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28. August 2019

Interview

Marcel Aebi: «Es braucht einen Sicherheitsdialog!»

Unternehmen wie die Industriellen Werke Basel IWB setzen sich rund um die Uhr für die Versorgungssicherheit ein. Dazu sind viele Mitarbeitenden im Einsatz. Ihre Sicherheit an allen Arbeitsplätzen – sei es auf der Baustelle, bei der Energieproduktion oder im Büro – gilt es ebenfalls zu gewährleisten und ihre Gesundheit zu schützen. Marcel Aebi, Leiter Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bei IWB, setzt sich zusammen mit einem Team von Sicherheitsbeauftragten dafür ein. Er berichtet im Interview, wie sich die Arbeitssicherheit bei IWB entwickelt hat und wie sie stetig weiter verbessert wird.
Margarete  Bucheli 

Herr Aebi, IWB entstand vor gut 40 Jahren aus dem Zusammenschluss des Basler Elektrizitäts- und des Gas- und Wasserwerkes. Seither hat sich im Unternehmen viel verändert. Welche wichtigen Entwicklungen gab es in dieser Zeit in Ihrem Bereich?
Vor 40 Jahren waren Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz dezentral organisiert; es gab keine eigene Organisationseinheit dafür. Trotzdem war die Arbeitssicherheit ein wichtiges Thema. Sie lag in der Verantwortung der Bereichsleiter und basierte auf Betriebshandbüchern für die einzelnen Sparten Strom, Gas, Wasser und Fernwärme sowie einem weiteren für die Energieproduktion. Als Folge der Veröffentlichung der EKAS-Richtlinie «Beizug von Arbeitsärzten und anderen Spezialisten der Arbeitssicherheit» (ASA-Richtlinie) gab es Anfang der 2000er-Jahre bei IWB starke Veränderungen: Die Ressourcen für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz wurden vergrössert.
Zudem wurde eine Sicherheitskommission (SiKo) etabliert, in die jeder Bereich, in dem handwerkliche Arbeiten ausgeführt werden, einen Mitarbeitenden, einen sogenannten Sicherheitsdelegierten entsandte, um die Kommission dezentral zu verankern. Mein Vorgänger Urs Thomann begann im Jahre 2003 – als erster klassischer Sicherheitsbeauftragter (SiBe) – ein Sicherheitskonzept gemäss den 10 Punkten der ASA-Richtlinie aufzubauen und weiterzuentwickeln. Ausgelöst durch das SUVA-Programm «Integrierte Sicherheit», das IWB von Oktober 2009 bis Juni 2012 durchführte, wurden die Aufgaben der SiKo und ihre organisatorische Einbindung in die IWB überarbeitet. Zusätzlich zur SiKo wurde ein Lenkungsausschuss gebildet, in dem entsprechend ihrer Relevanz für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz die Leiter der «handwerklichen» Bereiche (inkl. Engineering) vertreten sind. Dadurch wurde auch die Geschäftsleitung der IWB eingebunden und ihre Verantwortung für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz unterstrichen, denn die Bereichsleiter rapportieren direkt an die ihnen vorgesetzten Geschäftsleitungsmitglieder.
Im Jahr 2015 konnte ich eine gut funktionierende Sicherheitsorganisation als Leiter «Gesundheit, Sicherheit, Umwelt» übernehmen und weiterführen. Im Dezember 2018 wurden die Aufgaben neu verteilt. Seitdem bin ich Leiter «Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz». Aktuell ergänzen wir unsere Sicherheitsorganisation mit gut ausgebildeten Fachsicherheitsbeauftragten (FachSiBe). In der Abteilung «Betrieb und Instandhaltung – Gas, Wasser, Fernwärme» ist mit Gerd Moser bereits ein FachSiBe operativ im Einsatz.

Was sind bei IWB in den Bereichen Fernwärme, Gas und Wasser die heikelsten Arbeiten bzw. die gefährlichsten Arbeitssituationen?

