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30. Oktober 2020

VSA Young Professionals

Meinungsbildung zur Trinkwasserinitiative

Nächstes Jahr kommt die «Trinkwasserinitiative» zur Abstimmung. Die VSA Young Professionals haben Befürworter sowie Gegner eingeladen und machten sich ein eigenes Bild.
Paul Sicher 

Aarau, 21. Oktober 2020. Die Trinkwasserinitiative will nichts Geringeres, als einen Systemwechsel in der Landwirtschaftspolitik. Die Initiantin Franziska Herren erkl├Ąrt den Kerngedanken der Initiative: ┬źLandwirte sollen weiterhin Direktzahlungen erhalten, aber nur wenn sie ohne Pestizide produzieren, Antibiotika nicht prophylaktisch einsetzen und ├╝ber eine ausgeglichene N├Ąhrstoffbilanz verf├╝gen.┬╗ Sie kritisiert, dass wir im heutigen System ┬źunsere eigene Wasserverschmutzung subventionieren┬╗.

32ÔÇś000 Tonnen Antibiotika w├╝rden j├Ąhrlich in der Landwirtschaft eingesetzt, dies f├╝hre zu resistenten Bakterien in Gew├Ąssern und sogar in der Trinkwasserressource, dem Grundwasser. Herren findet es besonders st├Ârend, dass Tier├Ąrzte jeden zweiten Franken an der Verschreibung von Antibiotika verdienen w├╝rden.

┬źPestizide werden zu 85-90% in der Landwirtschaft eingesetzt┬ź, so Herren. Wie problematisch der Einsatz der Pestizide sei, zeige das Beispiel Chlorothalonil. ┬źHeute trinken rund 1 Million Menschen im Mittelland ein Trinkwasser, welches den geltenden H├Âchstwert f├╝r Pestizidr├╝ckst├Ąnde nicht einhalten kann.┬╗ Pestizide seien auch in anderen Lebensmitteln nachweisbar. ┬ź154 Wirkstoffe mussten seit 2005 vom Markt genommen werden, weil sie sich im Nachhinein als zu umweltsch├Ądlich erwiesen haben┬╗.

Franziska Herren weist sichtlich stolz auf das Netzwerk von Wasserfachleuten 4aqua.ch hin, welches die Trinkwasserinitiative unterst├╝tzt.

Markus Bucher ist Betriebsleiter eines Bio-Landwirtschaftsbetriebes (Gem├╝seanbau) mit 30 Angestellten und unterst├╝tzt die Trinkwasserinitiative. Er bef├╝rwortet einen Richtungswechsel in der Landwirtschaftspolitik. ┬źDaf├╝r sind kleine und grosse Schritte notwendig┬╗, so Bucher. F├╝r ihn ist Wasser eine eminent wichtige Lebensgrundlage, die besser gesch├╝tzt werden muss. Die Initiative biete den Landwirten aber auch Entwicklungspotential: ┬źIch weiss aus meiner t├Ąglichen Arbeit, dass eine Landwirtschaft ohne chemisch-synthetische Pestizide m├Âglich ist, wenn auch anspruchsvoll.┬╗ Es brauche auch mehr Forschung in die pestizidfreie Landwirtschaft. Er selber will beispielsweise seine Produktion von einer Monokultur in eine effizient bewirtschaftbare Mischkultur als vernetztes ├ľkosystem (Permakultur) ├╝berf├╝hren.

 

SRF-Beitrag von Markus Bucher zu Mischkultur/Permakultur: Was fehlt in herk├Âmmlichen Feldern?

David Brugger vom Schweizerischen Bauernverband l├Ąsst an der Trinkwasserinitiative hingegen kein gutes Haar: ┬źDie Landwirtschaft bewegt sich auch ohne Trinkwasserinitiative. Und die Initiative ist extrem┬╗. Im Initiativtext stehe beispielsweise explizit drin, dass nur Betriebe von Direktzahlungen profitieren k├Ânnen, welche ┬źkeine Pestizide┬╗ einsetzen. Folglich seien auch die f├╝r Bio zugelassenen Pflanzenschutzmittel nicht erlaubt. Auch die N├Ąhrstoffregelung ┬źÔÇŽd├╝rfen nur betriebseigenes Futter verwenden┬╗ sei nicht haltbar. Auch BioSuisse, ┬źdas sind ja intelligente Leute┬╗, habe das erkannt.

