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Fachartikel
27. April 2021

Wärmeversorgung

Fernwärme in der Region Bellinzona

Die kantonale Kehrichtverbrennungsanlage (ICTR) bildet das Herzstück des Fernwämenetzes der Gesellschaft Teris Teleriscaldamento del Bellinzonese. Das Netz erstreckt sich auf 21 Kilometer – von Sant’Antonino mit seinen Geschäfts- und Industriezonen bis ins Zentrum der Stadt Bellinzona. 123 Übergabestationen unterschiedlicher Leistungen machen es möglich, Einfamilienhäuser mit 10 kW als auch grosse Verbraucher mit bis zu 3500 kW mit Wärme resp. Kälte zu versorgen. Das nun abgeschlossene Fernwärmenetz, mit dem sich jährlich rund 13 000 Tonnen CO2-Emissionen einsparen lassen, gilt als Vorreiterprojekt und wichtigste Umweltmassnahme im Kanton Tessin.
Andrea Fabiano 

Vor elf Jahren beschlossen die Tessiner Elektrizitätswerke (AET)und der kantonale Kehrichtsbetrieb (ACR), ihre Zusammenarbeit im Energiebereich zu festigen und gemeinsam das grösste Fernwärmenetz im Kanton Tessin aufzubauen. Zu diesem Zweck wurde die Gesellschaft Teris Teleriscaldamento del Bellinzonese SA gegründet.
Seinerzeit ein mutiger Entschluss, denn Fernwärmenetze südlich der Alpen hatten sich noch nicht durchgesetzt, zudem war das finanzielle Risiko nicht unerheblich. Im Rückblick hat sich die Entscheidung jedoch als weitsichtig erwiesen: Das Netz ist fast fertiggestellt und in der Region sowie bei den angeschlossenen Verbrauchern im doppelten Sinne des Wortes gut angekommen.

Von der Grundsteinlegung zur ersten Wärmelieferung

Der klassische Grundstein wurde Ende 2011 «gelegt». Knapp ein Jahr später waren die kantonale Kehrichtverbrennungsanlage (ICTR) sowie die Pumpstation bereits an ein 5,5 km umfassendes Fernwärmenetz angebunden (11 km verlegte Leitungen). Dies ermöglichte die erste Wärmelieferung bereits Anfang Oktober 2012.
Von 2013 bis heute wurden kontinuierlich weitere Leitungen verlegt und Anschlüsse installiert. Insgesamt umfasst das Netz heute 21 km mit 123 Übergabestationen unterschiedlicher Leistung. Das Netz, dessen Herzstück die ICTR ist, wird hauptsächlich in zwei Richtungen weiterentwickelt: hin zu den Geschäftszentren von Sant’Antonino und ins Stadtzentrum von Bellinzona. 

Grosse Verbraucher als Back-up

Die Kundschaft ist bunt gemischt: So werden Einfamilienhäuser (mit einer Leistung von 10 kW), öffentliche und private Gebäude mittlerer Grösse (400–600 kW) wie auch grosse Verbraucher (bis zu 3500 kW) mit Wärme resp. Kälte versorgt. Zur letztgenannten Kategorie gehören auch einige Gewächshäuser in der Magadinoebene, das Spital San Giovanni in Bellinzona sowie die Residenza Governativa, ebenfalls in Bellinzona. Einige der grossen Verbraucher fungieren darüber hinaus als Back-up für das Netz: So können bei Bedarf die vorhandenen Kessel das Verteilernetz speisen und somit die Wärmelieferung gewährleisten.
Die Hauptzentrale verfügt über Wärmetauscher mit einer Gesamtleistung von 28 MW. Dazu kommen zwei Wärmespeicher à 500 m3. Mit deren Hilfe können Schwankungen beim Wärmeenergiebedarf optimiert werden. Ins Nordnetz wird Wasser mit einer Temperatur von 105 °C eingespeist, im Rücklauf zur Kehrichtverbrennungsanlage hat es 55 °C; dasselbe erfolgt für das Südnetz, wobei allerdings Wasser über eine zusätzliche Leitung mit niedrigerer Temperatur (65 °C) an die Gewächshäuser abgegeben wird.
Bei einem Fernwärmeprojekt ist es schwierig, ein genaues Ende festzulegen. Umbau- und Erweiterungsarbeiten sind an der Tagesordnung, was zu einer kontinuierlichen Zunahme der Versorgungsanschlüsse führt. Andererseits wird die Sanierung des Gebäudebestands vermutlich den Wärmeverbrauch der bereits angeschlossenen Gebäude reduzieren. Dadurch wird Leistung «freigesetzt», die wiederum neuen Anschlüssen zugewiesen werden kann.

