Plattform für Wasser, Gas und Wärme
Fachartikel
30. Mai 2022

Michele Broggini

«Es gilt, ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Branche zu schaffen»

Unter dem Motto «Aus der Praxis für die Praxis» bietet der SVGW eine breite Palette an Lehrgängen, Kursen, Fachtagungen, Seminaren und Webinaren an. Für die stetige Fortentwicklung des attraktiven Bildungsangebots ist die Berufsbildungs-Hauptkommission (B-HK) verantwortlich. Seit 2020 wird diese Kommission von Michele Broggini, SVGW-Vorstand und Geschäftsleitungsmitglied der Aziende Industriali di Lugano (AIL) SA, geleitet. Ideen, wie aktuelle Trends, die Digitalisierung und neues Wissen in die Ausbildung des SVGW einfliessen können, legt er im Interview dar.

Das Ausbildungsangebot des SVGW entwickelt sich ständig. Wie präsentiert es sich heute und wohin sollte die Reise gehen?
Das Ausbildungsangebot des SVGW deckt heute alle Tätigkeitsbereiche des Vereins ab. Wir verfügen über traditionelle Ausbildungsgänge, die zu anerkannten Berufsabschlüssen (eidgenössischer Fachausweis) führen, wie die Lehrgänge zur Vorbereitung auf die eidgenössische Berufsprüfung Brunnenmeister/in oder Rohrnetzmonteur/in. Im nächsten Jahr soll ein weiterer Lehrgang hinzukommen, in dem Installationskontrolleure für Gas- und Trinkwasserinstallationen ausgebildet werden. Zudem bietet der SVGW den Lehrgang Teamleiter an. Darüber hinaus gibt es eine breite Palette an Kursen für den Gas-, Trinkwasser- und Fernwärmebereich, die jedes Jahr durchgeführt werden. Beispielhaft kann hier der Wasserwart-Kurs genannt werden, in dem Grundkenntnisse über Qualitätssicherung, Betrieb und Unterhalt von einfachen Wasserversorgungen vermittelt werden. Im Gasbereich können neben vielen anderen die TISG-Kurse genannt werden. Komplettiert wird das Angebot durch Kurse im Bereich der Gebäudeinstallation (Wasser und Gas). Das Kursangebot des SVGW wird immer wieder überprüft, an aktuelle Entwicklungen in den Branchen angepasst und um neue Themen ergänzt. Ich denke dabei vor allem an Schulungen zu Wärmenetzen oder Wasserstoff, die neu angeboten bzw. zurzeit entwickelt werden. Diese beiden Themen werden auch in den Rohrnetzmonteur-Lehrgang einfliessen, der momentan – wie auch der Brunnenmeister-Lehrgang – grundlegend überarbeitet wird.

«In Zukunft werden digitale Lern- und Unterrichtsmethoden und -instrumente zunehmend mit traditionellen Methoden verknüpft.»

Corona hat zu einer Digitalisierung im Bildungsbereich geführt. Wie können die gemachten Erfahrungen für die Nach-Corona-Zeit weitergenutzt und ins SVGW-Portfolio eingebaut werden?
Wenn es etwas Vorteilhaftes gibt, das die Pandemie ausgelöst hat, dann ist es sicherlich die Tatsache, dass sie den Übergang hin zu digitalen Kommunikations- und Lehrmethoden beschleunigt hat. In kurzer Zeit mussten alle sich den Gegebenheiten anpassen und neue Werkzeuge erlernen. In Zukunft werden diese Lern- und Unterrichtsmethoden und -instrumente zunehmend mit traditionellen Methoden verknüpft (Blended Learning). Die Möglichkeit, einen Teil der Ausbildung auf individueller Basis zu absolvieren, erhöht die Attraktivität der Programme. Der Digitalisierung der Ausbildung sind jedoch Grenzen gesetzt, denn ein bedeutender Teil unseres Weiterbildungsangebots ist mit Hands-on-Übungen verbunden, die vor Ort durchgeführt werden müssen. Ausserdem lässt sich beobachten, dass unsere Kursteilnehmer ein grosses Interesse am Austausch und am Netzwerken haben. Der gezielte Einsatz von Online-Formaten muss daher wohlüberlegt sein. Überdies sind Berufsgruppen mit starker handwerklicher Ausprägung tendenziell weniger IT-affin.