Brugger f├╝hrt zudem die HAFL-Studie ins Feld, bei dem die Auswirkungen der Trinkwasserinitiative untersucht wurden. Die Trinkwasserinitiative habe auf alle Betriebe negative Auswirkungen; einige w├╝rden den ├ľLN (├ľkologischer Leistungsnachweis) verlassen. Brugger zitiert eine weitere Studie, die Studie ┬źFolgeabsch├Ątzung Trinkwasserinitiative┬╗ von Agroscope. Die Analyse von 18 Szenarien zeigen, dass die Produktivit├Ąt und der Selbstversorgungsgrad sinken. Eine zweite Studie von Agroscope kommt zum Schluss, dass die Trinkwasserinitiative insgesamt negative Auswirkungen auf die Umwelt haben w├╝rde.

F├╝r Brugger ist es vor allem st├Ârend, dass mit der Initiative einseitig die Landwirtschaft in die Pflicht genommen w├╝rde. Beispielsweise wird der Pestizideinsatz von nicht geschulten Privatpersonen oder der Einsatz von Bioziden aussen vor gelassen. Deshalb preist Brugger als L├Âsung die Parlamentarische Initiative (Pa.Iv.) 19.475 an, welche die Probleme schneller und gerechter l├Âsen k├Ânne. Der Bauernverband unterst├╝tze diese Pa.Iv.

Adrian Eberhard leitet einen Familienbetrieb und hat in den letzten Jahren stark in H├╝hner-Intensivmast investiert. Ein moderner Stall mit ┬źQuarant├Ąnehaltung┬╗ f├╝r jedes einzelne Tier beherbergt rund 15ÔÇś000 H├╝hner und gen├╝gt hygienisch h├Âchsten Anforderungen. Dadurch kann er die Tiere gesund halten und ben├Âtige wenig Arzneimittel. Dazu betreibt Eberhard noch Ackerbau f├╝r die Futtermittelproduktion und eine Schweinemast. Von der Trinkwasserinitiative w├╝rde er ┬źknallhart┬╗ getroffen. Zwar erh├Ąlt er f├╝r die H├╝hnermast auch heute keine Direktzahlungen, doch w├╝rde er f├╝r den Ackerbau k├╝nftig keine Direktzahlungen mehr erhalten, weil er auch diesen intensiv bewirtschaftet und Pflanzenschutzmittel einsetzt. Aus seiner Sicht w├╝rde die Trinkwasserinitiative zu einem gr├Âsseren Import von Fleisch f├╝hren, das unter oft massiv schlechteren Bedingungen hergestellt wird. Er w├╝rde jedenfalls aus dem ├ľLN aussteigen.

Stefan Hasler f├╝hrt einleitend durch die Erfolgsgeschichte des Gew├Ąsserschutzes und stellt fest, dass die Branche jedes Mal rasch und konsequent handelte, wenn ein Problem festgestellt wurde: Auf Grund der Schaumteppiche und der sterbenden Seen wurden in der Schweiz in den 1960er und 1970er-Jahren fl├Ąchendeckend ARA gebaut. In den 1980er Jahren wurden wegen den nach wie vor zu hohen Ammoniumkonzentrationen viele ARA massiv f├╝r eine ganzj├Ąhrige Nitrifikation ausgebaut. Weil die Gew├Ąsser mittlerweile zwar sauber sind, aber unter den Mikroverunreinigungen leiden, werden weit ├╝ber 100 ARA mit einer 4. Reinigungsstufe ausger├╝stet. Damit wird einerseits die Fracht der unerw├╝nschten Mikroverunreinigungen innert 20 Jahren mehr als halbiert und andererseits besonders betroffene oder sensible Gew├Ąsser gezielt entlastet.

40% der Mikroverunreinigungen in Gew├Ąssern stammen jedoch aus der Landwirtschaft, da braucht es nun wirksame Massnahmen. Hasler weist auf die NAWA-Spez-Studie zur Belastung der kleinen Fliessgew├Ąsser mit Pestizidr├╝ckst├Ąnden hin und auf die im Mittelland fl├Ąchendeckende Belastung des Grundwassers mit Chlorothalonilr├╝ckst├Ąnden.

