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Fachartikel
26. Oktober 2022

Fernwärme

Saisonale Wärmespeicher

Saisonale Wärmespeicher sind ein SchluŐąsselelement für die künftig fossilfreie und kosteneffiziente Energieversorgung der Schweiz. Aber auch im Hinblick auf die aktuelle geopolitische Lage überzeugt die Langzeitspeicherung von Wärme: So ermöglichen saisonale Wärmespeicher eine markante Reduktion des Elektrizitätsbedarfs von Wärmepumpen im Winter und mindern dadurch das Risiko der drohenden Strommangellage.
Núria Duran Adroher, Richard Lüchinger, Willy Villasmil, Jörg Worlitschek, 

Energiewende ist auch W√§rmewende. Doch w√§hrend in den Elektrizit√§ts- und Mobilit√§tsbereichen bereits viel getan wurde, stockt die Energiewende im Bereich der nachhaltigen W√§rmeversorgung. Dies, obwohl dort das Potenzial gross ist: Der W√§rmeverbrauch in der Schweiz ist f√ľr 45% des Endenergieverbrauchs verantwortlich, und rund 60% dieser W√§rme werden immer noch mit fossilen Brennstoffen erzeugt [1]. Der W√§rmebereich f√ľhrt somit zu mehr als 35% der gesamten Treibhausgasemissionen des Landes [2].

Dar√ľber hinaus m√ľssen fossile Brennstoffe wie Erdgas aus dem Ausland importiert werden, was die Schweiz vom Ausland abh√§ngig macht und zu stark volatilen Energiepreisen f√ľhrt. Die Unabh√§ngigkeit vom Ausland ist in Anbetracht der aktuellen geopolitischen Lage besonders wichtig. Die Dekarbonisierung des W√§rmesektors ist daher auch aus anderen Gr√ľnden essenziel.

Die Umstellung auf erneuerbare Energien erfordert ein generelles Umdenken der Energieversorgung. Denn im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen haben erneuerbare Energien in der Regel keine nat√ľrliche Speicherungsform, was typischerweise zu einer zeitlichen Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage f√ľhrt. So ist z.‚ÄČB. das Angebot an Solarenergie dann am h√∂chsten, wenn die Nachfrage nach W√§rme am geringsten ist: im Sommer. Diese Diskrepanz kann durch den Einsatz von Kurz- und Langzeitw√§rmespeichern ausgeglichen werden. Wenn die im Sommer erzeugte W√§rme in den Winter √ľbertragen werden kann, lassen sich Treibhausgasemissionen und die Importe fossiler Brennstoffe vermeiden, was die Versorgungssicherheit erh√∂ht und die volkswirtschaftlichen Kosten senken.

Die saisonale Wärmespeicherung ist eine vielversprechende Technologie mit einem hohen Potenzial zur Beschleunigung der Energiewende. Dieser Ansatz hat sich im Ausland bereits bewährt, aber wird in der Schweiz noch weitgehend vernachlässigt.

WIE helfen SAISONALE W√ĄRMESPEICHER BEI DER ENERGIEWENDE?

Mithilfe von saisonalen W√§rmespeichern (bekannt auch als saisonale thermische Energiespeicher) kann √ľbersch√ľssige thermische Energie √ľber einen Zeitraum von mehreren Monaten kosteneffizient gespeichert werden. Die gespeicherte Energie kann zu einem sp√§teren Zeitpunkt genutzt werden, um den W√§rmebedarf im Winter ohne den Einsatz fossiler Energietr√§ger zu decken. W√§rmespeicherung ist aber nicht nur f√ľr den W√§rmesektor relevant, sondern vor allem f√ľr den Elektrizit√§tssektor. So w√ľrde eine umfassende Elektrifizierung des W√§rmesektors (durch den vermehrten Einsatz von elektrischen W√§rmepumpen) das Stromnetz vor gr√∂sste Herausforderungen stellen. Aktuelle Prognosen verweisen bereits stark auf eine stetig steigende Stromnachfrage in den kommenden Jahren. Die Minimierung des Stromverbrauchs der W√§rmepumpen im Winter ist folglich von essenzieller Bedeutung, um das Stromnetz zu entlasten und m√∂gliche Engp√§sse zu vermeiden. Dies kann erreicht werden, indem √ľbersch√ľssige W√§rme (z.‚ÄČB. W√§rme aus Kehrichtverbrennungsanlagen, Abw√§rme, W√§rme aus Solarkollektoren oder mit W√§rmepumpen erzeugte W√§rme) in saisonalen W√§rmespeichern eingelagert wird. Die gespeicherte W√§rme kann dann in den kalten Wintermonaten genutzt werden, um den W√§rmebedarf zu decken.

