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Fachartikel
30. März 2020

Chlorothalonil

Die Situation gut überwachen und wirksame Massnahmen treffen!

Ab 1. Januar 2020 ist der Pestizidwirkstoff Chlorothalonil hierzulande verboten, doch gelöst ist damit das Problem der Verunreinigung des Trinkwassers durch dieses Pflanzenschutzmittel und seine Abbauprodukte noch lange nicht, wie eine Bestandesaufnahme zeigt.
Peter C. Müller 

Chlorothalonil – dieser Name eines Pestizidwerkstoffs ist nicht nur schwer auszusprechen, sondern auch seine Folgen fürs Trinkwasser in der Schweiz sind (derzeit) nur schwierig abzuschätzen. Klar ist nur, dass das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) Mitte Dezember 2019 den Einsatz von Chlorothalonil «mit sofortiger Wirkung» verboten hat. Zudem teilt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) die Einschätzung einer EU-Kommission, dass der Wirkstoff als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft werden muss. «Somit», so erklärte Florie Marion, Kommunikationsleiterin des BLV, «sind auch alle Grundwassermetaboliten neu als relevant einzustufen.»

Chlorothalonil und seine Abbauprodukte

Das BLW liess weiter verlauten, dass die Anforderungen an eine  Zulassung für Pflanzenschutzmittel heutzutage höher seien als noch vor einigen Jahrzehnten. «Produkte, die in den 1970-er und 1980-er Jahren bewilligt wurden», so Florie Marion, «würden heute nicht mehr unbedingt eine Zulassung erhalten.» Im Jahr 2010 habe der Bund deshalb sein Programm zur Überprüfung älterer Pflanzenschutzmittel eingeführt, um zu gewährleisten, dass diese die aktuellen Anforderungen einhalten. Bisher wurden nahezu 100 Wirkstoffe einer solchen Überprüfung unterzogen. Pestizidwirkstoffe.

Chlorothalonil ist ein Pestizid-Wirkstoff, der seit den 1970-er Jahren als Fungizid zugelassen ist. Es wird vor allem bei Getreide und Gemüse, aber auch bei Reben und Zierpflanzen gegen Pilzbefall eingesetzt. In der Vergangenheit wurde Chlorothalonil in der Schweiz häufig und in relativ grossen Mengen von 30 bis 45 Tonnen pro Jahr versprüht. Im Boden selbst wird der Wirkstoff zum Teil abgebaut. Die zahlreichen Abbauprodukte haben sich im Boden angesammelt, sind aber nach heutigen Erkenntnissen durch den Untergrund gesickert und so ins Grundwasser gelangt. Heute können deshalb diverse Abbauprodukte auch im Grund- und Trinkwasser verbreitet in erhöhten Konzentrationen nachgewiesen werden. Massgeblich für die Wasserversorger sind die beiden Metaboliten R417888 sowie R471811, welche gemessen werden müssen und eine Gesamtbeurteilung bzgl. der Belastungssituation erlauben. Man schätzt, dass mindestens 12 Kantone von zu hoher Trinkwasserbelastung durch die Metaboliten betroffen sind.

Zwei Drittel der Fassungen im Aargau

Im Aargau geht das Amt für Verbraucherschutz nach Untersuchungen von Anfang 2020 davon aus, dass rund zwei Drittel der Trinkwasserfassungen im Kanton mit Abbauprodukten von Chlorothalonil belastet sind. Zusätzliche Untersuchungen sollen nun neue Erkenntnisse über das Pestizid und seine Abbauprodukte bringen. Beispielweise wisse man noch nicht genug darüber, wie und wie schnell der Abbau ablaufe, hiess es dazu im Kanton Aargau.

