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Fachartikel
02. November 2026

Andreas Bolliger im Interview

«Im Unterschied zu 2022 trifft uns die Situation heute nicht mehr unvorbereitet»

In der Schweiz wird importiertes Gas über ein mehr als 2300 km langes Transportnetz zu den Übergabepunkten in die lokalen Verteilnetze geleitet. Rund ein Viertel dieses Netzes betreibt die Ganeos AG und sorgt damit für eine sichere und effiziente Gasversorgung in der Ostschweiz. Im Interview beleuchtet Ganeos-CEO Andreas Bolliger die verschiedenen Aspekte einer sicheren Versorgung, von der Versorgungssicherheit über die Sicherheit der Infrastruktur bis hin zur Cyber-Sicherheit. Ferner thematisiert er die Transformation der Gasversorgung. Und schliesslich stellt er sich der Branche als neues Mitglied des SVGW-Vorstands vor.
Margarete Bucheli 

Kurz zusammengefasst: Was steckt hinter der Ganeos AG? Wie ist das Unternehmen entstanden, welche Meilensteine haben seine Entwicklung geprägt und worauf konzentriert sich die Firma heute?

Seit 60 Jahren sorgen wir dafür, dass Gas zuverlässig dort ankommt, wo es gebraucht wird – das ist unsere Kernaufgabe, gestern wie heute. Angefangen hat alles 1966, als sich zwölf Ostschweizer Gaswerke zusammenschlossen, um die stark luftbelastende kohlebasierte Stadtgasproduktion zu zentralisieren. Mit der Inbetriebnahme der Leichtbenzinanlagen im Jahr 1969 konnte das Stadtgas mit deutlich geringeren Auswirkungen produziert werden. Nur ein paar Jahre später - Anfang der 1970er-Jahre - wurde bereits mit der Umstellung auf Erdgas begonnen, das zunächst über Schaffhausen und seit 1974 auch über die Transitgasleitung ins System gelangte. Dadurch konnten lokal giftige Abgase gänzlich vermieden werden. Zwei Meilensteine aus der Anfangszeit haben diesen Weg besonders geprägt: der Bau des ersten, über 200 Kilometer langen Ferngasleitungsnetzes und der Anschluss an die europäische Transitgasleitung. Beide legten den Grundstein für die Gasversorgung, wie wir sie heute in der Ostschweiz kennen.

Unser Auftrag ist bis heute derselbe geblieben: Wir sorgen für einen sicheren, effizienten und stabilen Betrieb unseres Hochdrucknetzes und stellen die Versorgung der Ostschweiz zuverlässig sicher – konsequent ausgerichtet an den Bedürfnissen unserer Partnerinnen und Partner. Am Netz direkt angeschlossen sind 13 Verteilnetze, welche zum Teil auch noch nachliegende Lokalnetze versorgen. Elf der Netzbetreiber sind gleichzeitig unsere Aktionäre. Derzeit ist die Energiewelt zudem in Bewegung: Neue energie- und klimapolitische Rahmenbedingungen, Technologien und Energieträger fordern auch uns heraus. Wir verfolgen diese Entwicklungen deshalb sehr genau und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass unsere Infrastruktur auch künftig einen wichtigen Beitrag zur zunehmend klimaneutralen Energieversorgung der Schweiz leisten kann.

Wie präsentiert sich das Gasnetz der Ganeos AG heute?

Unser Hochdrucknetz ist gut 600 Kilometer lang und erstreckt sich vom Grossraum Zürich über die Ostschweiz bis zum Bodensee und nach Chur/Cazis. Über sechs Einspeisepunkte gelangt das Gas ins Netz, über rund 60 Druckreduzier- und Messstationen geben wir es an die regionalen und lokalen Energieversorger weiter. Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick auf die Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres: Allein da flossen 10,7 TWh Gas durch unser Netz bei einer maximalen Ausspeiseleistung von 3,5 GWh/h. Hinter dieser beachtlichen Energiemenge steckt eine Infrastruktur, die rund um die Uhr sicher und stabil funktionieren muss. Unsere Leitungen werden bei einem Druck von bis zu 55 bar betrieben, laufend überwacht sowie regelmässig kontrolliert und gewartet. Als Hochdrucknetzbetreiber unterstehen wir zudem der Bundesaufsicht und erfüllen entsprechend strenge Sicherheitsanforderungen. Für uns hat ein sicherer, zuverlässiger Netzbetrieb oberste Priorität.