Aktuelle Berechnungen der ETH Z√ľrich deuten darauf hin, dass die Schweiz 2050 im vollst√§ndig dekarbonisierten Energiesystem voraussichtlich einen zus√§tzlichen Winterstrombedarf von 10 TWhel (elektrisch) haben wird, der nicht durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann. Dieser Bedarf m√ľsste von Strom- und/oder Gasimporten gedeckt werden. Die neuesten Modellergebnisse zeigen, dass saisonale W√§rmespeicher diesen ungedeckten Winterstrombedarf um bis zu 4 TWhel reduzieren k√∂nnen [3]. Dabei spielen die folgenden Teilaspekte zusammen:

  • Grossw√§rmepumpen in W√§rmenetzen in Kombination mit saisonalen W√§rmespeichern k√∂nnen den Winterstrombedarf um 0,5 bis 1‚ÄČTWhel reduzieren.
  • Ein √§hnlich grosser Effekt (0,5 bis 1‚ÄČTWhel) wird von dezentralen W√§rmespeichern in grossen Einzelgeb√§uden wie Mehrfamilienh√§usern und √úberbauungen erwartet.
  • Zudem bewirken saisonale W√§rmespeicher, dass Kehrichtverbrennungsanlagen ihre im Sommer erzeugte W√§rme in den Winter verschieben k√∂nnen und somit zu einer Reduktion des Winterstrombedarfs um 0,5 bis 1‚ÄČTWhel f√ľhren.
  • Weitere massgebliche Potenziale ergeben sich durch die W√§rmespeicherung mittels Regeneration von Erdw√§rmesonden. Dies erm√∂glicht laut einer Studie von TEP Energy und Ecoplan eine Effizienzsteigerung der W√§rmepumpen und so eine j√§hrliche Stromeinsparung von ca. 1,5‚ÄČTWhel.

Diese Gesamtreduktion des ungedeckten Winterstrombedarfs um bis zu 4 TWhel ist in Figur 1 illustriert.

Sektorenkopplung

Unter Sektorenkopplung versteht man die Verbindung der ¬ęEnergiesektoren¬Ľ Strom, W√§rme und Mobilit√§t. Die Sektorenkopplung erm√∂glicht die Nutzung von √ľbersch√ľssiger elektrischer, thermischer oder chemischer Energie in den anderen Sektoren, wodurch die Resilienz, Flexibilit√§t und Effizienz des Energiesystems erh√∂ht wird. Ein Beispiel zeigt Figur 1, n√§mlich die ¬ęPower-to-Heat¬Ľ-Kopplung (Strom zu W√§rme) mit Hilfe einer W√§rmepumpe. Dabei gibt es aber wieder eine zeitliche Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage, die mit einer saisonalen W√§rmespeicherung gel√∂st werden kann. Figur 2 stellt das Schweizer Energiesystem vereinfacht als Netzwerk aus Energiefl√ľssen dar.

Wirtschaftlichkeit

Schon heute wird deutlich, dass es sich bei saisonalen W√§rmespeichern um eine wirtschaftlich attraktive Form der Energiespeicherung handelt. Investitions- und Betriebskosten sind abh√§ngig von der Gr√∂sse und der Speichertechnologie. In Figur 3 sind die spezifischen Kosten f√ľr thermische Speicher in Bezug auf deren Gr√∂sse dargestellt. Daraus wird klar erkennbar, dass auch bei dieser Technologie die Gr√∂sse den Preis bestimmt: Je gr√∂sser der Speicher, desto g√ľnstiger ist er. Kleine Warmwasserspeicher f√ľr Geb√§ude kosten zum Beispiel √ľber 1000 Fr./m3 w√§hrend grosse Erdbeckenspeicher f√ľr W√§rmenetze unter 30 Fr./m3 kosten. Daher ist es von Vorteil, grossvolumige W√§rmespeicher in thermischen Netzen zu integrieren, da die Wirtschaftlichkeit so deutlich verbessert wird.

