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Fachartikel
30. Januar 2024

Martin Jutzeler im Interview

«Das Hochtemperaturnetz der Stadt Bern ist unglaublich leistungsfähig»

Mit einem symbolischen Spatenstich nahm Energie Wasser Bern (ewb) im Januar 2020 eines der grössten Infrastrukturprojekte seiner Unternehmensgeschichte in Angriff: den Ausbau des Fernwärmenetzes. Dieses Projekt ist ein Schlüsselelement zur Umsetzung des Richtplans Energie und zur Erreichung der von der Stadt Bern langfristig angestrebten klimaneutralen Wärmeversorgung. Einhergehend mit der Erweiterung des Netzes sollen auch die Wärmeproduktion ausgebaut und die Effizienz gesteigert werden. Über die verschiedenen Aspekte dieses Grossprojekts wie auch die Herausforderungen, die es dabei zu bewältigen gilt, berichtet Martin Jutzeler, Leiter Systemoptimierung bei ewb, im Interview.
Margarete Bucheli 

Wie sieht das Fernwärmenetz der ewb aktuell aus?
Zurzeit umfasst das Fernw√§rmenetz der ewb das Hochtemperaturnetz aus den 1960er-Jahren mit einer Vorlauftemperatur von 175‚ÄȬįC, wor√ľber das Zentrum Berns links der Aare versorgt wird, sowie viele Auskoppelungen auf Nieder- oder Mittel¬≠temperatur, das heisst bei 85‚ÄȬįC respektive 110‚ÄȬįC. Mit den Auskoppelungen wurde schon recht bald nach Inbetrieb¬≠nahme des Hochtemperaturnetzes begonnen. Die j√ľngeren Netze wurden mit Kunststoffmantelrohren gebaut. Die Leitungen des Hochtemperaturnetzes hingegen sind entweder in begehbaren Kan√§len oder in Haubenkan√§len verlegt.

¬ęEine grosse Herausforderung beim Ausbauprojekt Bern West ist die Koordination der verschiedenen Bauvorhaben im √∂ffentlichen Grund.¬Ľ

Wie soll sich das Netz in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
Ein Ausbauschwerpunkt liegt aktuell im Westen Berns. Hier sollen vor allem auch die vielen bereits bestehenden, meist fossilen Nah¬≠w√§rmeverb√ľnde in das ewb-Fernw√§rmenetz integriert werden. Um diese grosse Herausforderung anzugehen, wurde das Projekt ¬ęAusbau Fernw√§rme West¬Ľ auf den Weg gebracht. Im Rahmen dieses sind wir daran, die Fernw√§rme auszubauen sowie bestehende und neue Produktionsanlagen einzubinden oder zus√§tzliche neue erneuerbare zu erstellen.
Neben dem Ausbau West und dem ebenfalls laufenden Ausbau Nord werden die bestehenden Netze weiter verdichtet. Dar√ľber hinaus treiben wir zurzeit einige gr√∂ssere Projekte voran, wie beispielsweise ein Projekt, bei welchem W√§rme aus dem Trinkwasserverwurf genutzt werden soll, oder die Erschliessung im Nordosten von Bern durch ein W√§rmenetz (Projekt Wankdorf‚ÄČ+). Zus√§tzlich zur Weiter¬≠entwicklung der grossen Verbundinfrastrukturen sind wir auch daran, verschiedene kleinere Nahw√§rmeverb√ľnde zu erstellen, um die Bed√ľrfnisse sowohl der Kunden als auch der Stadt zu erf√ľllen und nat√ľrlich um das Klimaziel Netto-Null bis 2045, das die Stadt Bern sich gesetzt hat, zu erreichen.