«Über sechs Einspeisepunkte gelangt das Gas ins Netz der Ganeoas AG, über rund 60 Druckreduzier- und Mess­stationen geben wir es an die regionalen und lokalen Energieversorger weiter.»

Der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Turbulenzen auf den Energiemärkten haben das Thema Versorgungssicherheit stark in den Fokus gerückt. Welche Massnahmen hat die Ganeos AG ergriffen, um die Gasversorgung sicherzustellen und die Versorgungssicherheit zu stärken?

Die Energiekrise 2022/23 hat eindrücklich vor Augen geführt, wie wichtig eine sichere und gut koordinierte Gasversorgung für die Schweiz ist. Das war eine echte Gemeinschaftsaufgabe – getragen von der gesamten Gasbranche, dem Bund und unseren europäischen Nachbarländern. Auch wir haben damals gehandelt und verschiedene Massnahmen umgesetzt: Wir sicherten Wintergasreserven in Deutschland und den Niederlanden, seit Kurzem auch in Frankreich. Darüber hinaus verbesserten wir das Monitoring, um mögliche Engpässe frühzeitig erkennen zu können. Und schliesslich entwickelten wir unser Business Continuity Management (BCM) weiter. Unter anderem erhöhten wir die Autarkie unsere Anlagen durch die Absicherung mit gasbetriebene Notstromgeräten. Seither werden bei uns die Prozesse zur Bewältigung einer Gasmangellage jährliche beübt und weiter verbessert. Die Übungen führen wir zusammen mit unserer Schwestergesellschaft Open Energy Platform und den Stadtwerken St. Gallen und Energie 360° durch.

Wichtig für die Versorgungssicherheit auf der Stromseite war der rechtzeitige Anschluss des Reservekraftwerks Birr (250 MW elektrisch) an das Ganeos-Hochdrucknetz. Innerhalb kürzester Zeit planten und realisierten wir unter Notrecht die Anschlussleitung und schufen damit die Voraussetzungen für die Versorgung der acht Gasturbinen mit einer Gesamtleistung von rund 700 MW gasseitig.

Heute sorgen die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten erneut für Verunsicherung an den Energiemärkten. Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie für die kommende Heizsaison, und wie stellt sich die Ganeos AG darauf ein?

Die aktuelle Lage zeigt einmal mehr, wie schnell geopolitische Entwicklungen die Energiemärkte beeinflussen können. Zwar ist die Gasversorgung in Europa derzeit stabil, doch Unsicherheiten bleiben. Wie sich die Versorgung im kommenden Winter entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab: der weiteren Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten, der Verfügbarkeit von LNG und internationalen Gastransportkapazitäten, den Füllstanden der europäischen Speicher – und natürlich den Temperaturen. Bei den Füllständen der Gasspeicher präsentiert sich die Situation je nach Land unterschiedlich: Während beispielsweise Deutschland und die Niederlande mit Füllständen von rund 60 Prozent noch deutlich unter dem EU-Zielwert für Herbst/Anfang Winter von 90 Prozent liegen, sind die Speicher in Frankreich und Italien mit knapp 90 Prozent bereits gut gefüllt. In diesen beiden Ländern sind alle Gasversorger, die Endkunden versorgen, gesetzlich verpflichtet, Gasspeicheranteile zu buchen und diese zu füllen.