Kommerziell betriebene grosse Erdbeckenspeicher in D√§nemark erreichen bereits jetzt einmalige spezifische Speichererstellungskosten von z.‚ÄČB. 38 Euro pro Kubikmeter oder 0.41 Euro pro Kilowattstunde [8].

WELCHE L√ĖSUNGEN GIBT ES?

L√∂sungen zur saisonalen W√§rmespeicherung sind bereits seit den 1980er-Jahren [9] verf√ľgbar und erfolgreich im Einsatz. Sie zeigen, dass die W√§rmespeicherung die Robustheit, Flexibilit√§t, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit der W√§rmeversorgung verbessert und gleichzeitig die Unabh√§ngigkeit erh√∂ht. Neben den etablierten L√∂sungen gibt es zahlreiche neue und vielversprechende technische Ans√§tze, die derzeit entwickelt werden oder kurz vor der Markteinf√ľhrung stehen. Eine √úbersicht √ľber eine Auswahl von 18 saisonalen W√§rmespeichertechnologien ist nach Reifegrad in Figur 4 dargestellt. Zus√§tzlich sind die Technologien in drei Gruppen unterteilt:

Sensible Speicher

Die erste Gruppe beinhaltet Speicher, bei denen die Temperatur des Speichermediums (in der Regel Wasser, Gestein oder Erde) ver√§ndert wird, sog. sensible Speicher. Die Energiedichte von wasserbasierten W√§rmespeichern h√§ngt von der Temperaturdifferenz zwischen dem Lade- und dem Entladezustand des Speichers ab. Bei einer Temperaturdifferenz von 60‚ÄČK entspricht die Energiedichte 70‚ÄČkWh/m3, w√§hrend bei einer Temperaturdifferenz von 20‚ÄČK die Energiedichte sich auf 23‚ÄČkWh/m3 reduziert. Sensible W√§rmespeicher sind derzeit die am weitesten verbreiteten und entwickelten Speichersysteme, da es sich um eine relativ einfache, kosteng√ľnstige und ausgereifte Technologie handelt.

Latentspeicher

In der zweiten Gruppe Speicher kommen sogenannte Phasenwechselmaterialien (PCM) als Speichermedium zum Einsatz. Diese nutzen den physikalischen Effekt des Phasenwechsels eines Stoffes (z.‚ÄČB. Schmelzprozess: fest zu fl√ľssig), um W√§rme zu speichern. Der Vorteil dieser Technologie ist eine h√∂here Energiedichte von rund 80‚Äď150‚ÄČkWh/m3 und dadurch ein deutlich geringerer Platzbedarf im Vergleich zu den sensiblen Speichern. Auch f√ľr diese Gruppe gibt es kommerziell verf√ľgbare und bew√§hrte L√∂sungen auf dem Markt; dar√ľber hinaus gibt es verschiedene neue Konzepte, die sich noch im Labor befinden oder jetzt in Form von vielversprechenden Start-ups auf den Markt kommen. Ein Ansatz, der in der Schweiz entwickelt wird, basiert auf PCM-gef√ľllten Kapseln, die einem herk√∂mmlichen Wasser-W√§rmespeicher hinzugef√ľgt werden k√∂nnen. Dadurch erh√∂ht sich die Speicherkapazit√§t um rund das Dreifache. Derzeit sind solche Speicher f√ľr Kurzzeitspeicherung ausgelegt, und es laufen Projekte, die diese Konzepte eventuell f√ľr Langzeitspeicherung erm√∂glichen.

