zuströmbereich thematisieren und anmahnen müssen. Die Frage der Versorgungssicherheit ist im Rahmen der Generelle Wasserversorgungsplanung, der GWB anzugehen. Bisher ist aber die Pflicht zur Ausarbeitung einer GWP oder einer regionalen Trinkwasserversorgungsplanung nicht auf Bundesebene gesetzlich verankert, sondern nur in einzelnen Kantonen. Angesichts der eher zunehmenden Trockenphasen im Sommer sind diese Lücken unbedingt anzugehen.

Und wie sehen Sie da die Zukunft der Wasserversorgungen in der Schweiz?

Generell können wir sagen, dass die Trinkwasserqualität in der Schweiz sehr gut ist, lokal allerdings sind Trinkwasserressourcen mit Fremdstoffen belastet. Pflanzenschutzmittel und Nitrat sind die Stoffgruppen, bei denen wir die Quellen relativ gut kennen und Massnahmen ergreifen können. Betroffen ist vor allem die Landwirtschaft, aber auch Privatgärten und die Bewirtschaftung von öffentlichen Plätzen und Böschungen von Verkehrswegen. Da die Prozesse im Grundwasser aber lange dauern, müssen wir die nötigen Massnahmen umgehend an die Hand nehmen und konsequent umsetzen.

Die gezeigten Beispiele machen deutlich, dass es sehr kurzsichtig ist, die Problematik von Fremdstoffen wie Nitrat in Gewässern nicht dauerhaft anzugehen. Wollen wir den nachfolgenden Generationen wirklich eine nachhaltige Wasserversorgung überlassen, mit der Trinkwasser aus naturnahen Ressourcen gewonnen werden kann, so müssen wir heute effektiver denn je den vorsorglichen Ressourcenschutz und eine gewisse planerische Sicherheit im Sinne des Vorsorgeprinzips umsetzen. Damit dies effektiver erfolgt, verlangt der SVGW deshalb auch einen verstärkten Schutz der Trinkwasserressourcen und die verbindliche planerische Sicherung der Trinkwasserversorgungen in der Schweiz.

 

 

 

Nitrat im Grundwasser

Hier finden Sie weitere Informationen zu Nitrat im Grundwasser und den Messestellen im Rahmen der Nationalen Grundwasserbeobachtung des Bundesamtes für Umwelt BAFU. 

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