Sie haben es gerade angesprochen, das grosse Ausbauprojekt Bern West. Welche Herausforderungen m√ľssen hierbei gemeistert werden und welche unerwarteten H√ľrden treten auf?
Im Rahmen dieses Projekts wird im Moment in grossen Schritten der Westen von zwei Seiten erschlossen: einerseits ab der Energiezentrale Forsthaus im Ostteil des Ausbaugebiets und anderseits parallel dazu im S√ľdwesten Berns ab der Energiezentrale Rehhag, die zwar schon bald bereitstehen, aber erst n√§chsten Winter ans Netz gehen wird. Eine grosse Herausforderung ist dabei die Koordination der verschiedenen Bauvorhaben im √∂ffentlichen Grund. Parallel zu den Fernw√§rmeprojekten m√ľssen die Bed√ľrfnisse der Stadt und der anderen Werkleitungen abgeholt werden. Hierf√ľr braucht es eine Langzeitkoordination mit allen Gewerken und vor allem mit dem Tiefbauamt der Stadt Bern, mit dem Kanton, dem Stadtplanungsamt, der Verkehrs¬≠planung und unserem √∂ffentlichen Verkehrsdienstleister Bernmobil. Unter dem Lead des st√§dtischen Tiefbauamtes wird in einem extra daf√ľr geschaffenen Gremium diese Koordinationsaufgabe ausgezeichnet gel√∂st, und die daf√ľr entwickelten Instrumente bew√§hren sich.
Da die Fernwärmewerkleitungen im Baubewilligungsverfahren aufgelegt werden, gibt es zudem immer wieder Einsprachen und somit ungeplante Verzögerungen. Solch ein Problem trat bei­spielsweise bei der Produktionsanlage Energiezentrale Rehhag auf. Nach der detaillierten Planung und Ausschreibung der Anlagenteile wurde bekannt, dass der Netzbau zur Einbindung der Zentrale durch eine Einsprache eine Verzögerung erfährt. Es musste eine neue Leitungstrasse gefunden werden, damit die Produktion an das Transportnetz angebunden werden konnte.

Als Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel sollen in St√§dten vermehrt blau-gr√ľne Infrastrukturen geschaffen und insbesondere B√§ume gepflanzt werden. Wie gut vertr√§gt sich das mit den Fernw√§rmeleitungen im Untergrund?
Schauen wir das Luftbild der Altstadt mit der markanten Aare und den vielen B√§umen an: Die Altstadt von Bern hat eine enorme Bev√∂lkerungsdichte von 9435 Einwohnern pro Quadratkilometer und trotzdem gibt es keinen Dichtestress. Mit 131,73‚ÄČm2 Gr√ľnfl√§che pro Einwohner schaffte es Bern als beste Schweizer Stadt auf Platz 8 der gr√ľnsten St√§dte der Welt, gefolgt von Z√ľrich auf Rang 22 mit 79,51‚ÄČm2. Etwas dem√ľtig schauen wir allerdings auf den ersten Platz, auf Reykjavik, die Hauptstadt von Island. Sie hat mit 410,84‚ÄČm2 am meisten Gr√ľnfl√§che pro Einwohner. In Reykjavik sind √ľber 90% der Geb√§ude mit Fernw√§rme beheizt. Viele Strassen und Trottoirs werden mit Fernw√§rme aus Geothermie beheizt. Das ist nat√ľrlich nur m√∂glich, weil Geothermie im √úberfluss vorhanden ist. So weit werden wir in Bern wohl nie gehen. Zumindest kann man sagen, dass Fernw√§rme und Gr√ľnfl√§chen sich nicht widersprechen.
Grunds√§tzlich ist nat√ľrlich der vorhandene Platz in den St√§dten und vor allem in deren Strassen beschr√§nkt. Daher muss fallweise geschaut werden, wie Fernw√§rmeleitungen und B√§ume mit ihren Platzbed√ľrfnissen gut nebeneinander geplant werden k√∂nnen. Heute ist gem√§ss SVGW-Richtlinie F1 ein Minimalab¬≠stand von 2,5 Metern vorgesehen. Weiter ist nicht zul√§ssig, B√§ume √ľber Leitungen zu pflanzen. Auf jeden Fall ist bei der Baumfrage das gegenseitige Verst√§ndnis wichtig. Wenn man versteht, was der Baum braucht und was Stadtgr√ľn Bern will, dann entsteht Respekt f√ľreinander und es lassen sich L√∂sungen finden.

Mit welcher Temperatur wird was Wasser zu den Kundinnen und Kunden transportiert?
Das Hochtemperaturbestandsnetz wird mit 175‚ÄȬįC Vorlauftemperatur und einer Spreizung von 110‚ÄČK betrieben. Das Netz ist dadurch unglaublich leistungsf√§hig. In den Fernw√§rme¬≠erschliessungsgebieten Bern West und Bern Nord wird das Netz auf eine Vorlauftemperatur von 110‚ÄȬįC ausgelegt, soll dann aber nur bei 85‚ÄȬįC betrieben werden, dies, um m√∂glichst langlebige Leitungen zu erhalten.