Fachkräftemangel in der Energie- und Wasserbranche wird als eine der grossen Herausforderungen angesehen. Wie stellt sich bei AIL die Situation bezüglich Generationenwechsel und Fachkräftemangel dar? Welche Massnahmen der Nachwuchssicherung ergreift das Unternehmen?
AIL sieht Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden wie auch deren berufliche Entwicklung und Karriereplanung als zentrale Themen an. Eigens dafür wurde die Abteilung «Ausbildung und Entwicklung» auf Unternehmensebene geschaffen. Gerade im Tessin ist es schwierig, Personal zu finden, das bereits über eine Ausbildung oder Erfahrungen im Bereich Wasser-, Gas- oder Wärmeversorgung verfügt. Daher findet die Ausbildung zum Teil im Unternehmen statt, vor allem durch den Wissenstransfer von den «Älteren», also denjenigen, die schon länger bei AIL arbeiten, zu den «Jüngeren». Gleichzeitig versuchen wir, uns an Angeboten für Fachausbildungen des SVGW sowie der Associazione Acquedotti Ticinesi (AAT) zu beteiligen, auch wenn nicht das gesamte SVGW-Ausbildungsportfolio in der italienischen Schweiz verfügbar ist. Ich finde es sehr wichtig, dass unsere «Senioren» sich als Lehrkräfte hierfür zur Verfügung stellen und so ihr Wissen weitergeben.

Wie lassen sich junge Leute für die Arbeit bei Versorgungsunternehmen und im Branchenverband SVGW begeistern? Was kann der SVGW zur Nachwuchsförderung beitragen?
Es ist meines Erachtens wichtig, ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Branche zu schaffen, das ruhig auch mit einem gewissen Stolz verbunden sein darf. Die Gas-, Wärme- und Wasserversorgungsbranche hat viel zu bieten, das gilt es herauszustreichen. Die Attraktivität der Branche sollte keinesfalls nur darauf beruhen, dass sie gute und sichere Arbeitsplätze bietet. Das heisst aber auch, dass die junge Generation vor allem im Verein stärker einbezogen werden sollte. Überlegungen zum Thema Nachwuchs­förderung bzw. -gewinnung oder zu einer SVGW-Untergruppe für junge Leute, die den Einstieg in die Branche erleichtert, sollten angestellt werden. Die jüngeren Generationen lassen sich über die traditionellen Kommunikationsmittel und -wege immer weniger erreichen. Deshalb müssen sicherlich Anstrengungen unternommen werden, sich in diese Richtung anzupassen. Schliesslich müssen auch die Arbeitgeber die Bedeutung der Zugehörigkeit zur Branche anerkennen und Zeit und Raum für die Teilnahme an Schulungen und anderen Aktivitäten bieten.

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt in rasantem Tempo. Welche SVGW-Bildungsangebote wären Ihres Erachtens sinnvoll, um die Versorgungsbranchen für die digitale Arbeitswelt fit zu machen?
An erster Stelle steht in meinen Augen ein Ausbildungsangebot zu Cyberrisiken und -sicherheit, das insbesondere auf kleinere Versorgungen zugeschnitten ist. Mit den beiden Branchen­empfehlungen W1018 und G1008 – Minimalstandard für die Sicherheit der IKT in der Wasserversorgung respektive in der Gasversorgung – sind die Grundlagen für solche Schulungen vorhanden. Darüber hinaus sind sicher Überlegungen zu Ausbildungen in folgenden Bereichen sinnvoll: GIS (vielleicht in Zusammenhang mit der revidierten SVGW-Empfehlung GW1001 «Geographisches Informationssystem [GIS] für Werkdaten»), Messen, Steuern, Regeln, Prozessleitsystem und Datenmanagement, Smart Metering und Datenschutz sowie Einsatz von BIM im Anlagenbau und -betrieb.

«Für ein digitalisiertes Regelwerk gilt es, in Datenbankstrukturen und nicht in Filestrukturen zu denken.»

Auch die Digitalisierung des SVGW-Regelwerks wird diskutiert. Welche Lösungen sind Ihres Erachtens anzustreben?
Die Arbeiten sind im Gange, und ich bin überzeugt, dass das Regelwerk in nicht allzu ferner Zukunft ausschliesslich in digitaler Form vorliegen wird. Dafür stelle ich mir ein Portal vor, in dem die Informationen zunehmend integriert und strukturiert sind, und nicht einfach einen Shop, in dem die einzelnen Regelwerksdokumente als PDF-Files vorliegen. Es gilt in Datenbankstrukturen und nicht in Filestrukturen zu denken. In solch einer Datenbank werden es erweiterte Suchwerkzeuge ermöglichen, Informationen zu finden, zu filtern und zu vergleichen. Auch die Historie von Regelwerken lässt sich hierdurch gut abbilden. Abgesehen von den offensichtlichen wirtschaftlichen und ökologischen Einsparungen beim Druck bietet eine Datenbank grössere Flexibilität, Transversalität, Dynamik und die Möglichkeit häufigerer Aktualisierungen. Auch die Benutzerabfrage und die Suche sind wesentlich effizienter.

