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Fachartikel
26. April 2024

Gewässer-Revitalisierung

Der Riale Prella erblickt wieder das Licht

Im Mendrisiotto sind 17,4 km Flussabschnitte revitalisierungsbedürftig. Mit dem Projekt «Ökologische Infrastrukturen von Laveggio und Gaggiolo» fördert der WWF Italienische Schweiz seit 2010 die Vernetzung der natürlichen Lebensräume. So sollen die Fliessgewässer, die Arten von europäischer Bedeutung beherbergen, wieder miteinander verbunden werden. Die Revitalisierung des Riale Prella war eine von 49 ermittelten und mittlerweile umgesetzten Massnahmen. Die Projekte waren allesamt ambitioniert und von grossem ökologischen Wert.
Ilaria Sibio, Marco Nembrini, Numa Sosa, Aline Brander, 

Der Riale Prella entspringt in Uggiate, Italien, und verläuft auf einer Länge von 2,3 km zwischen Italien und der Schweiz. Bei Novazzano erreicht der Bach die Schweiz und fliesst nach Genestrerio. Vor den Revitalisierungsmassnahmen unterquerte er dort eingedolt (ca. 300 m) die Rebberge einer bedeutenden Weinkellerei des Mendrisiotto. Wieder im natürlichen Zustand mündet er in einem Naturschutzgebiet in den Bach Laveggio.

Für das Projekt wurden fast 800 m² landwirtschaftliche Flächen in Anspruch genommen, die als Fruchtfolgeflächen ausgewiesen waren. Laut Gesetz muss jede Verringerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Flächen gleicher Grösse und Qualität oder durch andere für die Landwirtschaft geeignete Flächen kompensiert werden. In der Gemeinde Stabio wurde ein geeignetes Gebiet identifiziert, für das eine kompensatorische landwirtschaftliche Wiederherstellung geplant und durchgeführt wurde.

Projektträger war das «Consorzio manutenzione arginature del Medio Mendri­siotto». Finanziell unterstützt wurde das Projekt vom Kanton Tessin, Bund und WWF Italienische Schweiz. Die Firma Comal.ch aus Morbio Inferiore überwachte die Planung und Leitung der Arbeiten, zusammen mit der Firma Oikos Sagl aus Bellinzona als Fachberater für Umwelt- und Landwirtschaftsplanung.

Ökologische Defizite

Aus ökomorphologischer Sicht stellte die eingedolte Strecke den am stärksten beeinträchtigten Abschnitt dar, denn die ökologische Funktionalität war nicht gegeben: Die für Tieflandgewässer charakteristischen Pflanzen- und Tierarten fehlten, was sich direkt auf die Durchgängigkeit der Strecke für die aquatische und terrestrische Fauna auswirkte. Die biologische Qualität des Fliessgewässers war unzureichend, ohne diversifizierte und strukturierte makrozoobenthische Gemeinschaft. Bachabwärts und -aufwärts der eingedolten Strecke war die biologische Qualität jedoch gut. Eine Ufer- und Wasservegetation hingegen war nicht vorhanden. Nicht zuletzt wurden zahlreiche invasive Neophyten festgestellt, die zur Verarmung natürlicher Lebensräume beitragen, was sich nachteilig auf die biologische Vielfalt auswirkte.

Ökologische Zielsetzungen

Das übergeordnete Ziel war die Revitalisierung des beeinträchtigten Abschnitts, so dass dieser dem Referenzzustand, natürlich oder naturnah, ähneln würde – so wie oberhalb und unterhalb des eingedolten Abschnitts. Diese Strecken stellen den ökomorphologischen Referenzzustand in Bezug auf die für die Gewässer der Region typischen Fluss- und Landlebensräume und Arten dar.