Im Unterschied zu 2022 trifft uns eine solche Situation heute aber nicht mehr unvorbereitet. Bund und Gasbranche haben ihre Vorsorge und Krisenorganisation in den vergangenen Jahren spürbar verstärkt. Auch wir haben unsere Prozesse und Szenarien weiter geschärft und beobachten die Versorgungslage eng. Seit 2022 wurden zudem zahlreiche neue LNG-Terminals in Betrieb genommen, über welche die fehlenden Gasmengen kompensiert werden konnten. Dazu kommt: Die Schweiz ist stark ins europäische Gasnetz eingebunden. Die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarländern bleibt ein zentraler Faktor für die Versorgungssicherheit. Darüber hinaus wurde mit einer neuen Option die Möglichkeit geschaffen, bei Bedarf Gas, das durch die Transitgasleitung von Frankreich nach Italien fliesst, für die Versorgung in der Schweiz zu nutzen. Dies wird insbesondere dann relevant, wenn die Einfuhren aus Deutschland eingeschränkt sein sollten. Zu erwähnen ist schliesslich auch die Task Force Winterversorgung, bei der unter Leitung der Gaswirtschaft zusammen mit den Bundesämtern für Energie (BFE) respektive für die wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) die Situation genau analysiert wird und Massnahmen erarbeitet werden, die dann dem Bundesrat zur Entscheidung vorgelegt werden. Als Bilanzzonenverantwortliche Ost und regionaler Gasnetzbetreiber sind wir fester Bestandteil dieser Taskforce.

«Wir sicherten Wintergasreserven in Deutschland und den Niederlanden, seit Kurzem auch in Frankreich.»

Neben der Versorgungssicherheit gehört auch der sichere Betrieb des Gasnetzes zu den zentralen Aufgaben der Ganeos AG. Mit welchen Massnahmen gewährleisten Sie die Sicherheit der Infrastruktur?

Unsere Leitungen und Anlagen werden regelmässig kontrolliert und gewartet. Dazu gehören einerseits visuelle Trasseekontrollen – am Boden und aus der Luft mittels Helikopter – sowie andererseits intelligente Molchungen, mit denen wir ca. alle zehn Jahre den Zustand der Leitungen von innen sehr genau überprüfen können. Und rund um die Uhr wacht unser Dispatching über das gesamte Netz und kann bei Auffälligkeiten zusammen mit unserem Pikettdienst rasch reagieren.

Mindestens ebenso wichtig sind unsere Mitarbeitenden. Sie verfügen meist über langjährige Erfahrung und kennen unser Netz bis ins Detail. Dieses Wissen, kombiniert mit moderner Technik und einem konsequenten Unterhalt, ist der eigentliche Schlüssel zu einem sicheren und zuverlässigen Betrieb. Wir setzen alles daran, Wissen und Erfahrung so weit wie möglich an neue Mitarbeitende weiterzugeben. Dazu dokumentieren wir sämtliche Prozesse detailliert und planen Einarbeitungszeiten von ein bis zwei Jahren ein.

Ausserdem steht das Thema Cyber-Sicherheit oben auf der Agenda der Ganeos AG. Was wird unternommen, um die Cyber-Sicherheit zu stärken?

Als Betreiberin einer kritischen Infrastruktur stellen wir sehr hohe Anforderungen an unsere Cyber-Sicherheit. Wir investieren deshalb laufend in den Schutz unserer Systeme und orientieren uns dabei unter anderem am verbindlichen IKT-Minimalstandard für die Gasversorgung. Konkret heisst das: technische und organisatorische Schutzmassnahmen, klare Zugriffs- und Notfallprozesse sowie regelmässige Überprüfungen unserer Systeme. Mittlerweile gilt der IKT-Minimalstandard auch als Vorgabe für uns als Teil der Anforderungen für die Betriebsbewilligung durch das BFE.

Entscheidend ist aber auch in diesem Bereich der Faktor Mensch. Unsere Mitarbeitenden werden regelmässig sensibilisiert und geschult, denn Cyber-Sicherheit funktioniert nur, wenn sie im Arbeitsalltag tatsächlich gelebt wird. Ebenso wichtig sind Übungen: 2024 haben wir beispielsweise an der europäischen Cyber-Übung «Cyber Europe» teilgenommen und dabei gemeinsam mit Behörden und Partnerinnen und Partnern einen gross angelegten Cyber-Angriff auf den Energiesektor durchgespielt. Solche Übungen helfen uns, Abläufe zu testen, Schwachstellen aufzudecken und uns gezielt weiterzuentwickeln.

