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Fachartikel
09. Juni 2020

Interview mit Richard Wülser, Industrielle Werke Basel

«Das Trinkwasser ist sicher vor den Coronaviren!»

Die Coronapandemie hat die Wasserversorgungen der Schweiz vor neue Herausforderungen gestellt – punkto Aufrechterhaltung der Wasserqualität, Personaleinsatz und stillgelegter Infrastruktur. Wir haben uns darüber mit Richard Wülser, Leiter Qualitätssicherung Wasser bei IWB, Industrielle Werke Basel, unterhalten.
Peter C. Müller 

Richard Wülser, wie haben Sie die letzten Monate erlebt? Wie lief es bei der Analyse des Trinkwassers?

Wir sind für die Qualitätskontrolle des Trinkwassers einer grossen Stadt verantwortlich. Deshalb inspizieren wir regelmässig die Anlagen der gesamten Trinkwassergewinnung und -verteilung. An rund einhundert Probenahmestellen wird die Wasserqualität mit umfassenden Prüfprogrammen kontrolliert. Diese reichen von der Bestimmung physikalisch-chemischer Grundparameter über mikrobiologische Untersuchungen bis hin zu komplexen Spurenanalysen und Biomonitoring. Also eigentlich «Courant normal» – jedoch in einer ausserordentlichen Lage und mit Einschränkungen.

Was bedeutet das Coronavirus für die Trinkwasserversorgung?

In der Trinkwasseraufbereitung alle möglichen pathogenen Bakterien und Viren zu untersuchen, ist sehr aufwändig und nicht zielführend in der Qualitätssicherung. Viel wichtiger sind sichere Aufbereitungsprozesse. Die Prozesse in der Wasserversorgung sind soweit bekannt und validiert, dass der Durchbruch von Krankheitserregern ausgeschlossen werden kann. Dieses sogenannte Multibarrierensystem, wozu beispielsweise mehrere Filterstufen, die Bodenpassage des Grundwassers sowie die Desinfektion gehören, sorgt dafür, dass die mehrstufige Aufbereitung letztlich zu einem sicheren, hygienisch einwandfreien Trinkwasser führt. Nach heutigem Kenntnisstand findet daher das Coronavirus den Weg ins Trinkwasser nicht.

Wie erging es Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen während der letzten Monate?

Wir haben uns bemüht, den Hygienevorschriften des Bundesrates vollumfänglich nachzukommen. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen waren zu Hause auf Abruf, andere arbeiten im Betrieb nur noch in kleinen und örtlich getrennten Teams. Die einen wechseln sich wöchentlich ab, andere machen getrennte Morgen- oder Nachmittagsschichten. Selbst im Labor konnten die Analytiker im Homeoffice ferngesteuerte Analysensysteme bedienen und die Daten zu Hause auswerten. Unsere Anlagen wie auch die Qualitätsüberwachung liefen bis jetzt störungsfrei und reibungslos. Damit dies auch so bleibt, führen wir weiterhin die nötigen Unterhalts- und Kontrollarbeiten durch.

Apropos Unterhalt? Die Gefahr ist noch nicht ganz gebannt, oder? Jetzt werden vor Wochen stillgelegte Leitungen in Schulen oder Theatern wieder in Betrieb genommen. Da gibt es doch neue Infektionsherde?

Ja, es geht hier jedoch um eine ganz andere Art der Gefährdung. Stagnierendes Wasser der Trinkwasserinstallationen kann zu einer Beeinträchtigung der Trinkwasser­hygiene und zur Legionärskrankheit, der Legionellose, führen.

Können Sie uns da mehr erzählen? Um was geht es?

Legionellen sind Bakterien, die praktisch überall in der Natur vorkommen und die Legionellose hervorrufen. Legionellen vermehren sich bevorzugt im Warmwasser von Leitungssystemen und Boilern bei Temperaturen zwischen 25 und 45 °C. Insbesondere bei stillgelegten Leitungsabschnitten oder ganzen Verteilsystemen mit geringer Wassererneuerung reproduzieren sie sich bevorzugt. Die Gefahr einer Erkrankung besteht nun durch das Einatmen von kleinsten Wasserteilchen, sogenannten Aerosolen – dies in Duschen, Sprudelbecken und auch in Klimaanlagen. Mit den Aerosolen gelangen die Bakterien in die Atemwege und können eine Lungenentzündung verursachen, die manchmal einen gefährlichen Verlauf hat.

Haben Sie da Tipps für Gebäudeverwaltungen, technische Dienste oder Hausmeister von Schulen, aber auch für Privathaushalte, die jetzt nach mehreren Wochen wieder ihre Ferienwohnung beziehen möchten?

Für die Betreiber von Schulhaus- und Schwimmbadanlagen ist die Vorgehensweise bekannt. Während und nach mehrwöchigen Ferien wie auch jetzt beim Lockdown muss regelmässig – am besten alle drei Tage – gespült werden. Das gilt für alle Gebäude, deren Warm- und Kaltwasser über längere Zeit nicht mehr benutzt wird. Dabei sollen alle Entnahmearmaturen nacheinander vorzugsweise von unten nach oben während jeweils einer halben Minute geöffnet werden. Auf diese Weise erneuert sich das stagnierte Wasser und die Hygiene des Trinkwassers verbessert sich.

Kurzbiografie

Richard Wülser leitet bei IWB (Industrielle Werke Base) die Abteilung Qualitätssicherung Wasser und ist verantwortlich für das Wasserlabor, das IWB intern wie auch für externe Kunden Wasseranalysen durchführt.  Zuvor war der studierte Chemiker FH in leitenden Positionen in der chemischen und pharmazeutischen Produktion tätig. Der 59-Jährige ist Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt in der Region Basel.  Er ist Autor verschiedener wissenschaftlicher Publikationen und arbeitet in nationalen und internationalen Gremien sowie in der Ausbildung im Bereich Wasser des SVGW mit.

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