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Fachartikel
29. März 2021

BAFU-Veranstaltung und SVGW-Fachaustausch

Wie umgehen mit der invasiven Quaggamuschel?

Aktuell wird beobachtet, wie die gebietsfremde, ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum stammende Quaggamuschel die Schweizer Seen und Flüsse mit beunruhigender Geschwindigkeit besiedelt. Die rasante Ausbreitung der Quaggamuschel führt zu ökologischen Schäden in den betroffenen Gewässern und zu hohen wirtschaftlichen Kosten. Insbesondere Seewasserentnahmen für die Trinkwassergewinnung oder für Fernwärme/-kälte sind gefährdet und müssen gegenüber einem zu starken Muschelbefall geschützt werden.
Martin Bärtschi, Margarete  Bucheli, 

Im Januar 2021 lud das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zu einem Erfahrungsaustausch ein. Im Mittelpunkt der ERFA-Veranstaltung standen einerseits die ökologischen Aspekte der Ausbreitung der Quaggamuschel und andererseits die Eindämmung der Verschleppung der Muschel in noch nicht befallene Gewässer. Um letzteres zu erreichen, hatte das BAFU bereits im Frühjahr 2020 die kantonalen Fachstellen adressiert und ihnen empfohlen, die betroffenen Akteure (Fischerei-/Sport-/Bootsbauer-Verbände/Schifffahrts-Behörden) zu informieren und präventive Massnahmen zu initiieren (siehe BAFU-Seite zu invasiven, gebietsfremden Arten).

Braucht es bessere gesetzliche Grundlagen?

Laut BAFU fehlt im Moment eine gesetzliche Grundlage, auf der z. B. eine obligatorische, mit einem Zertifikat bestätigte Bootsreinigung vor dem Einwassern durch die entsprechenden Ämter eingefordert werden kann. Die meisten Kantone sehen den Bund in der Pflicht, solch eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, damit griffige Massnahmen zur Eindämmung der Verbreitung invasiver Neozoen umgesetzt werden können. Einige Kantone hingegen erachten die Regelungen der sogenannten Freisetzungsverordnung (Verordnung über den Umgang mit Organismen in der Umwelt; FrSV) als ausreichende Grundlagen für weiterreichende Massnahmen und gehen jetzt schon relativ weit. So müssen beispielsweise in den Kantonen Aargau und Tessin Boote und andere Wassersportgeräte vor dem Einwassern entsprechend gereinigt werden.
Im Rahmen des Projekts «SeeWandel: Leben im Bodensee – gestern heute und morgen» soll eine Methode entwickelt werden, um in Zukunft systematisch die Ausbreitung der Quaggamuschel in Schweizer Gewässern erfassen zu können. Aktuell gibt es keine nationalen Daten zur Ausbreitung der Muschel. Die meisten Daten werden heute von den betroffenen Wasserversorgern erhoben. Es ist zu hoffen, dass durch das SeeWandel-Projekt eine zusätzliche Vernetzung zwischen den Betroffenen entsteht und die Informationsflüsse verbessert werden.
Weiter wurde von Wasserversorgungsvertretern auf die Wichtigkeit hingewiesen, alle Oberflächenwassernutzer zu sensibilisieren und zu vernetzen, wenn es um invasive Arten in Gewässern und die damit verbundenen Probleme geht. Der Informationsfluss sei derzeit allerdings ungenügend. Es sei daher wünschenswert, dass der SVGW beim BAFU entsprechende Veränderungen anstösst.

Technische Massnahmen gegen Quaggamuscheln

Ebenfalls im Januar 2021 organisierte der SVGW einen technischen Fachaustausch zur Quaggamuschel-Thematik. Vertreter der Bodensee-Wasserversorgung, der St. Galler Stadtwerke, der Wasserversorgung Zürich, von Energie Service Biel (ESB), von Service de l’eau Lausanne und der Services Industrielles de Genève (SIG) stellten zuerst ihre Seewasserwerke und den Grad des Befalls mit der Quaggamuschel vor. Danach berichteten sie von angedachten und geplanten Lösungen für eine zukünftige Quagga-resistente Aufbereitung. Auch bereits umgesetzte Massnahmen wurden präsentiert.