Beim Werkleitungsbau sind die Arbeiten in den Gräben, vor allem das Einbringen und Herausnehmen grosskalibriger Rohre (inkl. Armaturen) unter den engen Platzverhältnissen zu nennen. Auch in Schächten und Leitungstunneln ist es in der Regel eng und dazu sind die Fluchtwege z. T. lang. Die Arbeiten dort sind besonders herausfordernd. Bei Betriebs- und Instandhaltungsarbeiten ist vor allem der hohe Druck in den Leitungen gefährlich. Hinzu kommen beim Gas die Explosionsgefahr und bei der Fernwärme die hohen Temperaturen. Die Wiederinbetriebnahme von Fernwärmeleitungen ist ebenfalls eine heikle Situation wegen eines möglichen Dampfschlages. Insgesamt ist das Arbeiten im öffentlichen Bereich aufgrund von Verkehr, Wind und Wetter eine Herausforderung.
Besonders gefordert sind unsere Mitarbeitenden bei der Störungsbehebung und den damit verbundenen Piketteinsätzen rund um die Uhr. Der Pikettmitarbeiter kommt alleine zur Störung, er muss vieles abklären und er muss schnell Entscheidungen treffen. Unterstützt wird er natürlich durch die Netzleitstelle der IWB. Problematisch sind darüber hinaus die schlechte Sicht bei Nachteinsätzen, oftmals auch die Verkehrssituation im Bereich der Störung und schliesslich die Müdigkeit, vor allem wenn der Mitarbeiter mehrere Einsätze hintereinander bewerkstelligen muss.

Sie führen bei IWB regelmässig eine Gefahrenanalyse durch. Wie läuft diese ab?
Dazu führen wir regelmässig Workshops durch, in denen die Vorgesetzten und die zuständigen Sicherheitsbeauftragten gemeinsam mit den Mitarbeitenden die jeweilige aktuelle Gefährdungsübersicht bei den ausgeführten Arbeiten zusammenstellen. Anschliessend werten die Sicherheitsbeauftragten diese aus und beurteilen die vorgeschlagenen Massnahmen. Als Hilfsmittel für die Gefahrenermittlung nutzen wir eine EHS (Environment, Health, Safety)-Software namens sam® der Firma secova, genauer das Funktionsmodul «Gefährdungsbeurteilung». Auf diese Weise können wir die Ergebnisse der Analysen lückenlos dokumentieren. Das Modul ist vergleichbar mit der vom VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) angebotenen Sicherheitsdatenbank SiDat. Da aber das Schulungsmodul der sam-Lösung bereits andernorts bei uns im Einsatz war, haben wir uns für sam® entschieden. Neu testen wir ein weiteres sam-Modul «Massnahmenplanung», das wir vor allem bei Kontrollen und Audits verwenden wollen, um unsere Feststellungen einfach zu dokumentieren und davon ausgehend Massnahmen zu definieren und Verantwortlichkeiten zuzuweisen.

Welche Gefahren wurden durch die Analysen aufgedeckt und welche Vorschriften wurden deswegen geändert?
Ein Thema, das bei den Workshops zur Gefahrenermittlung immer wieder genannt wurde, waren die Alleinarbeitsplätze. Um hier mehr Sicherheit zu schaffen, prüfen wir zurzeit ein appbasiertes Tool der Firma Uepaa AG, einem Spin-off der ETH. Vorteil dieser Lösung ist, dass der Mitarbeiter nicht ein extra Totmanngerät auf sich tragen muss, denn das heutzutage überall mitgenommene Handy wird dafür genutzt. Auch der Datenschutz ist gewährleistet, indem der Mitarbeiter durch eine externe Leitzentrale und nicht direkt durch den Arbeitgeber überwacht wird. Erst im Ereignisfall erhält der Arbeitgeber Zugriff, um die vermisste Person zu orten. Solch eine Lösung wird von den Mitarbeitern auch akzeptiert.
Weiter wurden viele Punkte aus dem Alltag der Mitarbeitenden – von der PSA (persönliche Schutzausrüstung) bis zu Stolperfallen – bei den Workshops genannt und diskutiert. Beim Gas wurden z. B. sichere Lösungen gesucht, um den Fireliner als Teil der PSA so wenig wie möglich tragen zu müssen. Ein oft aufgeworfenes Thema war zudem die Funktionalität der PSA, wie fehlende oder zu kleine Taschen.

