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28. Januar 2021

Premiere: Blue Summit Switzerland 2021

Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wagen den Wasser-Dialog

18 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutierten am 27. Januar 2021 die gesellschaftlichen Herausforderungen zum nachhaltigen Wassermanagement der Schweiz. Wie gehen wir mit Klimawandel, dem Investitionsbedarf oder dem Wasserfussabdruck um? Wo braucht es Innovationen und wie können diese gefördert werden? Komplexe Wasserthemen müssen angegangen werden um für die Zukunft gerüstet zu sein.
Paul Sicher 

Knapp 120 Teilnehmende waren an der Premiere des «Blue Summit Switzerland» online verbunden, als Mitinitiator und Moderator Heinz Habegger den Dialog eröffnete.

Heinz Habegger stellte in seiner Begrüssung drei Thesen in den Raum, welche für die Initiatoren Antrieb waren, die Dialogplattform «Blue Summit Switzerland» ins Leben zu rufen:

  • Forscher müssen sich vermehrt mit der Politik austauschen
  • die Herausforderungen in der Siedlungswasserwirtschaft werden komplexer und überfordert die bisherige lineare Herangehensweise und
  • «Wasser» gehört auf die politische Agenda

Mit der Dialogplattform Blue Summit wollen die Initiatoren einen Prozess anstossen.

Klimawandel als Treiber

Der Klimawandel bringt nach heutigem Wissensstand massive Veränderungen in den nächsten 100 Jahren für die Siedlungswasserwirtschaft. Die Gletscher werden praktisch verschwinden, es ist mit vermehrten Extremniederschlägen und Trocken-/Hitzeperioden zu rechnen, das Abflussregime der Flüsse wird sich massiv verändern. Kurzum, die Herausforderungen auf das künftige Wassermanagement sind enorm. Diese Schlussfolgerung stellte Carlo Scapozza (BAFU) im Detail vor und verwies auf die geplante Veröffentlichung des Berichts Hydro CH 2018 des National Centre for Climate Services NCCS im März 2021.

Innovationsrisiko-Versicherung für Gemeinden

Gemäss Prof. Max Maurer kostet der künftige Unterhalt der Wasserinfrastruktur um die  3 – 4 Mia. Franken pro Jahr, das sei mehr als für die Strasseninfrastruktur. Zudem weist er auf die Problematik der praktizierten Quersubventionierung im Infrastrukturbereich hin. Für Maurer ist deshalb klar, dass Innovationen der Infrastruktur z.B. in intelligente Netze gefördert werden müssen und damit die Schweiz vielleicht sogar international eine führende Rolle im Bereich der innovativen Wassertechnologien einnehmen kann. Um den Gemeinden die Realisierung von neuen Lösungsansätzen zu erleichtern, könnte eine Innovationsrisiko-Versicherung eingeführt werden. Diese deckt den Schaden bei einem Misserfolg. Preisüberwacher Stefan Meierhans gibt zu bedenken, dass Innovationen nicht per se nur über Gebühren finanziert werden dürfen, da seien auch andere Finanzierungstöpfe anzuzapfen. Die Sozialverträglichkeit der Finanzierung über Gebühren sei im Einzelfall zu prüfen.

Wasser zu billig für Kreislaufwirtschaft?

Prof. Eberhard Morgenroth stellte die technischen Möglichkeiten vor, wie Wasser mehrmals verwendet werden kann. Für ihn stellt sich weniger die Frage, ob wir die Kreisläufe schliessen sollen, sondern vielmehr wo und in welchem Ausmass wir die Wiederverwendung von Wasser umsetzen werden. Letztlich muss das zu erwartende Kosten/Nutzenverhältnis stimmen. Treiber der Entwicklung ist zweifelsohne die regionale Wasserknappheit bzw. der Wasserpreis. Die Schweiz hat noch genug Wasserressourcen, doch wird der Klimawandel hierzulande zu einer regionalen und zeitlichen Verknappung führen.

Die Vertreter der Industrie bestätigen, dass die Industrieunternehmen bereits heute viel in den sparsameren Wasserverbrauch und die Vervollständigung des Wasserkreislaufes investieren. Sowohl für die Pharmabranche als auch die Getränkebranche sei neben dem Wasserdargebot auch die Wasserqualität von grosser Bedeutung.

Versteckte Wasserimporte aufzeigen

Prof. Christoph Hugi von der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigte schliesslich anhand von Bilanzen, dass die Schweiz zwar nur etwa 160 Liter Trinkwasser pro Person und Tag verbraucht, aber  rund 4200 Liter Wasser pro Person und Tag aus anderen Ländern – teilweise mit erheblicher Wasserknappheit – importiert. So schlägt beispielsweise alleine ein T-Shirt mit 3'000 bis 20'000 Liter Wasser zu Buche, je nach Art und Weise der Produktion. Die Bevölkerung sei sich dieser Wasserimporte und den Zielkonflikten nicht bewusst. Auf der Fachebene gibt es z.B. mit dem Ansatz des Water-Stewardship nachhaltige Lösungsansätzen, die breite Bevölkerung werde jedoch noch nicht involviert.