Welche Rolle spielt für die Ganeos AG als Betreiberin eines Hochdrucknetzes das Gas-Regelwerk des SVGW?

Für uns hat das Gas-Regelwerk des SVGW einen hohen Stellenwert, da es fachliche Orientierung bietet und einheitliche Standards innerhalb der Branche schafft. Gerade unseren Fachleuten bietet es eine praxisnahe Grundlage und bildet den aktuellen Stand der Technik ab. Für unser Hochdrucknetz gelten ergänzend die gesetzlichen Vorgaben und Anforderungen der Bundesaufsicht durch das BFE und das Eidgenössische Rohrleitungsinspektorat (ERI). Für die Weiterentwicklung seines Regelwerks steht der SVGW in engem Austausch mit dem ERI sowie dem DVGW.

«Kürzlich lancierten VSG, GVM und wir die CO2-Initiative CO2NNECT, um gemeinsam am regulatorischen, finanziellen und technischen Rahmen des leitungs-gebundenen CO2-Transports zu arbeiten.»

Nachhaltigkeit ist ein weiterer zentraler Pfeiler der Unternehmensstrategie der Ganeos AG – insbesondere im Hinblick auf den Betrieb und den Unterhalt der Gasinfrastruktur. Wie setzt die Ganeos AG dieses Anliegen in der Praxis um?

Nachhaltigkeit ist seit dem letzten Strategiereview im Jahr 2023 ein strategisches Themenfeld und fliesst ganz konkret in den Betrieb und Unterhalt unserer Infrastruktur ein. Dabei geht es oft um sehr praktische Dinge, die zum Teil schon lange praktiziert, aber auch stetig weiterentwickelt werden: einen möglichst effizienten Energieeinsatz, den fachgerechten Umgang mit Chemikalien wie Odoraten, Reinigungsmitteln etc. sowie konsequente Entsorgung und Recycling. Auch bei unseren Anlagen nutzen wir Effizienzpotenziale, etwa durch eine variable Vorwärmung des Gases in Druckreduzier- und Messstationen auf Grundlage von Taupunktsmessungen sowie durch laufende Optimierungen des Energieverbrauchs. Des Weiteren verfolgen wir den Ansatz der Rückgewinnung von Energie bei der Entspannung des Gases. So planen wir aktuell den Einbau von Entspannungsturbinen in einigen unserer Druckreduzieranlagen, um aus der Druckdifferenz Strom zu erzeugen. Den mit Abstand grössten Verursacher von Treibhausgasemissionen (TGE) haben wir in den letzten Jahren drastisch reduziert. Früher wurde bei Umlegungen und anderen Arbeiten an Leitungen Gas in die Atmosphäre abgelassen. Heute wird der Grossteil in die nachgelagerten Systeme gespeist und der Rest abgefackelt. Das erfordert zwar mehr Zeit, reduziert die TGE jedoch um bis zu 90 Prozent. Hinzu kommen regelmässige Dichtigkeitskontrollen in all unseren Anlagen, um die Methanemissionen tief zu halten. Nicht vermeidbare TGE kompensieren wir über Klimaschutzprojekte von myclimate. Und Nachhaltigkeit endet für uns nicht am Leitungsnetz: Unser Werkareal in Schlieren ist seit 1998 naturnah zertifiziert und bietet auf rund 20 000 Quadratmetern Grünfläche Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Welche Rolle spielen erneuerbare Gase, insbesondere Wasserstoff, in den Planungen der Ganeos AG? Welche konkreten Schritte sind für eine Transformation vorgesehen?