Welches sind zentrale Massnahmen, um eine Sicherheitskultur in einem Querverbundunternehmen wie IWB aufzubauen, auf ein hohes Niveau zu bringen und dort zu halten?
Am wichtigsten ist, die Mitarbeitenden einzubeziehen. Es bringt wenig, etwas anzuordnen und die Mitarbeitenden dann damit alleine zu lassen. Vielmehr geht es darum, alle ins Boot zu holen. Die Mitarbeitenden stehen den Gefahren an ihrem Arbeitsplatz gegenüber und können mit ihrem Fachwissen den grössten Beitrag leisten, um diese in den Griff zu bekommen. Gute Erfahrungen haben wir mit dem kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP) gemacht. Darüber können alle IWB-Mitarbeitenden mithelfen, die Arbeitssicherheit zu verbessern.

Fehler und Beinahe-Ereignisse – wie wird damit bei IWB umgegangen und wie werden diese genutzt?
Auftretende Fehler oder Mängel führen oft zu einem Verbesserungsvorschlag, den die Mitarbeitenden im KVP einbringen. Wenn der Vorschlag die Arbeitssicherheit betrifft, landet er beim zuständigen SiBe auf dem Tisch. Gemeinsam schauen dann FachSiBe und Mitarbeiter, wie sich die Situation verbessern lässt. Selbstverständlich erhalte auch ich Kenntnis von den Ergebnissen ihrer Diskussionen. Die Beinahe-Ereignisse werden in den Abteilungen besprochen und mit dem zuständigen SiBe die erforderlichen Massnahmen abgestimmt. Seit letztem Jahr erfassen wir auch die Beinahe-Ereignisse konsequent.

Was tun Sie, um die Sicherheitskultur gepaart mit einer Fehlerkultur zu fördern?
Fehler werden offen und transparent diskutiert. Nur so kann aus ihnen gelernt werden. Aus den gemachten Feststellungen bei Kontrollen und Audits erarbeiten die SiBe Informationen und Instruktionen, anhand derer wir den Mitarbeitenden aufzeigen, welche Konsequenzen ein solches Fehlverhalten haben kann, und wir erklären ihnen die geltenden Regeln. Insgesamt ist eine gute Kommunikation das A und O. Es muss ein Sicherheitsdialog geführt werden, bei dem auch die Sicht der Mitarbeitenden berücksichtigt wird, um die beiden Welten – Sicherheitsspezialisten und Mitarbeitende – zusammenzubringen. Dabei ist es wichtig, nicht zu sehr auf den Fehlern herumzureiten, sondern vielmehr den Nutzen der Regeln hervorzuheben.

Die Arbeitssicherheit auf Baustellen und beim Leitungsbau ist ein grosses Thema für Versorgungsunternehmen wie IWB. Welche Instrumente haben Sie hierfür entwickelt?
Damit die Baustellensicherheit optimal umgesetzt wird, geben wir klare Vorgaben an die von uns beauftragten Tiefbaufirmen und kontrollieren deren Umsetzung zeitnah. Hier sind bei IWB vom Projekt- bis zum Montageleiter mehrere Stufen aktiv. Zusätzlich unterstützen Safety Walks, die wir seit rund drei Jahren durchführen, die Durchsetzung der geltenden Vorschriften. Dabei besucht einer der 11 SiBe der IWB, meist unangekündigt, eine Baustelle. Er beurteilt, ob der Arbeitsplatz sicher gestaltet und ob die Vorgehensweise korrekt ist. Pro Jahr führen wir zwischen 150 und 200 Safety Walks durch. Darüber hinaus schulen wir unsere Mitarbeitenden, dass sie die Baustellen bzw. Gräben, die von Fremdfirmen vorbereitet wurden, selbst überprüfen können, bevor sie darin arbeiten. Wenn Sie Mängel entdecken, melden sie diese oder betreten, falls zu gefährlich, den Graben nicht.


Fliesst das Thema Arbeitssicherheit bei Ausschreibungen bereits ein? Welche Verbesserungen wären hier noch möglich?
Das ist ein Punkt, bei dem wir noch grosses Verbesserungspotenzial sehen. Aktuell erstellen wir bei komplexen Bauprojekten ein Baustellensicherheitskonzept. Zusätzlich zu unseren Werkleitungsvorschriften machen wir hier weitere, konkrete Vorgaben zur Sicherheit. Auch die beauftragte Firma wird aufgefordert, vorgängig ein Sicherheitskonzept zu erstellen, das der zuständige SiBe prüft und freigibt.
Ausserdem arbeiten einige Bauunternehmen im Vertragsverhältnis, das über mehrere Jahre läuft, für IWB. Das Thema Arbeitssicherheit wird bei den Ausschreibungen hierfür vermehrt einfliessen. Mit den Verantwortlichen dieser Firmen tauschen wir uns zudem regelmässig aus, nicht nur über Qualität, Kosten und Termine, sondern auch über Arbeitssicherheit.