Thermochemische Energiespeicher

Bei der dritten Gruppe handelt es sich um eine vielversprechende Technologie, die sich momentan in der Entwicklungsphase befindet. Thermochemische Energiespeicher nutzen reversible chemische Reaktionen, um das Potenzial, W√§rme zu erzeugen, in einem Stoff zu binden. Der Vorteil dieser chemischen Umwandlung ist, dass nach der Reaktion die Energie fest im Stoff gebunden ist und so fast beliebig lange ohne W√§rmeverluste gelagert werden kann. Zus√§tzlich wird mit dieser Technologiegruppe hohe Energiedichten um 300‚ÄČkWh/m3 (materialbezogen) erreicht. Allerdings ist die thermochemische Speicherung noch nicht kommerziell verf√ľgbar, doch verschiedene Forschungsprojekte treiben diese Technologie stetig voran.

Ein Laborprototyp existiert zum Beispiel in Loughborough (GB), wo gezeigt wurde, dass ein solches System finanziell tragf√§hig ist und zu erheblichen CO2-Einsparungen f√ľhrt [10]. Ein weiterer Prototyp wird derzeit an der Hochschule Luzern betrieben und getestet [11].

BEISPIELE von SAISONALEn THERMISCHEn ENERGIESPEICHERn

Anwendungsbeispiele f√ľr saisonale W√§rmespeichersysteme gibt es vor allem im Ausland, wie in D√§nemark oder Deutschland, aber auch vereinzelt in der Schweiz. Die nachfolgenden Beispiele sind entweder bereits erprobt und kommerziell verf√ľgbar oder stehen kurz vor der Markteinf√ľhrung.

Suurstoffi, Rotkreuz: Erdsonden-Wärmespeicher

Erdsonden-W√§rmespeicher nutzen den Untergrund, um darin W√§rme zu speichern. In Bohrl√∂chern werden Erdw√§rmesonden √ľber 100 Meter tief in den Boden eingebracht. Durch diese Sonden wird das erhitzte W√§rmetr√§germedium in den Boden geleitet und erw√§rmt dort das Gestein. Wenn W√§rme ben√∂tigt wird, wird die gespeicherte W√§rme dem Gestein wieder entzogen. Neben der aktiven W√§rmespeicherung entziehen Erdw√§rmesonden auch die nat√ľrliche Erdw√§rme aus dem Boden und machen sie nutzbar. Da die Speichertemperatur oft bei circa 10‚Äď20‚ÄȬįC liegt, wird ein Erdsonden-W√§rmespeicher in der Regel in Kombination mit einer W√§rmepumpe oder einem Niedertemperaturnetz betrieben. Ein Beispiel f√ľr diese Technologie ist das Quartier Suurstoffi in Rotkreuz mit 6000 Menschen, einer Fl√§che von 100'000‚ÄČm2 [12] und einem Gesamtw√§rmebedarf f√ľr Raumheizung und Warmwasser von 2,1‚ÄČGWh/a [13]. Das Quartier nutzt Erdw√§rmespeicher, um √ľbersch√ľssige Sonnenenergie und Geb√§udeabw√§rme vom Sommer in den Winter zu verlagern. Die Gesamtmenge an W√§rme aus den Erdw√§rmesonden zur Versorgung der W√§rmepumpen betr√§gt 1600‚ÄČMWh/a [13]. Neben einer h√∂heren solaren Deckung der W√§rmepumpe mit einem reduzierten Strombedarf im Winter profitiert das Quartier von einer K√ľhlung der Geb√§ude im Sommer.

Suurstoffi ist kein Einzelfall. In der Schweiz gibt es bereits mehrere vergleichbare Bauten, die die Funktionalit√§t und die Vorteile eines Erdw√§rmespeichers demonstrieren. So wurden beispielsweise bei der Familienheim-Genossenschaft Z√ľrich [14] oder bei der ETH H√∂nggerberg [15] mehrere zehntausend Sondenmeter gebohrt, die saisonal bewirtschaftet werden.