Mit unserem Strategiereview 2023 haben wir den Blick bewusst über das Erdgas hinaus geöffnet. Klar ist: Erdgas wird noch viele Jahre eine wichtige Rolle in unserem Netz spielen. Gleichzeitig wollen wir die Voraussetzungen schaffen, um künftig vermehrt auch klimaneutrale Gase transportieren zu können. Biogas und eMethan lassen sich schon heute problemlos wie Erdgas über unsere bestehende Infrastruktur transportieren. Unsere bisherigen Abklärungen zeigen: Grundsätzlich eignen sich unsere Leitungen auch für den Transport von Wasserstoff. Für eine konkrete Nutzung braucht es aber noch weitere, vertiefte Machbarkeitsstudien. Deshalb beobachten wir die technologischen und regulatorischen Entwicklungen ebenso wie den künftigen Bedarf sehr genau, engagieren uns in verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen und stehen im Austausch mit der Branche, Behörden und weiteren Akteurinnen und Akteuren. Wichtig ist uns dabei, nicht auf einzelne Lösungen vorzugreifen, sondern die Infrastruktur genau dort weiterzuentwickeln, wo sich ein konkreter Bedarf und tragfähige Rahmenbedingungen abzeichnen.

Als Mitaktionärin unterstützen wir aktuell Transitgas darin, ein Teil des Euopean Hyddrogen Backbone zu werden. Gemäss den Planungen des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes soll Wasserstoff ab 2032 bis nach Lindau gelangen. Zusammen mit Vorarlberg und Liechtenstein stellen wir erste Überlegungen an, wie von dort der Wasserstoff in unsere Region weitergeleitet werden kann. Im Moment hat dabei Vorarlberg den Lead und plant bereits eine Leitung von Lindau nach Bregenz.

Und welche anderen Ideen werden hinsichtlich der schritt­weisen Weiterentwicklung der Infrastruktur verfolgt?

Da bleiben wir bewusst offen und schauen genau hin, wie sich das Energiesystem und die Bedürfnisse im Markt entwickeln. Themen wie der künftige Transport von CO2 sind für uns inte­ressant und werden aufmerksam verfolgt – auch wenn hier noch vieles in Bewegung ist. Kürzlich haben wir zusammen mit VSG und GVM eine CO2-Initiative ins Leben gerufen. Diese trägt den Namen CO2NNECT und hat zum Ziel, die relevanten Akteure zu vernetzen und gemeinsam an den regulatorischen, finanziellen und technischen Rahmenbedingungen des leitungsgebundenen CO2-Transports in der Schweiz zu arbeiten. Der SVGW arbeitet bei CO2NNECT ebenfalls mit.

Was Ganeos auszeichnet: In den vergangenen 60 Jahren haben wir uns immer wieder neuen Gegebenheiten angepasst, beispielsweise durch Unbundeling-Massnahmen, und unsere Infrastruktur wie unser Know-how konsequent weiterentwickelt. Diese Offenheit wollen wir beibehalten. Wir bleiben dran, prüfen neue Möglichkeiten und bringen unsere Erfahrung dort ein, wo wir einen sinnvollen Beitrag leisten können.

«Die Branche muss wissen, welche Rolle Gas und die bestehende Gasinfrastruktur im künftigen Energiesystem spielen sollen.»

Gas-Hauptkommission. Welche Schwerpunktthemen möchten Sie in diesen Funktionen vorantreiben?

Im Gasbereich nimmt der SVGW mit seinen Richtlinien und dem TISG eine wichtige Funktion wahr und erfüllt diese sehr gut. Auch in Zukunft wird diese Rolle von grosser Bedeutung sein. Zwar werden sich die Schwerpunkte weiterentwickeln, die Expertise des SVGW im Gasbereich bleibt jedoch unverzichtbar. Das Themenspektrum ist bereits heute breit und wird zunehmend vielfältiger: Es reicht vom Kerngeschäft rund um Erdgas über erneuerbare Gase, Netztransformation und Methanemissionen bis hin zur Stilllegung einzelner Leitungsabschnitte in lokalen Netzen. Gleichzeitig kommen neue Themen hinzu, etwa Wasserstoff oder die Weiterentwicklung von Aus- und Weiterbildungsprogrammen. Ich freue mich, die verschiedenen Bereiche des SVGW kennenzulernen, und auf die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen des Vorstands, um gemeinsam den SVGW zu unterstützen, dass er kompetent und professionell die Herausforderungen der Zukunft mit Zuversicht angehen kann.