Ende Januar dieses Jahres informierte der Kanton Solothurn: Das Amt für Umwelt präsentierte den Gemeinden und Wasserversorgern die neusten Messwerte. Diese zeigten, dass in über der Hälfte der Solothurner Gemeinden die Abbauprodukte im Trinkwasser die zulässigen Höchstwerte überschreiten. Auch hier sind wegen der schärferen Regeln des Bundes mehr Abbauprodukte von Chlorothalonil kritischer als zuerst angenommen. Betroffen von den neuen Höchstwerten sind rund 160'000 Solothurnerinnen und Solothurner. Die Solothurner Behörden sehen regionale Lösungen mit neuen Wasserleitungen und sogar Wasseraufbereitungsanlagen vor. Das Problem trete flächendeckend im Kanton auf, deshalb sei das Mischen des Wassers nur in wenigen Fällen möglich. Gebaut werden sollen neue Leitungen und Anlagen, doch dies brauche Zeit und sei auch sehr kostspielig.

«Unsere Wasserversorger tun derzeit alles, um den Konsumentinnen und Konsumenten weiterhin einwandfreies Trinkwasser als Lebensmittel zu Verfügung zu stellen», erklärt dazu André Olschewski, Leiter des Bereichs Wasser beim SVGW. «Und wir tun unser Möglichstes sie mit Rat und Tat dabei zu unterstützen.» Zwar könne Wasser, das mit Chlorothalonil-Abbauprodukten belastet ist, nach wie vor getrunken werden, doch einfach sei die Situation für die Wasserversorgungen der Schweiz derzeit keineswegs. «Deshalb muss der Vorsorgeansatz deutlich gestärkt werden, um unsere Trinkwasserressourcen künftig noch effektiver vor schädlichen Fremdstoffen aus Landwirtschaft und Haushalten zu schützen», betont der SVGW-Vizedirektor.

Für Paul Sicher, Leiter Kommunikation des SVGW, stellt zudem fest: «Das Trinkwasser in der Schweiz ist nach wie vor von guter Qualität. Wegen der modernen Analytik finden wir aber immer mehr Fremdstoffe in Kleinstkonzentrationen, was zu immer neuen Fragestellungen führt. Die Zeiten, in denen Trinkwasser als «rein» galt, sind vorbei. Die Bevölkerung ist stark verunsichert und will ein Wasser ohne Rückstände. Die Kommunikation ist für alle Wasserversorger sehr anspruchsvoll geworden».

Mit den Labors zusammenarbeiten

Dringend notwendig sei nun – neben einer aktiven Kommunikation – auch eine an die jeweilige Situation angepasste lokale und regionale Überwachung der Trinkwasserfassungen. «Dann», so meint André Olschewski, «können wir allenfalls belegen, dass das Verbot von Chlorothalonil zu mittelfristig zu einem Rückgang der Kontamination des Grund- und Trinkwassers führt»

Aufgrund der Erfahrung mit anderen Stoffen, wie zum Beispiel den Pestiziden Atrazin oder Chloridazon, werde dieser Rückgang aber nur sehr langsam erfolgen. Jede Wasserversorgung müsse deshalb nun selbst vor allem die Abbauprodukte von Chlorothalonil in die Selbstkontrolle miteinbeziehen und die Situation vor Ort immer wieder überprüfen. «Die momentane Belastung des Grundwassers und die damit verbundene hohe Brisanz betreffend Trinkwasserqualität erfordern diese Schritte derzeit leider für die meisten Versorgungen im Mittelland», resümiert der SVGW-Vizedirektor.

Die Wasserversorger müssten nun in Abstimmung mit den Behörden verhältnismässige Massnahmen treffen. Eine Verbesserung der Situation sollte schnellstmöglich angegangen werden. Ist keine rasche Lösung möglich, sind Überlegungen zur Verbesserung der Versorgungssicherheit mit einem geeigneten zweiten Standbein voranzutreiben. Dabei sind sowohl regionale als auch überregionale Lösungen und Ausscheidungen von Zuströmbereichen in Betracht zu ziehen. Umfangreiche Investitionsentscheide sollten jedoch erst getroffen werden, wenn eine fundierte Daten- und Entscheidungsgrundlage vorliegt. Diese wird wahrscheinlich erst nach dem Sommer 2020 vorliegen. Dann wird das BLV eine erste Bilanz ziehen und seine Weisung betreffend Umgang mit Chlorothalonil-Rückständen überprüfen.

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