¬ęIn den Fernw√§rmeerschliessungsgebieten wird das Netz auf eine Vorlauftemperatur von 110‚ÄȬįC ausge¬≠legt, soll dann aber nur bei 85‚ÄȬįC betrieben werden, um m√∂glichst langlebige Leitungen zu erhalten.¬Ľ

Gibt es √úberlegungen, die Fernw√§rmeversorgung durch Anpassungen im Temperaturniveau von Vor- und R√ľcklauf zu optimieren?
Untersuchungen haben ergeben, dass das Hochtemperaturnetz bei der aktuellen Belastung und ohne nennenswerte Investitionen in Kalibererweiterungen auf eine Temperatur von 160‚ÄȬįC reduziert werden k√∂nnte. Die Produktion in der Energiezentrale Forsthaus l√§uft allerdings an kalten Wintertagen bereits am Limit, vor allem wenn wir die hohe geforderte Erneuerbarkeit halten und nicht beliebig W√§rme aus dem Gas-und-Dampf-Kombi¬≠kraftwerk oder den Spitzenlastkesseln zuschalten wollen. Es sind bereits Optimierungen und W√§rmer√ľckgewinnungen in der Energiezentrale geplant. √úberdies werden aus dem Hochtemperaturnetz laufend Auskoppelungen mit Quartierzentralen bis 20‚ÄČMW auf Netze mit einer Betriebstemperatur von 85‚ÄȬįC gebaut. Um die Leistungsf√§higkeit zu halten, soll daher die Vorlauftemperatur des Hochtemperaturnetzes vorerst nicht gesenkt werden. Insgesamt geht aber der Trend hin zu niedrigeren Temparaturniveaus, vor allem bei neuen Netzen der sogenannten dritten Generation. So versuchen wir zum Beispiel bei den Projekten Wankdorf+, W√§rme aus Trinkwasserverwurf und Rossfeld die Gebiete auf Temparaturniveaus im Bereich von 70‚ÄȬįC (Vorlauf) zu erschliessen.

Ewb ist auch ein Gasversorger. Was bedeutet der Ausbau der Fernw√§rme in Bern f√ľr das Gasnetz?
In Gebieten, in denen das Fernw√§rmenetz ausgebaut wird, wechseln nach und nach bis zu 80% der Kunden bezogen auf die Leistung zur Fernw√§rme. Aktuell wird daher das Gasnetz √ľberpr√ľft und ein Zielnetz definiert. Dabei wird es zu Stilllegungen von Gasleitungen kommen.

Und wie sieht es kundenseitig aus? Wie hoch ist der Anschlussgrad ans Fernwärmenetz im Moment und wie entwickelt sich dieser?
Der Anschlussgrad am Hochtemperaturnetz ist schon sehr hoch, aber dennoch gibt es mancherorts noch Potenzial zur weiteren Erh√∂hung respektive zum Verdichten. Beim Bau neuer Leitungen ist der Anschlussgrad recht unterschiedlich, je nach W√§rmedichte in den Strassen und bestehenden fossilen Nah¬≠w√§rmeverb√ľnden, die mit diesen Leitungen ins Fernw√§rmenetz eingebunden werden sollen. Wir versuchen, m√∂gliche Kunden an Transportleitungen fr√ľhzeitig, das heisst bereits w√§hrend der Planungsphase, zu motivieren, den Fernw√§rme¬≠anschluss verbindlich zu bestellen. In Bern gilt n√§mlich nach Verschliessen der Baustelle eine Sperrfrist von f√ľnf Jahren mit P√∂nalen, wenn innerhalb dieser Zeit eine Baustelle erneut n√∂tig wird. Daher ist es w√ľnschenswert, wenn die Anschl√ľsse bereits w√§hrend des Leitungsbaus realisiert werden.

Welches Ziel hat sich ewb f√ľr den Anschlussgrad ans Fern¬≠w√§rmenetz gesetzt?
Wir berechnen den Anschlussgrad auf der Basis der abgegebenen Wärmemenge und nicht als Anteil der angeschlossenen Verbraucher in einem Gebiet. In den mit Fernwärme versorgten Gebieten ist unser Ziel, mindestens einen Anschlussgrad von 80% zu erreichen.

