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02. April 2019

Erdgastagung 2019 St. Gallen

Voll-liberalisiert und erneuerbar - die Zukunft der Gasbranche in der Schweiz

Wie der Titel bereits deutlich machte, standen zwei Themenschwerpunkte an der diesjährigen Erdgastagung in St. Gallen im Zentrum: Klimaschutz und seine Auswirkungen für die Gasbranche sowie die Frage der Gasmarktöffnung.
Margarete  Bucheli 

Neben dem Verkehr liegt bei den Gebäuden  ein grosses Klimaschutz-Potenzial. Daher haben die Kantone gemeinsam die «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich» (MuKEn) erarbeitet.  Es handelt es sich um ein «Gesamtpaket» energierechtlicher Mustervorschriften im Gebäudebereich. Ziel dieser ist einerseits die Effizienzsteigerung und andererseits die Reduktion fossiler Energieträger für die Wärmebereitstellung.

Defossilierung des Gebäudebereichs

Markus Portmann vom aee Suisse, der Dachorganisation der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz, und Daniela Decurtins vom Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) gaben eine Einschätzung der MuKEn und deren Umsetzung in den einzelnen Kantonen aus verschiedenen Blickwinkeln. Portmann forderte energisch, dass endlich vorwärts gemacht werde, nachdem der erforderliche Prozess der Transformation des Energiesystems bisher eher gemütlich angegangen worden sei, ansonsten liessen sich die ambitionierten Pariser Ziele schlicht nicht erreichen. Gerade die öffentliche Hand habe dabei eine Vorbildfunktion. Er war zudem überzeugt von der zentralen Rolle der Energieplanung: «Energieplanung ist unabdingbar, wenn man aus der fossilen Falle entkommen will.»

Betrachtung des Gesamtsystems gefordert

VSG-Direktorin Decurtins betonte, dass die Gasbranche die gleichen Ziele verfolge, aber eine andere Auffassung über den Weg dorthin habe. Sie bedauerte die fehlende Anerkennung von Biogas/erneuerbarem Gas in den MuKEn. Der Kanton Luzern zeige aber mit seinem totalrevidierten Energiegesetz, dass es praktikable Lösungen für die Biogas-Anerkennung gibt. Ausserdem kritisierte Decurtins die zu detaillierten Vorschriften statt klarer Zielvorgaben, die mehr Freiheiten bei der Wahl des Weges lassen würden. Abschliessend forderte sie: «Weg von der Objektbetrachtung und hin zur Systembetrachtung». Entsprechend habe der VSG Pilotprojekte mit Systemansatz im Kanton St. Gallen aufgegleist. CO2-Reduktionen in der Wärmeversorgung sollen dabei durch räumliche Koordination erreicht werden. Einig war Decurtins mit ihrem Vorredner also bezüglich der zentralen Rolle, die der kantonalen bzw. kommunalen Energieplanung zukomme, um die CO2-Reduktionsziele zu erreichen.

Der Systemgedanke wurde von Kurt Lüscher, Geschäftsführer des Verbands Powerloop, im nächsten Vortrag weitergesponnen. Gas-, Strom- und Wärmeversorgung müssten als Gesamtsystem betrachtet werden. Um die Sektoren zu koppeln, eigneten sich besonders die bereits erprobte WKK- (Wärme-Kraft-Kopplung-)Technologie und die Power-to-Gas-Technologie. Beide Ansätze bräuchten jedoch bessere Rahmenbedingungen, damit sich deren Einsatz wirtschaftlich rechne. Lüscher erklärte abschliessend, dass der aus V3E Verband Effiziente Energie Erzeugung und WKK-Fachverband hervorgegangene Verband Powerloop sich genau für diese beiden Technologien einsetze und somit einen wichtigen Beitrag zur Schweizer Energiepolitik leiste.

