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31. März 2026

Fernwärme im Aufbruch

Zwischen Normierung, Ausbildung und Netztransformation

Die Hauptkommission Fernwärme/Fernkälte (FW HK) des SVGW traf sich am 18. März 2026 bei den Industriellen Werken Basel (IWB). Im Mittelpunkt des Tages standen die Weiterentwicklung des Regelwerks, zentrale Weichenstellungen für die Ausbildung im Bereich thermischer Netze sowie strategisch wichtige Branchenthemen von der Betriebsoptimierung bis zur Hochtemperatur-Fernwärme. Einen besonderen Schlusspunkt setzte die Besichtigung des Wärmespeichers Dolder – einer hochmodernen Anlage, die heute wesentlich zur ökologischen Stabilisierung des Basler Fernwärmenetzes beiträgt.
Stefan Güpfert 

Einleitend befasste sich die Hauptkommission Fernwärme/Fernkälte (FW‑HK) mit der Prioritätensetzung für kommende Projekte in den Bereichen Regelwerk, Erfahrungsaustausch oder Fachveranstaltungen. Dabei zeigte sich deutlich, wie stark der Fokus der FW‑HK auf professionellen, reproduzierbaren Standards im Netzbau und in der Netzkoordination liegt. So soll die bereits 2024 in Aarau gestartete ERFA zum Zusammenschluss von Netzen weitergeführt werden – ein Themenfeld, das mit Blick auf die laufende Verdichtung und Erweiterung von Fernwärmenetzen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ebenso wurde der Bereich der Bauabnahme als prioritäres Handlungsfeld identifiziert.

Richtlinien F5, F8 und F9 – die normative Basis der Branche

Die Weiterentwicklung des SVGW‑Regelwerks bildete einen weiteren Schwerpunkt der Sitzung. Die revidierte Richtlinie F5 zu Dichtheits- und Festigkeitsprüfungen an Fernwärme‑, Fernkälte- und Anergienetzen ist seit Anfang 2026 auf Deutsch publiziert und ersetzt die ältere Fassung; die Versionen in Französisch und Italienisch folgen nach Abschluss der Übersetzungen. Parallel dazu läuft seit dem 1. März die Vernehmlassung zur neuen Richtlinie F8, welche künftig Betrieb und Instandhaltung thermischer Netze definieren wird. Erste Stellungnahmen liegen bereits vor. Auch die Arbeiten rund um die Richtlinie F9 schreiten voran: Während bereits erste schriftliche Feedbacks aus der Romandie vorliegen, wird sich demnächst das deutschsprachige Pendant an die Arbeit machen und den Entwurf der Richtlinie F9 kritisch unter die Lupe nehmen. Dieser ganze Block verdeutlicht, wie dynamisch die Normierungslandschaft im Wärmebereich aktuell ist – und wie eng die Branche an der Weiterentwicklung beteiligt ist.

Ausbildung, Tagungen und Professionalisierung – ein Jahr der Kursentwicklung

Besonders intensiv diskutiert wurde der Lehrgang zum «Fachspezialisten Thermische Netze», dessen Anmeldestand für 2026 hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das Grundmodul etwa zählt derzeit nur sechs Teilnehmende, allerdings mit noch deutlich steigender Tendenz. Die Kommission erörterte verschiedene Ansätze, um die Attraktivität zu erhöhen: etwa eine klarere Modularisierung, die Möglichkeit, einzelne Bausteine wie F5 oder ASGS auch ohne Prüfungsabsicht zu besuchen, sowie eine verstärkte Kommunikation über Plattformen wie LinkedIn. Gleichzeitig laufen weiterhin Gespräche mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation zur Anerkennung eines eidgenössischen Fachausweises – ein Schritt, der für die formale Professionalisierung der Fernwärmebranche entscheidend wäre.

Auch die Fachtagung Wärme 2026, die am 19. November in Biel stattfinden wird, wirft ihre Schatten voraus. Sie nimmt das grosse Projekt der Standardisierung – von Installationskontrollen über Presssysteme und TAB bis zur hygienischen Warmwasserbereitung – in mehreren Themenschwerpunkten auf und soll die relevanten Akteure der Branche eng vernetzen. Ergänzend dazu entsteht erstmals ein Basiskurs Wärme, der neuen Mitarbeitenden einen niederschwelligen Einstieg in die Thematik geben soll und von der FW‑HK ausdrücklich unterstützt wird.

ERFA‑Landschaft und Austauschformate – die Branche vernetzt sich neu

In verdichteter Form wurden schliesslich auch die laufenden und neu geplanten ERFA‑Gruppen thematisiert. Besonders hervorzuheben ist die Neuausrichtung der ERFA «Betriebsoptimierung Fernwärme – bessere Effizienz dank Kennzahlen». Sie soll die bisherige KPI‑Gruppe ersetzen und stärker auf anwendungsorientierte Benchmarks und Effizienzsteigerungen abzielen. Gleichzeitig wurden die bestehenden ERFAs – zu Hochtemperatur‑Netzen, Wasserchemie und Korrosionsschutz, sowie zur Schweiss- und Qualitätssicherung – weiterhin als sehr relevant bestätigt. Die Geschäftsstelle wird sich in den kommenden Monaten intensiv darum kümmern, dass sämtliche ERFAs im angedachten Sinne aufgebaut und durchgeführt werden können.

Ein Blick in die Zukunft – und ein Dank an IWB

Den Abschluss des Tages bildete die Besichtigung des Wärmespeichers Dolder – ein technisches Herzstück der Basler Fernwärmeinfrastruktur. Der Speicher besteht aus neun Stahlbehältern mit insgesamt rund 1,26 Millionen Litern Fassungsvermögen, was in etwa 8 000 Badewannen entspricht. Er nimmt CO2‑neutral erzeugte Wärme aus der Kehrichtverwertungsanlage und den beiden Basler Holzkraftwerken auf und gibt sie zu Spitzenzeiten wieder an das Netz ab. Dadurch werden gasbetriebene Heizwerke deutlich entlastet, und jährlich lassen sich rund 1 200 Tonnen CO2 einsparen. Der Speicher befindet sich im ehemaligen Heizwerk am Dolderweg, einem Ort mit über 120 Jahren Energiegeschichte. Seine moderne Auslegung – Temperaturen bis rund 170 Grad, Drücke über 14 Bar, kombiniert mit komplexen thermischen und bautechnischen Simulationen – macht ihn zu einem eindrucksvollen Beispiel dafür, wie sich bestehende Infrastruktur für die Energiewende adaptieren lässt.

Ein herzlicher Dank gilt Sascha Pfändler, Norbert Gratzer, Evelin Rubli und dem Team der IWB für die gastfreundliche Betreuung und die Möglichkeit, diesen Speicher aus nächster Nähe zu erleben. Die Besichtigung hat eindrücklich gezeigt, wie technische Innovationskraft, jahrzehntelange Erfahrung und klimafreundliche Energieversorgung in Basel zusammenkommen – und sie setzte einen starken Schlusspunkt für eine Sitzung, die klar machte, wohin sich die Fernwärmebranche in den kommenden Jahren entwickeln wird.

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