Welche Wärmequellen werden im Moment genutzt?
Die gr√∂sste W√§rmequelle ist die Abw√§rme aus der Energie¬≠zentrale Forsthaus. Im Grunde ist die Energiezentrale Forsthaus eine grosse WKK-Anlage. Dabei wird eine Kehrichtverwertungsanlage mit einem Holzheizkraftwerk und einem Gas-und-Dampf-Kombi¬≠kraftwerk kombiniert. Zuerst wird m√∂glichst viel erneuerbarer Strom mit den Dampfturbinen erzeugt und die W√§rme erst aus dem folgenden Prozess ausgekoppelt. Auf diese Weise l√§sst sich die gesamte Anlage flexibel betreiben. Je nach Jahreszeit und Nachfrage kann mehr Fernw√§rme oder mehr Strom produziert werden. Die W√§rme setzt sich aus den Prim√§renergietr√§gern Kehricht (60%), Holz (30%), GuD (2%) und Spitzenlast Gas (3%) zusammen. Der erneuerbare Anteil lag im Jahr 2022 bei 85% und im Jahresschnitt der letzten f√ľnf Jahre bei 82%. Der Zielwert ist Netto-Null bis 2045.

¬ęSpeicher erlangen eine immer gr√∂ssere Bedeutung f√ľr die Energieverschiebung vom Sommer in den Winter. Wir setzen hierbei auf den Geospeicher und grosse Erdsondenfelder.¬Ľ

Ist mit der Erweiterung und Verdichtung des Fernwärmenetzes auch der Bau neuer Produktionsanlagen geplant?
Wir werden nicht darum herumkommen, neue Produktions¬≠anlagen zu bauen. Alle neuen Anlagen werden f√ľr die Nutzung erneuerbarer W√§rmequellen geplant. Wenn es um Prozess¬≠anwendungen wie die Dampfproduktion geht, kommen Holz und zunehmend auch erneuerbare Gase zum Einsatz, immer als hybride WKK-L√∂sungen. Weitere Anlagen werden die Umweltw√§rmequellen der Aare, des Grundwassers, Erdw√§rme und in einem Projekt ‚Äď wie bereits erw√§hnt ‚Äď den Trinkwasserverwurf nutzen.

Um die Abwärme der Energiezentrale Forsthaus möglichst effizient zu verwerten, ist ein Geospeicher geplant. Wie soll dieser funktionieren?
Da Kehricht √ľber das ganze Jahr anf√§llt, haben wir im Sommer einen √úberschuss an W√§rme. K√ľnftig soll w√§hrend der Sommermonate in einem geschlossenen Wasserkreislauf heisses Wasser in die Schichten aus por√∂sem Sandstein in einer Tiefe von 200 bis 500 Meter unter der Oberfl√§che gepumpt werden. So wird der Sandstein erw√§rmt und speichert W√§rme. Im Winter kehren wir den Prozess um und pumpen k√ľhles Wasser durch den Sandstein. Das Wasser nimmt die W√§rme wie in einem Gegenstromw√§rmetauscher auf und kann dem Fernw√§rmenetz zugef√ľhrt werden.

Erste Erkundungsbohrungen wurden bereits durchgef√ľhrt. Welche Erkenntnisse wurden dabei gewonnen?
Das Pilotprojekt zur Erkundung l√§uft derzeit noch. Alle bisher durchgef√ľhrten Bohrungen ‚Äď eine Erkundungsbohrung und zwei Produktionsbohrungen ‚Äď wurden und werden eng durch Forschungsteams begleitet, √ľberwacht und ausgewertet. Momentan werden zum Beispiel Bohrkerne von der Erkundungsbohrung unter anderem an den Universit√§ten Bern und Genf untersucht in Hinsicht auf die Zusammensetzung und Wasserdurchl√§ssigkeit und somit auf die Eignung f√ľr den Geospeicher. Dar√ľber hinaus sind aktuell erste Pumpversuche im Gange. Dabei wird das Pump- und Zirkulationsverhalten des Wassers im Untergrund angeschaut, also ob das Laden und Entladen des Geospeichers wie vorgesehen funktioniert.