Und zum Thema CO2: Sollte der SVGW auch auf diesem Gebiet aktiv werden?

Sicher. Wenn der Transport von CO2 in der Schweiz an Bedeutung gewinnt, braucht es dafür auch klare technische Standards und ein gemeinsames Verständnis innerhalb der Branche. Um das Netto-Null-Ziel bis 2050 des Bundes erreichen zu können, muss das schwer vermeidbare CO2 von Kehrichtverbrennungsanlagen und Zementherstellung abgeschieden werden und entweder langfristig gespeichert oder als Wertstoff weiterverwendet werden können. Dazu muss das CO2 transportiert werden, was bei solch grossen Mengen (man spricht von rund 7 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr) wirtschaftlich nur über Leitungen möglich ist. Der SVGW verfügt über viel Erfahrung in der Erarbeitung praxisnaher Regelwerke und könnte dieses Know-how auch beim Thema CO2 sinnvoll einbringen. Wichtig ist dabei, frühzeitig den Austausch mit Netzbetreibern, Behörden, Industrie und weiteren betroffenen Akteurinnen und Akteuren zu suchen. Ein Regelwerk sollte dort entstehen, wo sich konkrete Anwendungen und Anforderungen abzeichnen.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf für die Gas-branche?

Aus meiner Sicht liegt der grösste Handlungsbedarf bei verlässlichen und langfristigen Rahmenbedingungen. Die Branche muss wissen, welche Rolle Gas und die bestehende Gasinfrastruktur im künftigen Energiesystem spielen soll. Nur dann lassen sich Investitionen sinnvoll planen und die richtigen Weichen stellen. Gleichzeitig müssen wir als Branche offen bleiben und gemeinsam an zukunftsfähigen Lösungen arbeiten. Ob erneuer­bare Gase, Wasserstoff oder neue Aufgaben für bestehende In­frastrukturen: Entscheidend wird sein, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Wissen zu bündeln und dort voranzugehen, wo tatsächlich Bedarf entsteht.

Die Gasversorgung basiert auf dem Zusammenspiel von Hochdruck- und Verteilnetzen. In welchen Bereichen sollte die Zusammenarbeit zwischen den Betreibern künftig noch enger werden und wo können die beiden Ebenen besonders voneinander profitieren oder lernen?

Diese Zusammenarbeit ist bei uns besonders eng, denn die meisten Betreiber der nachgelagerten Netze sind gleichzeitig unsere Aktionärinnen und Aktionäre. Der Austausch über Bedürfnisse, Entwicklungen und Herausforderungen gehört deshalb zum Kern unserer Zusammenarbeit: Sie kennen ihre lokalen Märkte und Kundinnen und Kunden, wir bringen die Perspektive des überregionalen Gastransports und unsere Erfahrung mit der Hochdruckinfrastruktur ein. Gerade mit Blick auf die Veränderungen im Energiesystem wird dieser Austausch noch wichtiger: Wir müssen gemeinsam verstehen, wo sich der Bedarf verändert, welche Energieträger künftig gefragt sind und was das für unsere Netze bedeutet. So können wir frühzeitig die richtigen Schlüsse ziehen und die vorhandene Infrastruktur bestmöglich nutzen.

Zur Person
Andreas Bolliger studierte an der ETH Zürich Maschinenbau mit Vertiefung in Energiesystemen. Nachdem er mehr als zehn Jahre bei der Swissgas AG beschäftigt war, wechselte er im Frühjahr 2015 zur Ganeos AG. Als Vorsitzender der Geschäftsleitung steht er heute an der Spitze des Hochdrucknetzbetreibers. Im Juni dieses Jahres wurde er in den Vorstand des SVGW gewählt, wo er die Funktion des Vizepräsidenten und des Vorsitzenden der Hauptkommission Gas übernimmt.

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