Post-fossile Mobilität

Auch Christian Bach (Empa), der über die «Post-fossile Mobilität – ein vielschichtiger Ansatz» referierte, betonte die Bedeutung des Gesamtansatzes: «Wenn man nicht das Gesamte im Auge behält, kann es gut sein, dass man wegen Rebound-Effekten das Ziel verfehlt.» Er verwies auf die zentrale Rolle der sozio-ökonomischen Faktoren. Es werde nicht möglich sein, allein durch Technologie-Verbesserungen die angestrebten CO2-Reduktionen zu erreichen. Weiter erklärte er: «Erneuerbar ist notwendig, aber nicht hinreichend.» Die Mobilität müsse sich «energiesystemdienlich» entwickeln, sonst werde es primär zu Verschiebungen von CO2-Emissionen kommen. Konkret verstand Bach darunter: «Batterien von Elektrofahrzeugen müssen als kurzzeitige Speicher einsetzbar sein und chemische Treibstoffe müssen auf Überkapazitäten erneuerbarer Energien basieren.» Weiter legte er dar, dass Langstreckenanwendungen grössere Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse. Zur Rolle, die die Gasmobilität in einem zukünftigen Mobilitätssystem spielen sollte, resümierte Bach: «Gasfahrzeuge sind vielleicht nicht besonders spektakulär, genügen den Ansprüchen aber in hohem Masse zu vergleichsweise niedrigen Kosten und niedrigen Risiken. Deshalb stellen Gasfahrzeuge (neben Elektro- und Wasserstofffahrzeugen) an der Empa, der ETH und im SCCER Mobility einen wichtigen Schwerpunkt dar.»

Welche Rolle kann LNG in der Schweiz spielen?

Josef Winkler ging der Frage nach: «Der Wachstumsmarkt LNG – ein Geschäftsmodell für die Schweiz?» Dabei sah er für die Schweiz hauptsächlich Geschäftsmöglichkeiten im Bereich von Small Scale LNG, also in der industriellen Nutzung in Anlagen ohne Anbindung ans Erdgasnetz oder in der Mobilität als Treibstoff für Schiffe und Lastwagen. In Bezug auf den letzten Punkt verwies er auf das Projekt «LNG – Brücke in die Zukunft» von Lidl und Krummen-Kerzers.

Vollständige oder unvollständige Marktöffnung?

Während die Versorgungssicherheit kein Thema ist, das der Gasbranche derzeit grosses Kopfzerbrechen bereitet, weil die Schweiz charakterisiert sei durch eine hohe Sicherheit der Gasversorgung, wie Jan Abrell von der ZHAW ausführte, gibt die zukünftige Gasmarktregulierung viel zu diskutieren.

Zunächst stellte Michael Merker (Baur Hürlimann AG) die jetzige Situation mit der Verbändevereinbarung zwischen der Gasindustrie und industriellen Grosskunden dar, die einen ersten Schritt hin zu einer (Teil-)Liberalisierung des Gasmarktes ist. Er präsentierte verschiedene abgeschlossenen wie auch hängige Fälle. Als problematisch erweise sich derzeit, dass die Wettbewerbskommission WEKO nur Einzelfälle beurteile. Was es daher für die Gasbranche dringend brauche, sei ein Gasversorgungsgesetz.

Herrschte auch Einigkeit im Wunsch nach einem Gasversorgungsgesetz, so gingen die Meinungen zur Frage, ob der Gasmarkt vollständig oder nur teilliberalisiert werden solle, doch auseinander, wie die letzten drei Vorträge der Tagung zeigten. Anna Ventori war an der Ausarbeitung der vom Bundesamt für Energie (BFE) in Auftrag gegeben Studie zum Gasversorgungsgesetzt beteiligt und empfahl auf dieser Grundlage eine vollständige Marktöffnung. Denn so könnten alle Kundengruppen von den potenziellen positiven Effekten einer Marktöffnung profitieren. Sie gehe davon aus, dass die Zusatzkosten für Gasversorgungsunternehmen, die mit dem Einbezug kleinerer Kunden anfielen, überschaubar blieben, sofern Synergien mit dem Strombereich sowie vereinfachte Prozesse wie Standardlastprofile verwendet würden.

Auch René Baggenstoss von der IG Erdgas plädierte für eine vollständige Marktöffnung. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die EU-Energierichtlinie, in der beide Energieträger, Strom und Gas, geregelt seien. Tagungsmoderator Karl Frauendorfer (Universität St. Gallen) nahm diesen Punkt auf und merkte an: «Der Strom muss vorangehen. Wenn der Schweizer Strommarkt nicht vollständig geöffnet wird, wird die vollständige Gasmarktöffnung nicht kommen.»

Gegen eine vollständige und für eine partielle Marktöffnung sprach sich Hans-Christian Angele vom VSG aus. Die Gaswirtschaft verfolge diesbezüglich vier Ziele: Partielle Marktöffnung, Entry-Exit-Modell mit City-Gate, Rahmengesetz «light», das Spielräume biete, und schliesslich Aufnahme des bisher Erreichten ins Gesetz. Angele stellte auch die Frage in den Raum, was die Politik eigentlich wolle. So widersprächen sich aus Sicht der Gasbranche die Ziele zum Klimaschutz und diejenigen zur Marktöffnung. Er schloss: «Die Gaswirtschaft ist gespannt auf die Botschaft zum Gasversorgungsgesetz.»

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