Als Betreiber von kritischen Infrastrukturen haben die Versorgungsunternehmen der Cybersicherheit Sorge zu tragen. Neben technischen Lösungen braucht es dabei auch die Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden. Wie wird das Thema bei AIL angegangen?
Ein sehr aktuelles, aber auch hochsensibles Thema. Bei AIL kümmert sich ein engagiertes Team um die Cybersicherheit und geht dabei weit über die Mindestanforderungen hinaus. Wir verfügen unter anderem über ein System zur Überwachung von Cyberangriffen und über mehrere Bereitschaftsteams. AIL arbeitet zudem mit externen Firmen zusammen, welche die Cyber-Security-Gruppe unterstützen. Auch der Mitarbeiterschulung wird grosse Bedeutung zugemessen. So muss beispielsweise jeder Mitarbeiter eine Online-Ausbildung absolvieren.

Welche Ausbildungsangebote könnte der SVGW entwickeln, um für dieses Thema stärker zu sensibilisieren?

Zentral ist, dass Ausbildungen zum Thema Cybersicherheit an die Grösse der Unternehmen angepasst werden. Grosse Unternehmen haben in der Regel bereits ein hohes Sicherheits­niveau erreicht und das Problem weitgehend im Griff. In kleinen Unternehmen hingegen rangiert das Thema wahrscheinlich eher unter «ferner liefen». Vielleicht wird es nicht einmal im eigenen Haus verwaltet, sondern ist ausgelagert. Der erste Schulungsschritt ist daher sicher, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen und klarzumachen, dass Versorgungsunternehmen zu den kritischen Infrastrukturen gehören. Ausserdem sollte auch die zentrale Rolle des Verhaltens jedes Einzelnen hervorgehoben werden.

Im Gasbereich sind aktuell Wasserstoff und erneuerbare Gase die dominierenden Themen. Welche Aktivitäten laufen dies­bezüglich bei AIL?
In das Gasnetz der AIL wird zurzeit noch kein Biogas direkt einge­speist. Das soll sich aber bald ändern: Gemäss der AIL-Strategie soll die Einspeisung von Biogas vorangetrieben werden, die Einspeisung von Wasserstoff ist hingegen noch nicht konkret geplant. Dennoch überprüfen wir bereits bei jedem Neuprojekt die Wasserstoffverträglichkeit der Leitungen, Komponenten und Anlagen.

«Wenn der SVGW einen Kurs entwickelt oder über­arbeitet, wäre es sinnvoll, dabei bereits über mögliche Auffrischungsmodule nachzudenken.»

Wie wird das Ausbildungsangebot des SVGW an diese Neuausrichtung im Gassektor angepasst, um die Versorgungsunternehmen bzw. Gasnetzbetreiber bei der Transformation zu unterstützen?
Das Thema erneuerbare Gase und insbesondere Wasserstoff sorgt bei den Gasnetzbetreibern für viel Verunsicherung. Die grosse Frage lautet: «Was muss ich tun, um mein Gasnetz um ein Wasserstoffnetz zu erweitern oder mein bestehendes Netz für Wasserstoff umzurüsten?» In diesem Sinne muss zunächst umfassendes Wissen entwickelt respektive zusammengetragen werden, das dann über die verschiedenen Kanäle der Wissensdrehscheibe SVGW verbreitet wird. Zu diesen zählen einerseits praktische und konkrete Anleitungen, wie Leitlinien oder das Verzeichnis wasserstofftauglicher Materialien und Produkte, und andererseits natürlich auch Fachtagungen oder ERFA-Anlässe. Zusätzlich zu den Wasserstoff-Seminaren, die vom SVGW schon zweimal durchgeführt wurden – das letzte erst kürzlich, Anfang Mai –sollte das Thema Wasserstoff nach und nach in die bestehenden Ausbildungsprogramme im Gasbereich integriert werden.