Im Versorgungsgebiet von IWB gibt es viele Tiefbauarbeiten Dritter. Wie versuchen Sie, Arbeiten im Werkleitungsbereich sicherer zu machen?
Um Dritte ins Boot zu holen, stehen wir in regelmässigem Kontakt mit den Branchenverbänden, vor allem mit dem Baumeisterverband Regio Basel, aber auch mit dem Verband der Gartenbauer. Wir wollen die Verbandsmitglieder sensibilisieren, bei allen Grabarbeiten – auch neben dem Strassenkörper – vorgängig den Verlauf von möglichen Werkleitungen zu prüfen. Weiter haben unsere Sachverständigen «Bauaufsicht» ein Informationsbüchlein «Vorschriften und Hinweise für Ihre Sicherheit» erstellt. Darin wird u. a. darauf hingewiesen, dass bei jeglichen Grabarbeiten im Versorgungsgebiet der IWB eine Werkleitungserhebung durchgeführt werden sollte. Ausserdem haben wir einen Aufkleber mit Begleitbrief zum Thema Bagger­angriff an alle Firmen verschickt, die in unserem Versorgungsgebiet tätig sind und einen Bagger besitzen. So sollen die Bauarbeiter immer daran erinnert werden, bei Grabarbeiten auch an die Werkleitungen zu denken. Auf dem Aufkleber ist zudem die Telefonnummer vermerkt, wohin der Unternehmer sich im Fall einer Leitungsbeschädigung wenden kann.

Sie haben zahlreiche Instrumente etabliert, um die Sicherheit bei IWB zu fördern. Wie kontrollieren Sie den Erfolg all dieser Massnahmen und wo gibt es Verbesserungsbedarf?
Die Kontrolle ist zweigeteilt: Zum einen begleiten unsere Sachverständigen «Bauaufsicht» alle IWB-Baustellen und stellen so sicher, dass die Tiefbaufirmen korrekt vorgehen. Auf diese Weise sollen vor allem die IWB-Werkleitungen geschützt werden. Zum anderen führen wir regelmässig die bereits erwähnten Safety Walks durch, um die Einhaltung der Arbeitssicherheits- und Gesundheitsschutzvorschriften zu kontrollieren.
Mit den bis anhin eingeführten Prozessen haben wir einen konstruktiven Sicherheitsdialog etabliert. Verbesserungsmöglichkeiten sehe ich vor allem bei den Arbeitsvorbereitungen. Auch Arbeitssicherheit muss geplant werden. Wenn das vergessen geht, kann es zu bösen Überraschungen kommen. Bereits entwickelt haben wir ein Schulungsprogramm für Baufirmen. Ziel ist, dass alle im Tiefbau tätigen Firmen eine Grundschulung zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz beim Werkleitungsbau erhalten. In einem zweiten Schritt konnten wir auch Planungsfirmen davon überzeugen, dass sie die Schulung besuchen, damit dieser Aspekt künftig bei der Planung stärker berücksichtigt wird.

Der SVGW versucht seine Mitglieder beim Thema Arbeitssicherheit zu unterstützen. Was wünschen Sie sich diesbezüglich vom Verein?
An erster Stelle meiner Wunschliste steht, dass im Rahmen der Branchenlösung das Sicherheitshandbuch so weitergeführt wird wie bisher und dass die Gefahrenermittlung, zumindest für die allgemeinen Gefahren oder Basisgefahren, abschliessend ist und auf eine Regelsammlung (Datenbank) verweist. Als Querverbundunternehmen wünschen wir uns, dass das Dokument alle vier Medien (Gas, Wasser, Fernwärme, Strom) abdeckt. Hilfreich wäre für uns auch ein zentraler, spartenübergreifend kompetenter Ansprechpartner beim SVGW für das Thema
Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.

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