Dialog mit Politikerinnen und Politikern

In der Diskussion mit Parlamentariern und Kantonspolitikern wurden Möglichkeiten eruiert, die Wasserthematik in die Politik zu bringen und innovativen Lösungsansätzen zum Durchbruch zu verhelfen. So verwies Nationalrat Christian Wasserfallen auf das neue Beschaffungsrecht, welche die Nachhaltigkeit der Projekte stärken will. Da sei nun die öffentliche Hand gefordert, das Recht umzusetzen. Ständerat Roberto Zanetti ortet die grössten Probleme bei Innovationsprojekten beim Verständnisschaffen in den Gemeinden. Um auf nationaler Ebene Rahmenbedingungen schaffen zu können, ruft er die Wissenschaft dazu auf, mit den Themen an die parlamentarischen Kommissionen zu gelangen und die Projekte vorzustellen. Die Politik sei angewiesen, dass man das Wissen zu den Parlamentariern bringen. Ständerat Ruedi Noser schliesslich findet, dass es offensichtlich Gesetzesanpassungen brauche, um die zentralistische Strategie der Siedlungswasserwirtschaft aus den 70er Jahren dezentraler und dynamischer zu gestalten – er zeigte sich schockiert über die hohen Wasserverbräuche.

Den Fachverbänden komme vor allem die Aufgabe zu, das neue Fachwissen als «best practices» in die Breite zu bringen. VSA-Direktor Stefan Hasler vermisst einen institutionalisierten Austausch zwischen Politik und der Wasserbranche und stellt die Idee einer parlamentarischen Gruppe Wasser in den Raum.

Wie weiter?

Die teilnehmenden politischen Entscheidungsträger nahmen die Kernideen des Dialogs nach eigenen Aussagen auf. Das sind die «Innovations-Risikoversicherung», der Bedarf an Bildung und Wissen um Wasserimporte sowie der Wunsch der Forschenden, auch Forderungen an die Forschung zu richten.

Etwas störend war, dass Stefan Mumenthaler sein Fazit dazu nutzte, um gegen die Trinkwasser- und Pestizidverbotsinitiative mobil zu machen.

Moderator Heinz Habegger fasste zusammen, dass wichtige Schlüsselthemen heute identifiziert werden konnten und sich die Politik offen zeige, diese Themen weiter zu bearbeiten. Ein Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik wird es zunehmend brauchen. Mit der Dialogplattform «Blue Summit» wolle man diesen Austausch, diesen Prozess auch künftig unterstützen.

Man darf gespannt sein - das Bedürfnis nach Dialog ist bei allen Ansprechgruppen vorhanden.

Podiumsteilnehmende
  • Olivier Aebi, CEO, Gruner AG
  • Botschafter Christian Frutiger, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA 
  • Urs Gasche, Verwaltungsratspräsident, BKW AG
  • Jutta Hellstern, Head Water Resources, Novartis AG
  • Stefan Hasler, Direktor, Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute VSA
  • Josef Hess, Regierungsrat Kanton Obwalden
  • Simon Hohmann, Co-CEO, Remei AG
  • Christoph Hugi, Dozent für Nachhaltigkeit und Entwicklung, Hochschule für Life Sciences FHNW
  • Max Maurer, Leiter Abteilung Siedlungswasserwirtschaft, Eawag und ETH Zürich
  • Stefan Meierhans, Eidg. Preisüberwacher
  • Eberhard Morgenroth, Leiter Abteilung Verfahrenstechnik, Eawag und ETH Zürich
  • Stefan Mumenthaler, Direktor, scienceindustries
  • Ruedi Noser, Ständerat, Kanton Zürich
  • Jacqueline de Quattro°, Nationalrätin, Kanton Waadt
  • Monica Sanesi, Kantonsrätin, Kanton Zürich
  • Carlo Scapozza, Abteilungsleiter Hydrologie Bundesamt für Umwelt BAFU und
    Auftraggeber des Projekts «Hydro CH 2018 – Hydrologische Grundlagen zum Klimawandel»
  • Christian Wasserfallen, Nationalrat, Kanton Bern
  • Patrick Wittweiler, Mitglied Geschäftsleitung Coca-Cola, HBC Schweiz
  • Roberto Zanetti, Ständerat, Kanton Solothurn
Initiatoren

Initiiert wurde «Blue Summit Switzerland» von Peter Lehmann und Heinz Habegger.

Website Blue Summit Switzerland

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