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16. März 2023

GEWÄSSERTOXIZITÄT

Studie zu konventionellen und biologischen Pestiziden

Es wird viel darüber diskutiert, ob die (meist synthetischen) Pestizidwirkstoffe, die in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt werden, andere Auswirkungen auf Nicht Zielorganismen haben als die natürlichen aktiven Substanzen, die in der ökologischen Landwirtschaft zulässig sind. Eine Studie von Umweltforschungsinstitut & Umweltorganisation Global 2000 und Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien ging dieser Frage auf den Grund. Die Ergebnisse wurden vor kurzem in der Fachzeitschrift Toxics publiziert.

Im Rahmen der Studie wurden insgesamt 390 Pestizide der EU-Pestiziddatenbank angeschaut und bewertet, darunter:

  • 256 Pestizide, die nur in der konventionellen Landwirtschaft zugelassen sind, und
  • 134 Pestizide, die auch in der biologischen Landwirtschaft erlaubt sind.

Für die Bewertung und den Vergleich wurden einerseits die Gefahren-Klassifizierungen gemäss dem UN-System «Globally Harmonized System of Classification and Labelling of Chemicals (GHS)» und andererseits die gesundheitlichen (ernährungs- und arbeitsmedizinischen) Richtwerte aus dem EU-Zulassungsverfahren herangezogen.

Unterschiede in den Gefahreneinstufungen

Die Auswertungen ergaben, dass Pestizid-Wirkstoffe, die für den Einsatz in der konventionellen und integrierten Landwirtschaft zugelassen sind, gefährlicher für Mensch und Umwelt sind als die natürlichen Wirkstoffe, die in der ökologischen Landwirtschaft eingesetzt werden dürfen. So zeigte sich, dass ein deutlich höherer Anteil der nur in der konventionellen Landwirtschaft verwendeten Pestizid-Wirkstoffe mit Angaben zu Gesundheits- oder Umweltrisiken bzw. mit Umweltgefahrenhinweisen versehen waren als bei den für den ökologischen Landbau zugelassenen Wirkstoffe.

Die Gefahren-Klassifizierungen werden von den Zulassungsbehörden vorgenommen. Entsprechende Gefahrenhinweise, auch H-Sätze (von engl.: Hazard Statements) genannt, sind auf Packungen und Sicherheitsdatenblättern zu finden. Mit diesen H-Sätzen wird auf physikalische Gefahren (z.B. Explosionsgefahr), Gesundheitsgefahren (z.B. akute Toxizität oder Kanzerogenität) und Umweltgefahren, darunter akute und chronische Gewässertoxizität, aufmerksam gemacht.

  • 55 Prozent der Pestizid-Wirkstoffe, die in der konventionellen Landwirtschaft zugelassen sind, sind mit 1 bis 9 Gefahrenhinweisen versehen.
  • 3 Prozent der natĂĽrlichen Pestizid-Wirkstoffe, die auch in der biologischen Landwirtschaft erlaubt sind, sind mit 1 bis 5 Gefahrenhinweisen versehen.
Unterschiede auch bei Gewässertoxizität

Hinsichtlich der akuten aquatischen Toxizität sind 39,8 Prozent (102 Wirkstoffe) der konventionellen Pestizide als sehr giftig für Wasserorganismen eingestuft, aber nur 1,5 Prozent (2 Wirkstoffe) der biologischen Pestizide, nämlich die beiden Insektizide Pyrethrine und Spinosad. Was die chronische aquatische Toxizität betrifft, so sind 49,6 Prozent (127 Wirkstoffe) der konventionellen Pestizide als schädlich, giftig oder sehr giftig für Wasserlebewesen mit langfristiger Wirkung klassiert, während wiederum nur 1,5 Prozent (2 Wirkstoffe) der biologischen Pestizide als sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung eingestuft sind. Bei den zwei Wirkstoffen handelt es sich ebenfalls um die beiden Insektizide Pyrethrine und Spinosad.

Wirkungsweisen fĂĽr Gefahrenprofile verantwortlich

Die Unterschiede im Gefahrenprofil der biologischen und konventionellen Pestizide werden von den Studienautoren auf unterschiedliche Wirkungsweisen zurĂĽckgefĂĽhrt:

Fast alle synthetischen Pestizid-Wirkstoffe, die in der Studie angeschaut wurden, entfalten ihre Wirkung durch Beeinflussung biochemischer Prozesse in den jeweiligen Zielorganismen. Sie wirken als Single-Site-Inhibitoren von Enzymen oder Rezeptoren, die fĂĽr den Zellstoffwechsel und fĂĽr die Kommunikation innerhalb der Zelle und zwischen verschiedenen Zellen wesentlich sind. UnerwĂĽnschte Schadwirkungen in Nicht-Zielorganismen sind dabei nicht ausgeschlossen. Unter den biologischen Pestiziden der Studie hingegen fanden sich nur drei Insektizide (Azadirachtin, Pyrethrine und Spinosad) mit solch einem Wirkmodus als Single-Site-Inhibitoren.

Publikation der Studie in Toxics

Die gesamte Studie kann in der frei zugänglichen Zeitschrift Toxics nachgelesen werden:

Helmut Burtscher-Schaden, Thomas Durstberger, Johann G. Zaller (2022): Toxicological Comparison of Pesticide Active Substances Approved for Conventional vs. Organic Agriculture in Europe. Toxics 10, 753. https://doi.org/10.3390/toxics10120753 (Toxics | Free Full-Text | Toxicological Comparison of Pesticide Active Substances Approved for Conventional vs. Organic Agriculture in Europe (mdpi.com))

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