Wie sieht der weitere Fahrplan f√ľr den Geospeicher aus?
Wenn die aktuell laufenden Abkl√§rungen zeigen, dass die Bedingungen passen, werden wir um die beiden schon erstellten Produktionsbohrungen herum weitere Bohrungen durchf√ľhren.

Sind dar√ľber hinaus noch weitere saisonale W√§rmespeicher geplant? Welche Funktionsweise ist f√ľr diese vorgesehen?
Speicher erlangen eine immer gr√∂ssere Bedeutung f√ľr die Energieverschiebung vom Sommer in den Winter. Wir setzen hierbei auf den Geospeicher und grosse Erdsondenfelder. F√ľr die noch effizientere Nutzung der W√§rmeproduktion plant ewb, neben dem Geospeicher Forsthaus einen zweiten W√§rmespeicher im Westen von Bern bei der Energiezentrale Buech zu realisieren. Im Sommer soll √ľbersch√ľssige W√§rme aus der Energiezentrale Forsthaus sowie Umweltw√§rme aus der Luft mittels Erdsondenfeldern im Boden gespeichert werden. Im Winter soll diese W√§rme, zusammen mit der nat√ľrlichen Erdw√§rme, wieder aus dem Boden geholt und ins Fernw√§rmenetz eingespeist werden. Weitere Entwicklungen sind im Gange, um bestehende R√§ume wie stillgelegte Tunnels oder Kavernen als Grossspeicher zu nutzen. Ein Potenzial in Bern haben ausserdem die Grundwasserleiter, die bereits in kleineren Verbundanlagen thermisch genutzt werden. Hier laufen zurzeit Untersuchungen, um die saisonale Verschiebung der langsam fliessenden Grundwasserleiter zu nutzen.

Gibt es noch andere Ideen, wie die √úberschussenergie vom Sommer in den Winter transferiert werden kann?
Bei diesem Thema sollten wir das Feld √∂ffnen und an die M√∂glichkeiten aller Energietr√§ger wie auch der Elektrifizierung denken. In Grosssystemen noch wenig bekannt sind Latentw√§rmespeicher, wie beispielsweise Eisspeicher, welche die Energie des Phasenwechsels von Wasser per W√§rmepumpe nutzen. Ein Teil der Heizw√§rme stammt dabei aus der Kristallisationsenergie und die Regeneration erfolgt meist √ľber kosteng√ľnstige, unverglaste Solarabsorber. Durch den Wechsel des Aggregatzustandes zwischen fl√ľssig und fest wird dieselbe Energiemenge bereitgestellt, die ben√∂tigt wird, um einen Liter Wasser von von 0‚ÄȬįC auf 80‚ÄȬįC zu erw√§rmen. Diese Energiedichte ist allerdings rund hundertmal geringer als diejenige von Heiz√∂l. Weil die W√§rmepumpen jedoch einen sehr hohen Wirkungsgrad haben und zudem bei sch√∂nem Wetter regenerieren, fallen die Eisspeicher in der Praxis nur rund zwei- bis dreimal gr√∂sser aus als bisherige √Ėltanks. Am Ende der Heizperiode wird √ľberdies gezielt Eis gebildet, welches dann an heissen Tagen als K√§ltequelle f√ľr die Geb√§udek√ľhlung zur Verf√ľgung steht.

Wie sieht es aus mit der Wärmespeicherung, um Lastspitzen zu brechen und den Tagesgang auszugleichen? Betreibt ewb auch solche Wärmespeicher?
Bei jeder Produktionsanlage werden Tagesspeicher eingesetzt, um die Lastspitzen zu brechen, aber auch um den Betrieb der
Anlagen zu stabilisieren. Bei neuen Übergabestationen werden zudem intelligente Systeme genutzt, wodurch sich bei­spielsweise die Ladung der dezentralen Warmwasserboiler so steuern lässt, dass dieser Vorgang nicht in die Morgenspitzen fällt, um das Netz und die Produktionsanlagen nicht zusätzlich zu belasten. Der Effekt des Tagesspitzenausgleichs macht immer­hin 50% der Leistung von Nacht zu Morgen aus. So können wir sowohl das Netz als auch die Produktionsanlagen optimal und wirtschaftlich dimensionieren.