Aufgrund der nachweislichen Belastung der Gew├Ąsser unterst├╝tzte der VSA die Ziele der Trinkwasserinitiative. Der Initiativtext weise zwar redaktionelle Schw├Ąchen auf. ┬źAber der Gesetzgeber hat einen erheblichen Ermessensspielraum bei der Umsetzung der Initiative wie andere Beispiele und unser Rechtsgutachten belegen.┬╗, ist Hasler ├╝berzeugt.

Auf Grund der kontroversen Diskussionen im VSA-Vorstand verzichtet der VSA zwar auf eine Parolenfassung. ┬źDoch im Wissen darum, dass das Parlament nicht unsere Landwirtschaft zu Grunde richten will und die Initiative deshalb mit Mass umsetzen wird, darf auch der verantwortungsvolle B├╝rger ein ┬źJa┬╗ in die Urne legen.┬╗

Hasler weist ebenfalls auf die parlamentarische Initiative 19.475 als m├Âgliches Instrument hin , welches rascher und sogar breiter wirksame Massnahmen umsetzen k├Ânnte. Doch hat die Kommissionen f├╝r Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats (WAK-N) die Vorlage bereits wieder verw├Ąssert. Der VSA werde sich daf├╝r einsetzen, dass der Nationalrat wichtige Elemente f├╝r den Gew├Ąsserschutz wieder aufnimmt; eine Lenkungsabgabe f├╝r Pflanzenschutzmittel, den Absenkpfad f├╝r N├Ąhrstoffe mit verbindlichen numerischen Zielwerten und auch dass nicht-relevante Pestizidr├╝ckst├Ąnde den Anforderungswert im Zustr├Âmbereich der Grundwasserfassungen einhalten m├╝ssen.

An David Brugger gerichtet sagt Hasler: ┬źDen Beweis, dass sich die Landwirtschaft auch ohne Trinkwasserinitiative bewegt, m├╝sst ihr erst noch erbringen. Beim Nitrat spricht man seit ├╝ber 30 Jahren dar├╝ber, dass wir ein Nitratproblem im Grundwasser haben, und die Stickstoffeintr├Ąge aus der Landwirtschaft massiv reduziert werden m├╝ssen. Obwohl das langfristige Ziel eine Reduktion auf rund 65'000 Tonnen pro Jahr fordert, verharren die Stickstoffeintr├Ąge aus der Landwirtschaft seit 20 Jahren auf einem Niveau von deutlich ├╝ber 100'000 Tonnen pro Jahr. Ich w├╝nschte mir, dass die Landwirtschaft das Nitrat- und das Pestizidproblem ├Ąhnlich konsequent angeht wie die Siedlungsentw├Ąsserung, nicht dass die junge Generation in 20 Jahren feststellen muss, dass dieselben Gew├Ąsserschutzdefizite nach wie vor bestehen.┬╗

In der abschliessenden Diskussion konnten die Teilnehmenden Fragen stellen. Der Referentin und den Referenten ist es gelungen, die verschiedenen Standpunkte n├Ąherzubringen und eine Basis f├╝r die Meinungsbildung zu legen. Herzlichen Dank.

Eine Ann├Ąherung der gegens├Ątzlichen Positionen war wie zu erwarten nicht zu beobachten. Man darf jetzt schon gespannt sein auf den Abstimmungskampf. Es wird einander nichts geschenkt.

Netzwerk 4AQUA: Wasserfachleute f├╝r die Trinkwasserinitiative
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4aqua beschreibt sich als Netzwerk von Fachleuten und WissenschaftlerInnen, die tagt├Ąglich die Belastung der Trinkwasserressourcen und Gew├Ąsser zu sehen und sp├╝ren bekommen. Den durch Pestizide und andere Schadstoffe verursachten dringenden Handlungsbedarf k├Ânnen die Fachleute von 4 Aqua aus erster Hand best├Ątigen. Deshalb haben sie sich zusammengeschlossen. Damit das Wasser eine faktenbasierte, politische Stimme und einen wirksamen Schutz erh├Ąlt. Das Netzwerk wird koordiniert von J├╝rg Meyer (Gesch├Ąftsf├╝hrung Holinger AG), Martin W├╝rsten (eh. Chef AfU SO), Peter Hunziker (Gesch├Ąftsf├╝hrer Hunziker Betatech AG) und Roman Wiget (AWBR).

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