Spezifische Ziele wurden durch die Identifizierung von Ziel- und Schirmarten basierend auf ihrem Vorkommen im Untersuchungsgebiet, dem Grad der Bedrohung und der Erhaltungspriorität definiert. Zu diesen Arten zählten z. B. die Barrenringelnatter (Natrix helvetica), der Springfrosch (Rana dalmatina), der italienische Springfrosch (Rana latastei), die Wasseramsel (Cinclus cinclus) und die Fischart Strigione (Telestes muticellus). Die Sanierung von Quer- und Längshindernissen ist von grundlegender Bedeutung, um dem Bach eine Schlüsselrolle in der ökologischen Infrastruktur der Region zu geben. Darüber hinaus wurde ein Bepflanzungsplan erstellt mit dem Ziel, die Ufervegetation zu diversifizieren und gleichzeitig den Bach zu beschatten. Ein Fussweg bietet den Nutzern ein neues Erholungsgebiet von landschaftlichem Wert.

Ein neues natürliches, aber vom Menschen geschaffenes Gerinne

Das neue Flussbett wurde auf der Grundlage der Referenzstrecken flussaufwärts und flussabwärts des eingedolten Abschnitts neu angelegt. Der Bach wurde durch eine Öffnung aus einer Speicherkammer abgeleitet und verläuft nun neu 310 m entlang des bestehenden landwirtschaftlichen Weges, bis er in einen anderen Arm des Baches Prella mündet.

Die neue Strecke kreuzt an zwei Stellen Strassen, weshalb zwei Brücken gebaut wurden, um einen funktionierenden Verkehr für Personen und Fahrzeuge zu gewährleisten. Die Gewässerbreite ist variabel, damit der Bachlauf dynamische Lebensräume sowohl für die aquatische als auch für die terrestrische Fauna schaffen kann. Strukturierende Elemente wie Felsbrocken, Baumstümpfe und Äste werden abwechselnd in das Flussbett eingebracht, um den Erosions- und Sedimentationsprozess zu fördern, der für die Schaffung und Regeneration natürlicher Lebensräume für die Wasserfauna von grundlegender Bedeutung ist.

Die Ufer wurden mit Unterschlupfstrukturen wie Steinen, Baumstümpfen und Totholzablagerungen für die kleine terrestrische Fauna angereichert. Diese Strukturen sind besonders bei Reptilien, Amphibien, Kleinsäugern und wirbellosen Tieren beliebt.

Geben wir der Natur ihren Raum zurück!

Der Gewässerraum beträgt 14m an der Stelle, wo der Bach das Naturschutzgebiet durchquert, und 11m entlang des Rests der Strecke. Der bestehende unbefestigte landwirtschaftliche Weg liegt innerhalb des Gewässerraums, da er auch für den Gewässerunterhalt genutzt wird. Nach der Realisierung des neuen natürlichen Systems wurde mit dem Gewässerunterhalt begonnen, um das dynamische Gleichgewicht des Gewässers wieder herzustellen. Dazu gehören die Pflege der Begrünung und der Ufervegetation, die Bekämpfung invasiver Neophyten und die Gewährleistung der ökologischen Funktionalität des Gerinnes.

In Kürze

Besonderheiten: fast vollständig eingedolter Fließgewässerabschnitt (280 m von 310 m)

Grösse des Gewässers: Kleines Gewässer der Alpensüdflanke

Kontext: landwirtschaftliche Flächen, Wald und Naturschutzgebiet Revitalisierungsabschnitt: 280 m von insgesamt 310 m unter freiem Himmel

Gewässerraum: 11 - 14 m (innerhalb / ausserhalb Naturschutzgebiets)

Gesamtkosten (GK): CHF 755 000 (inkl. Renaturierung, landwirtschaftliche Rekultivierung und Betreuung in der Anfangsphase)

Subventionen: CHF 715 000 (95% der GK)

Revitalisierung

Die Revitalisierung ermöglicht es Flüssen, Bächen, Quellen und Seen, ihre ökologischen Funktionen wieder aufzunehmen. Dies kommt der Artenvielfalt, der Naherholung und dem Hochwasserschutz zugute. Innerhalb von 80 Jahren soll ein Viertel der rund 16'000 Kilometer verbauter Fliessgewässer in der Schweiz auf diese Weise saniert werden. In einer informellen Aqua & Gas-Serie stellen die Wasser-Agenda 21 und der VSA bereits umgesetzte Revitalisierungsprojekte vor.

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