Dronninglund(DK): Erdbeckenspeicher

Sehr grosse Speicher, mit mehreren 10'000‚ÄČm3 Volumen, k√∂nnen mit k√ľnstlichen Erdbecken realisiert werden. Zu diesem Zweck wird ein Pyramidenstumpf ausgehoben. Das ausgehobene Material wird als Erdwall um die Grube aufgesch√ľttet und das Reservoir vergr√∂ssert. Das entstandene Erdbecken wird mit Kunststofffolie ausgekleidet, abgedichtet und mit Wasser gef√ľllt. Eine W√§rmed√§mmung ist nur an der Oberseite notwendig, die bei moderneren Speichertypen meist als schwimmende Abdeckung ausgef√ľhrt ist. Darin kann Wasser bis zu ca. 90‚ÄȬįC mit einer Speichereffizienz von 90% gespeichert werden [16, 17].

Diese Art Speicherung ist besonders in D√§nemark in Kombination mit W√§rmepumpen oder Solarthermie verbreitet, aber auch in Deutschland oder Kanada. 2013 wurde ein Erdbeckenspeicher in Dronninglund, D√§nemark, mit einem Volumen von 62‚ÄČ000‚ÄČm3 und einer Speicherkapazit√§t von 5570‚ÄČMWh gebaut (Fig. 5). Die Kosten des Speichers betrugen rund 2,3 Mio. Euro, was spezifischen Speicherinvestitionskosten von 0,41 EUR/kWh entspricht [8]. Figur 6 zeigt den gleichen Typ Speicher in H√łje Taastrup, ebenfalls D√§nemark.

In der Schweiz gibt es derzeit keine vergleichbaren Anlagen, obwohl in Kombination mit Kehrichtverwertungsanlagen oder anderen abwärmeintensiven Prozessen grosses Potenzial vorhanden wäre.

Swatch HQ, Biel: Aquiferspeicher

Ein Aquiferspeicher besteht aus zwei Grundwasserbrunnen (einer kalten und einer warmen). Im Sommer wird Grundwasser aus den kalten Brunnen genommen und genutzt, um das Geb√§ude zu k√ľhlen. Nachdem das Wasser zur K√ľhlung verwendet wurde, wird es erw√§rmt und in den warmen Brunnen zu Speicherzwecken wieder zur√ľckgef√ľhrt. Im Winter wird das Grundwasser aus den warmen Brunnen entnommen und genutzt, um das Geb√§ude zu erw√§rmen. Aufgrund der grossen Kapazit√§t eignen sich Aquiferspeicher vor allem in thermischen Netzen oder f√ľr grosse Geb√§ude, Krankenh√§user, B√ľros und Hotels. Auch f√ľr zusammenh√§ngend geplante Wohnsiedlungen kommen Aquiferspeicher in Kombination mit thermischen Netzen in Frage. Die bereits realisierten Projekte haben ein hohes CO2-Einsparpotenzial und geringe Amortisationszeiten von zwei bis sieben Jahren [19].

In den Niederlanden waren 2015 bereits √ľber 2500 Niedertemperatur-Aquiferspeicher in Betrieb mit einer Gesamtleistung von mehr als 1000‚ÄČMW [20]. In der Schweiz wurde 2018 der erste Aquiferspeicher auf dem Gel√§nde des neuen Swatch HQ gebaut. Hier wird die Heizung und K√ľhlung f√ľr Swatch und Omega von neun Aquifer-Brunnen und zwei ehemalige √Ėltanks, die zu Wasserspeichern umfunktioniert wurden, bereitgestellt.

Die Voraussetzung f√ľr diese Art der Speicherung ist das Vorhandensein von Grundwasserleitern, die auch in der Schweiz vorkommen. Der Jura, die Voralpen und die Alpen haben Potenzial f√ľr Aquifere [21]. Im Gegensatz zu anderen L√§ndern gibt es in der Schweiz jedoch noch ein veraltetes Gesetz, das die Erw√§rmung des Untergrunds auf drei Grad begrenzt. Das schr√§nkt die Nutzung dieser Technologie ein, macht sie aber nicht unm√∂glich. Erste politische Antr√§ge, diese Regelungen zu √§ndern, sind derzeit im Gange.