Die Bedeutung der Fernwärme steigt, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Energiestrategie 2050. Damit braucht die Branche mehr und mehr Fachkräfte. Was für spezifische Ausbildungsmöglichkeiten gibt es in der Schweiz im Bereich der Fernwärme bereits?
Sowohl durch den SVGW als auch durch andere Berufsverbände werden zahlreiche technische und nichttechnische Schulungen angeboten. Ich bin der Meinung, dass hier mögliche Synergien besser genutzt und Überschneidungen vermieden werden sollten. Idealerweise gibt es in der Schweiz ein einziges technisches Regelwerk, das als Grundlage für die technische Ausbildung dient. Gleichzeitig dürfen aber die finanziellen, wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekte nicht vergessen gehen; es braucht auch ein Aus- und Weiterbildungsangebot hierzu (z. B. zu den Themen Geschäftsanalyse oder Verkaufsprozess). Diese Themen haben jedoch weniger mit einem technischen Fachverband wie dem SVGW zu tun. Dementsprechend sollten Empfehlungen und Schulungen hierzu durch andere Verbände ausgearbeitet bzw. durchgeführt werden. Neben den Fachverbänden bieten auch Fachhochschulen Weiterbildungsprogramme im Bereich Fernwärme an. Mir kommen dabei zwei CAS-Ausbildungsgänge in den Sinn: CAS HES-SO Chauffage à distance in Yverdon-les-Bains und CAS Thermische Netze der Hochschule Luzern.

Welche Ausbildungsangebote sollte der SVGW im Bereich Fernwärme/-kälte aufbauen respektive in bestehende Angebote integrieren?
Wie bereits angesprochen, sollte der SVGW alles abdecken, was zum technischen Bereich gehört, vom Bau von Anlagen und Netzen bis hin zu deren Betrieb und Wartung. Die bereits bestehenden Richtlinienschulungen sollten durch weitere Angebote ergänzt werden. Interessant wäre beispielsweise eine Ausbildung Fachbauleiter Fernwärme. Häufig werden Bauprojekte nämlich an externe Unternehmen vergeben. Dabei ist es wichtig, dass der Bauherr über ausreichende Fachkenntnisse verfügt, um die Arbeiten zu überwachen und zu beurteilen, ob alles wie geplant abläuft und ob die technischen Anforderungen erfüllt werden. Im Herbst soll damit begonnen werden, diesen Lehrgang zu erarbeiten. Überdies könnte auch ein Ausbildungsgang Heizzentralenmeister angedacht werden. Aktuell wird das Modul Anergie/Fernkälte entwickelt, das ein Teil des überarbeiteten Rohrnetzmonteur-Lehrgangs werden wird.

Stichwort lebenslanges Lernen: Wissen und Kompetenzen müssen ständig angepasst werden, um à jour zu bleiben. Was bietet das SVGW-Weiterbildungsportfolio bzw. wie könnte es in dieser Hinsicht ausgebaut werden?
Das ist eine grosse Herausforderung: In der Regel geht man zur Schule und kommt dann eine Weile nicht mehr zurück ... Wenn der SVGW einen Kurs entwickelt oder überarbeitet, wäre es sinnvoll, dabei bereits über mögliche Auffrischungsmodule nachzudenken, die Teil des Lebenszykluskonzepts der Ausbildung sind. Eine Standardlösung für Auffrischungsangebote wird es wohl kaum geben, doch neue Technologien könnten eine wichtige Rolle spielen. So könnte ein Teil des Materials aus neuen oder überarbeiteten Kursen auch für Online-Auffrischungskurse verwendet werden, was eine grosse Flexibilität bei der Auffrischung vertrauter Themen und gleichzeitig die Möglichkeit bietet, sich auf dem neuesten Stand der Technik zu halten.

Zur Person

Michele Broggini absolvierte an der EPFL ein Studium in Maschinenbau mit Schwerpunkt Fluide und Energie, das er später noch durch ein EMBA ergänzte. Seit 2004 ist er bei dem Versorgungsunternehmen AIL (Aziende Industriali di Lugano SA) tätig. Als Vizedirektor ist er für den Bereich Netzmanagement zuständig. Nachdem er in verschiedenen Kommissionen und Arbeitsgruppen des SVGW mitgewirkt hat, ist Michele Broggini seit 2019 Mitglied des SVGW-Vorstands, Vizepräsident und Vorsitzender der Berufsbildungs-Hauptkommission (B-HK).

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