Stark betroffen ist der Bodensee. Hier wurde die Quaggamuschel 2016 zum ersten Mal nachgewiesen. Seitdem hat sie sich sowohl im ganzen Uferbereich als auch an tieferen Stellen im See massiv ausgebreitet. Entsprechend beobachten die St. Galler Stadtwerke (sgsw) in ihrem Seewasserwerk Frasnacht, dass der Saugkorb der Entnahmeleitung innerhalb eines Jahres komplett überwachsen wird. Auch die Leitung selbst ist inwendig partiell mit Muscheln besiedelt, wobei auffällt, dass in Leitungsbereichen, in denen sich die Strömung ändert, vermehrt Muscheln zu finden sind. Diese dringen bis ins Werk vor. Dort ist der Befall aber nicht dramatisch und die einzelnen Stufen können mechanisch gereinigt werden. Für die Reinigung des Saugkorbs setzte sgsw erstmals ein Tauchroboter ein, um mit Wasserhochdruck (150 bar und 40 l/min) die Muscheln innen und aussen zu entfernen. Die Technik erwies sich als voller Erfolg: Innerhalb von zwei Tagen konnte der Saugkorb komplett gereinigt werden.

Auch im Genfersee gibt es schon eine grosse Quaggamuschelpopulation. Die Entnahmeeinrichtungen (Ansaugkorb und Leitung) der Seewasserwerke von Service de l’eau Lausanne wie auch derjenigen von SIG werden von Quaggamuscheln besiedelt. Die Muscheldichte ist in der Nähe des Saugkorbes am grössten und nimmt dann gegen das Werk hin ab. Bei Service de l'eau steht momentan die regelmässige Kamerainspektion (ein- bis zweimal pro Jahr) der Entnahmeleitungen im Vordergrund. Falls nötig, kann der Saugkorb herausgehoben werden für eine Reinigung an der Oberfläche (auf einem Ponton). Diese Möglichkeit steht auch SIG zur Verfügung, wovon derzeit einmal im Jahr Gebrauch gemacht wird. Zudem installierte SIG bereits im Rahmen der Bekämpfung der Zebramuschel eine kontinuierliche Chlorung in den Seewasserentnahmeleitungen. Diese wird aktuell mit 0,25 ppm Chlor betrieben.
Für die ökologische Wärme- und Kälteversorgung in Genf realisiert SIG momentan das Grossprojekt GeniLac, ein hydrothermales Anergienetz, wofür Wasser aus dem Genfersee genutzt wird. Zum Schutz der Seewasserentnahmeleitung ist eine «ko-modale» Chlorung angedacht, die nun in Pilotversuchen getestet werden soll. Meistens soll die Leitung kontinuierlich, niedrig-dosiert (max. 0,5 ppm Chlor) gechlort werden. Wird eine starke Entwicklung der Muscheln festgestellt, beispielsweise im Sommer, könnten zusätzlich Stosschlorungen mit Chlorkonzentrationen grösser als 0,5 ppm (bis zu 10 ppm) durchgeführt werden. Diese Kombination von kontinuierlicher und Stosschlorung bietet verschiedene Vorteile, darunter eine erhöhte Flexibilität sowie eine Optimierung des Chloreinsatzes.
Mehrere Wasserversorger überlegen sich, die Seewasserentnahme redundant auszulegen, sprich vorhandene Seeleitungen jeweils durch eine zweite zu ergänzen, sodass die Wasserentnahme im Falle von Reinigungsarbeiten nicht unterbrochen werden muss. Gleichzeitig ist die Molchbarkeit der Leitungen ein zentraler Aspekt. Häufiges Molchen (z. B. alle vier Wochen) wäre vorteilhaft. So könnten nämlich die Larven entfernt werden, bevor sich die Muscheln bilden und festsetzen. Damit fällt praktisch kein Molchgut an, dass mühsam entsorgt werden müsste. Allerdings sind die aktuell verfügbaren Reinigungs- und Molchverfahren mit einer komplizierten Implementierung, d. h. mit ziemlich grossem Aufwand verbunden, sodass sie nur einmal, vielleicht zweimal im Jahr durchgeführt werden. Voraussetzung für eine monatliche Reinigung wäre folglich eine Automatisierung und Vereinfachung des Verfahrens. Dafür braucht es noch viel Studien- und Entwicklungsarbeit. ESB beschäftigt sich derzeit intensiv mit diesem Thema.

Informationen zur Quaggamuschel-Thematik

Auf der SVGW-Website wurde eine neue Seite zur Quaggamuschel-Thematik eingerichtet: https://www.svgw.ch/wasser/dossier-quaggamuschel/. Hier sind die SVGW-Fachinformation W15010 «Quagga» sowie Tabellen mit Zusammenfassungen der Präsentationen vom SVGW-Fachaustausch zu finden.

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