Unmutzung bestehender Hohlräume zur Wärmespeicherung

Ein neuartiger Ansatz zur Nachr√ľstung von saisonalen W√§rmespeichern wird derzeit von der Hochschule Luzern zusammen mit der swisspor AG entwickelt. Das Ziel ist es, die Umnutzung von bestehenden ungenutzten Hohlr√§umen im Untergrund in W√§rmespeicher zu erm√∂glichen. Dadurch sollen die Investitionskosten neuer Speicher erheblich reduziert werden. Zu diesem Zweck wurde eine spezielle W√§rmed√§mmung in Kombination mit Abdichtung entwickelt, die hohen Temperaturen, Druck und Feuchtigkeit standh√§lt und mit geringem Aufwand in einem geschlossenen Raum nachger√ľstet werden kann. Mit Wasser gef√ľllt, sollen Temperaturen von √ľber 90¬į Celsius √ľber Monate hinweg mit geringen W√§rmeverlusten erhalten werden k√∂nnen [22, 23]. Figur 7 zeigt eine m√∂gliche Anwendung eines solchen saisonalen W√§rmespeichersystems in einem Industriegebiet. Mit dieser L√∂sung l√§sst sich z.‚ÄČB. Solarw√§rme und industrielle Abw√§rme kosteng√ľnstig speichern und bei Bedarf wieder nutzen.

NOTWENDIGE SCHRITTE

Die vorherigen Abschnitte haben das Potenzial der saisonalen W√§rmespeicherung f√ľr die Energiewende aufgezeigt. Trotz des nachweislich hohen Nutzens gibt es in der Schweiz auffallend wenige Anlagen zur saisonalen W√§rmespeicherung. Um die Ausbreitung dieser Technologie in der Schweiz zu f√∂rdern und dadurch die Abh√§ngigkeit von fossilen Importen zu reduzieren, sind folgende Schritte notwendig:

  • Realisierung und F√∂rderung konkreter Projekte saisonaler W√§rmespeicher in der Schweiz mit Leuchtturmcharakter. So l√§sst sich das Potenzial mit ersten Anlagen effektiv nutzen. Gleichzeitig k√∂nnen Erkenntnisse aus dem Praxisbetrieb zur weiteren Optimierung gewonnen werden.
  • Die M√∂glichkeiten zur saisonalen thermischen Energiespeicherung sollen k√ľnftig in Energierichtpl√§nen auf regionaler Ebene sowie in Roadmaps und Energiestrategien ber√ľcksichtigt werden. Das erm√∂glicht eine systemische Integration der Speicherl√∂sungen bereits in der Konzeptionierungsphase.
  • Eine koordinierte Raum- und Energieplanung zur optimalen Ber√ľcksichtigung von Infrastrukturen f√ľr saisonale W√§rmespeicher. Da vor allem grossvolumige W√§rmespeicher in Kombination mit thermischen Netzen wirtschaftlich attraktiv sind, werden ausgewiesene R√§ume f√ľr die Realisierung grosser Speicher ben√∂tigt.
  • Geeignete F√∂rder- und Verg√ľtungsinstrumente sind zu entwickeln, um die Resilienz, Autarkie und Wirtschaftlichkeit bei der erneuerbaren W√§rmeversorgung zu gew√§hrleisten.
  • Eine Verbesserung der Kenntnisse √ľber den Schweizer Untergrund in Bezug auf die bestehenden Infrastrukturen ist essenziell, um das Potenzial von unterirdischen W√§rmespeichern aussch√∂pfen zu k√∂nnen.
  • Flexiblere Gestaltung der aktuell sehr restriktiven Rechtsrahmen f√ľr die Erw√§rmung von Grundwasser, um L√∂sungen f√ľr die Speicherung in Aquiferen zu erm√∂glichen.