Welche Strategie verfolgt ewb beim Ausbau der Wärmeversorgung ausserhalb des Stadtgebiets?
Ewb konzentriert sich bei den grossen Ausbauten der W√§rme auf die Stadt Bern. Geografisch darf man jedoch W√§rmequellen oder Senken, also die Kunden, nicht an die Stadtgrenzen kn√ľpfen. Mit zwei benachbarten Gemeinden laufen daher Diskussionen f√ľr Kooperationen, um die Energietransformation gemeinsam vorw√§rtszutreiben. Dezentrale Systeme wie W√§rmeverb√ľnde werden durch unsere Abteilung der individuellen Energiedienstleistungen abgeholt. Diese ist nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Region Bern aktiv.

Und wie sieht es aus mit Anergienetzen? Sind auch solche geplant respektive bereits gebaut, und welche Erfahrungen hat ewb damit gemacht?
Ein Anergiesystem ist quasi ein Neutralleiter, der die direkt nicht nutzbare Energie, also die Anergie, leitungsgebunden zu den Kunden bringt. In Bern werden mehrere Anergiesysteme betrieben. Diese nutzen die M√∂glichkeiten, die Temperatur bei den Kunden oder in einer Zentrale mit W√§rmepumpen auf das gew√ľnschte Niveau zu heben respektive mit einer K√§lteanlage zu senken.

¬ęDurch Tagesspitzenausgleich k√∂nnen wir sowohl das Netz als auch die Produktionsanlagen optimal und wirtschaftlich dimensionieren.¬Ľ

Mit dem Klimawandel r√ľckt auch die Fernk√§lte immer mehr in den Fokus. Plant ewb auch, Fernk√§ltenetze zu bauen?
Ewb betreibt bereits kleinere Kältenetze, zum Beispiel rund um den Bahnhof Bern. Wegen der stark genutzten Strassen, die mit verschiedenen Werkleitungen schon gut belegt sind, stellt sich bei Kältenetzen allerdings immer die Frage, ob es sich lohnt, neben der Fernwärme ein weiteres thermisches Netz zu bauen.
Der K√§ltebedarf wird unbestritten wachsen, besonders in den dicht bebauten St√§dten ‚Äď Stichwort Hitzeinseln. Klima¬≠modelle f√ľr die Schweiz zeigen, dass die Anzahl K√ľhlgradstunden pro Jahr von heute 50 bis 100 bis im Jahr 2080 auf 300 steigen wird. Bei den Heizgradstunden verh√§lt es sich gerade umgekehrt: Diese werden von aktuell rund 3400 Stunden bis im Jahr 2080 auf 2500 Stunden sinken. Der W√§rmebedarf wird somit bei einem stark differenzierten Geb√§udepark im Schnitt immer sechs- bis achtmal h√∂her sein. Sicher ist, dass k√ľnftig die Vorlauftemperaturen in den Fernw√§rmenetzen gesenkt und die Vorlauftemperaturen in den K√§ltenetzen erh√∂ht werden. Es werden sich wahrscheinlich Raumtemperierungssysteme mit einer Senkung um wenige Grade auf ertr√§gliche 26‚ÄȬįC durchsetzen, dies, egal ob dezentral oder mit leitungsgebundenen Systemen. Einer der Schl√ľssel hierf√ľr wird ein flexibles Anergienetz sein. Wichtig ist, dass bei der Auslegung von Anergiesystemen wie auch von saisonalen Speichern darauf geachtet wird, dass die Bilanz zwischen W√§rme- und K√§ltebedarf √ľbers Jahr hinweg ausgeglichen ist.

Zur Person

Nach einem Maschinenbaustudium an der HTL Biel und Weiterbildung in Wirtschaft arbeitete Martin Jutzeler bei verschiedenen Firmen der Branche. Seit 18 Jahren ist er bei Energie Wasser Bern (ewb) t√§tig in verschiedenen Funktionen von der Planung W√§rme Wasser bis zur √ľbergeordneten Rolle bei der Systemoptimierung und der Energietransformation in Bern. Martin Jutzeler engagiert sich ebenfalls stark beim SVGW. So ist er momentan Mitglied der drei Hauptkommissionen Fernw√§rme, Gas und Wasser. Zudem war er an der Erarbeitung der Fernw√§rmerichtlinien F1 und F2 beteiligt.

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