Vorreiterprojekt im Kanton

Das Fernwärmenetz der Region Bellinzona mit seinem beachtlichen Investistionsvolumen von rund 50 Mio. Franken gilt als wichtigste Umweltmassnahme auf Kantonsebene. So lassen sich jährlich mehr als 13 000 Tonnen CO2 damit einsparen. Zudem spielt es bei der Förderung und Entwicklung weiterer Projekte im Kanton eine wichtige Rolle.
Der Verzicht auf ein eigenes Heizsystem zugunsten eines Systems, das mit anderen geteilt und von Fachkräften betrieben wird, ist kein selbstverständlicher Schritt und bedeutet gleichzeitig einen Mentalitätswandel. Der Erfolg des Projekts hat gezeigt, dass das anfängliche Misstrauen einem gesteigerten Bewusstsein für das Fernwärmenetz und seine Vorteile gewichen ist.

Chance mit Herausfor­derung

Es liegt auf der Hand, dass ein so umfangreiches und weiträumiges Projekt mit einer Vielzahl unterschiedlicher Schwierigkeiten konfrontiert war; angefangen bei der Planung – mit der komplexen Festlegung der Strecke hinsichtlich wirtschaftlicher und territorialer Einschränkungen – über Genehmigungen bis hin zur Bauphase. Vor allem die Schwierigkeiten in Bezug auf die Strecke machten es nötig, in kürzester Zeit Alternativen in Betracht zu ziehen.
Es wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Verlegung der Leitungen mit Behörden und anderen Einrichtungen auf dem Gebiet zu koordinieren. Insbesondere das Über- oder Unterqueren von natürlichen Hindernissen (z. B. Wasserläufe) und baulichen Anlagen (z. B. Bahnstrecken) erforderte viel Effort bei Projektierung wie auch Ausführung.
Die Bildern vermitteln eine Vorstellung der besonderen Situationen im Verlauf der Bauarbeiten, z. B. die doppelte Leitung mit gemeinsamem Aussenmantel, die wegen des geringen Strassenbereichs ausserhalb des Grabens geschweisst werden musste: Erst danach wurde die Leitung mithilfe von Rollen in den Graben verlegt. Analog zur obigen Vorgehensweise erfolgte das Schweissen der Leitungen auch infolge von Grundwasser ausserhalb des Grabens.

Fazit

Je grösser die Schwierigkeiten, desto grösser die Befriedigung, ein solches Projekt zu Ende gebracht und der Region die Chance gegeben zu haben, von den damit einhergehenden Vorteilen wie verbesserter CO2-Bilanz und zuverlässiger Deckung des Wärmebedarfs zu profitieren.
Für den Moment ist die Kapazitätsgrenze des Hauptkraftwerks (ICTR) fast erreicht. Eine weitere Entwicklung ist an die Umsetzung weiterer Kraftwerke gebunden. Bei anderen grossen Fernwärmenetzen, wo mehrere Kraftwerke und diverse Träger das Netz speisen, ist beispielsweise die Kombination von Kehrichtverbrennungsanlagen, Holzschnitzelkraftwerken, Wärmepumpen oder Erdwärme typisch. Das Fernwärmenetz ist der Weg, um die Energie zu verteilen, aber die Quellen, aus denen es sich speist, können zahlreich sein.

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