FAZIT

Saisonale W√§rmespeicher sind essenziell f√ľr die Dekarbonisierung der Schweizer Energieversorgung. Es ist nachhaltiger und kosteneffizienter, W√§rme von Saison zu Saison zu speichern, als sie bei Bedarf zu erzeugen. Ausserdem kann dadurch die Abh√§ngigkeit vom Ausland verringert und die lokale Wertsch√∂pfung erh√∂ht werden. Saisonale W√§rmespeicher zusammen mit W√§rmenetzen und Sektorenkopplung erm√∂glichen eine Reduzierung des ungedeckten Winterstrombedarfs des Jahres 2050 um bis zu 4‚ÄČTWhel. Die n√∂tigen Technologien sind vorhanden und haben sich bereits vielfach ‚Äď vor allem in Nachbarl√§ndern ‚Äď bew√§hrt. Damit diese Technologie auch in der Schweiz Verbreitung findet, muss deren Einsatz in Energierichtpl√§nen auf regionaler Ebene ber√ľcksichtigt werden.

Bibliographie

[1] Bundesamt f√ľr Energie BFE (2017): Heizsystem und Energietr√§ger
[2] Bundesamt f√ľr Energie BFE (2020): Energieperspektiven 2050+. Kurzbericht
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[4] Guidati, G. (2022): Saisonale Wärmespeicher: ein wichtiger Beitrag zur ganzjährigen Sicherung unserer Energieversorgung, Forum Energiespeicher Schweiz, Roundtable May 2022 
[5] Ochs, F. (2013): Stand der Technik erdvergrabener Wärmespeicher
[6] Sveinbj√∂rnsson, D.; From, N. (2017): Fernw√§rme-Erdbecken als Langzeit-Wasserspeicher f√ľr D√§nische W√§rmenetze
[7] Speicherhersteller, Preiskataloge
[8] Wetzel, H. (2022): Möglichkeiten und Rolle der langfristigen thermischen Energiespeicherung in Dänemark, Forum Energiespeicher Schweiz, Roundtable May 2022 
[9] Hahne, E. (2000): ITW solar heating system: An oldtimer fully in action, Sol. energy, vol. 69, no. 6, pp. 469‚Äď493
[10] Mahon, D. et al. (2020): Feasibility study of MgSO4 + zeolite based composite thermochemical energy stores charged by vacuum flat plate solar thermal collectors for seasonal thermal energy storage, Renew. Energy, vol. 145, pp. 1799‚Äď1807
[11] Fumey, B.; Baldini, L. (2021): Static temperature guideline for comparative testing of sorption heat storage systems for building application, Energies, vol. 14, no. 13, pp. 1‚Äď15
[12] Suurstoffi (2010): https://www.suurstoffi.ch/energiekonzept
[13] Vetterli, N.; Sulzer, M. (2015): Dynamic Analysis of the Low-Temperature District Network ‚ÄėSuusrtoffi‚Äô Through Monitoring, Proc. Int. Conf. CISBAT 2015 Future Build. Dist. Sustain. from Nano to Urban Scale, pp. 517‚Äď522
[14] Ruesch, F. et al. (2015): Pumping Power Prediction in Low Temperature District Heating Networks, Int. Conf. CISBAT 2015, pp. 753‚Äď758
[15] ETH Hönggerberg (2013): https://ethz.ch/de/campus/entwickeln/hoenggerberg.html
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[17] Baldini, L. et al. (2019):¬†Fokusstudie ¬ęSaisonale W√§rmespeicher ‚Äď Stand der Technik und Ausblick¬Ľ, Forum Energiespeicher Schweiz
[18] Planenergi (2022): https://planenergi.eu/de/
[19] Geothermie (2022): https://www.geothermie.de/aktuelles/nachrichten.html
[20] Dutch policy on ATES systems (2016): https://dutch-ates.com/wp-content/uploads/2016/09/DutchPolicyOnATESSystems092016.pdf
[21] Geothermie Schweiz (2022): https://geothermie-schweiz.ch/waermestrom/hydrothermal/potenzial/
[22] Villasmil, W. et al. (2019): A review and evaluation of thermal insulation materials and methods for thermal energy storage systems, Renew. Sustain. Energy Rev., vol. 103, no. July 2018, pp. 71‚Äď84
[23] Schiffmann, D. et al. (2022): Accelerated and long-time creep testing of extruded polystyrene using isothermal and stepped isothermal method, Polymer (Guildf)., vol. 251, p. 124926

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