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Fachartikel
02. November 2023

Versorgungssicherheit Gas

KIO Gas: Stand der Vorbereitungen für die Winterversorgung 2023/24

Die russische Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 stellte die Gasversorgung Europas und diejenige der Schweiz auf den Kopf. Die Versorgung musste innerhalb kürzester Zeit neu ausgerichtet werden. Dies bringt für die Schweizer Gasbranche nach wie vor grosse Herausforderungen mit sich.
Daniela Decurtins, Florian  Linder, Frédéric  Rivier, 

Der Angriffskrieg Russlands ist ein einzigartiger Einschnitt in der Geschichte der europ√§ischen Gasversorgung. Er f√ľhrte innerhalb k√ľrzester Zeit dazu, dass die leitungsgebundenen Gaslieferungen Russlands in die Europ√§ische Union von mehr als 40 Prozent im Jahr 2021 auf etwa 7 Prozent im Jahr 2023 zur√ľckgegangen sind. Sp√§testens mit der Zerst√∂rung der Nord- Stream-Leitungen 1 und 2 im September 2022 mussten selbst die letzten Zweifler einsehen, dass die alte Gaswelt Geschichte ist. Diese Entwicklung traf auch die Schweiz. Mitten im Herzen von Europa gelegen, beschafft sie das Gas haupts√§chlich auf den M√§rkten in Deutschland, Frankreich und Italien und verf√ľgt √ľber keine saisonalen Speicher. Sie h√§ngt insbesondere stark von Deutschland ab. Bis zu 80 Prozent der Importe werden durch Lieferungen aus dem n√∂rdlichen Nachbarland gedeckt, das bis vor Kurzem selbst stark von russischem Gas abhing. Deutschland musste seine Gaslieferungen komplett neu strukturieren. Das betraf die Schweiz gleichermassen ‚Äď ein Umstand, der bisweilen untersch√§tzt wird. Wenn in Deutschland zu wenig Gas vorhanden ist, k√∂nnte das auch in der Schweiz zu Versorgungsengp√§ssen f√ľhren.¬†Hinzu kam, dass kurz nach Kriegsausbruch die M√§rkte verr√ľckt zu spielen begannen. Das war nicht in erster Linie¬†durch Knappheiten getrieben, sondern durch Spekulationen, dass es knapp werden k√∂nnte, wenn bestimmte Ereignisse eintreffen w√ľrden. Auch dies war eine neue Erfahrung f√ľr Europa und auch dies betraf die Schweiz stark. Die Angst vor dem Zusammenbruch von¬†Handelsgesellschaften ging um. Der deutsche Staat sprang bei Uniper ein.

Reaktionen Europas

Europa versuchte die Situation mit verschiedenen Massnahmen in den Griff zu bekommen.

Speicherverpflichtungen

Die EU sieht in ihren Verordnungen Verpflichtungen zur Mindestspeicherung von Gas in EU-Staaten mit eigenen Speichern und solchen ohne entsprechende Einrichtungen vor [1, 2]. F√ľr letztere wird ein Mindestspeicheranteil von 15 Prozent des j√§hrlichen Gasverbrauchs vorgeschrieben. Daran orientierte sich schliesslich auch die Schweiz. Mit der Umsetzung dieser Verordnung ist es den europ√§ischen L√§ndern gelungen, die Speicher auf den Winter 2022/23 und auch auf den Winter 2023/24 hin rasch zu f√ľllen. Die F√ľllst√§nde lagen im September 2023 bereits √ľber 90 Prozent, was einzigartig in der Geschichte der Gasversorgung ist. Sie sind eine Grundvoraussetzung, um den Gasbedarf bei einem kalten und vor allem lang anhaltenden Winter ann√§hernd decken zu k√∂nnen und das Risiko des Eintretens einer Gasmangellage zu minimieren. Aber auch volle Speicher werden nicht ausreichen f√ľr den Fall, dass viel Gas ben√∂tigt und aus verschiedenen Gr√ľnden keines mehr zus√§tzlich nach Europa fliessen w√ľrde.

Sparverpflichtungen

Zus√§tzlich verpflichteten sich die EU-Mitgliedstaaten, mindestens 15 Prozent des Gasbedarfs gegen√ľber den Jahren 2017 bis 2021 einzusparen. Sie erreichten im vergangenen Winter die Ziele, weil zum einen die Temperaturen sehr milde ausfielen und zum anderen die hohen Gaspreise die Nachfrage d√§mpften. Welche Auswirkungen die Sparappelle hatten, l√§sst sich nur schwer absch√§tzen, aber sie leisteten sicher auch einen Beitrag.¬†Szenarien der ENTSOG (The European Network of Transmission System Operators for Gas) zeigen, dass √§hnliche Einsparbem√ľhungen auch f√ľr den Winter 2023/24 erforderlich sein werden (Fig. 1).

Diversifikation

Entscheidend aber war, dass es Europa gelang, den Gasmix breiter abzust√ľtzen und so die Abh√§ngigkeit von russischem Gas zu senken (Fig. 2). Existierende Anlandekapazit√§ten f√ľr Fl√ľssigerdgas (LNG) wurden in der Ausnutzung maximiert und in Rekordzeit neue LNG-Anlandekapazit√§ten aufgebaut. Bestehende Importm√∂glichkeiten √ľber Pipelines wurden ebenfalls gesteigert. Hier sind insbesondere die Lieferungen von Nordafrika und Norwegen, aber auch solche von Aserbaidschan via TAP zu nennen.

Reaktionen der Schweiz

Die Schweizer Gasbranche unternahm fr√ľh grosse Anstrengungen, damit es nicht zu Engp√§ssen kommt. Die Gespr√§che mit dem Bund hatten bereits vor dem Krieg in der Ukraine begonnen. Anders als etwa in Deutschland sind die Rollen bez√ľglich Zust√§ndigkeiten f√ľr die Versorgungssicherheit in der Schweiz jedoch nicht gekl√§rt, weil ein Gasmarktgesetz nach wie vor fehlt. Es besteht deshalb keine Instanz wie etwa in Deutschland mit einem Marktgebietsverantwortlichen, die der Staat mit der Beschaffung von Gas h√§tte beauftragen k√∂nnen.

Task Force

Im M√§rz 2022 setzte der Bundesrat deshalb unter Koordination des Verbands der Schweizer Gasindustrie (VSG) eine Task Force von Bundesbeh√∂rden und Branche ein, die L√∂sungen f√ľr die gemeinsame Gasbeschaffung erarbeiten sollte. Eine Arbeitsgruppe mit Spezialisten erstellte die Konzepte, die Task Force diskutierte sie und die Beh√∂rden unterst√ľtzen sie in der rechtlichen Umsetzung. Es handelt sich dabei um vorbeugende angebotsseitige Massnahmen, die verhindern sollen, dass √ľberhaupt eine Mangellage eintritt. In erster Linie dienten sie aber dazu, sich solidarisch mit den EU-Staaten zu verhalten, damit die Schweiz auf eine h√∂here Solidarit√§tsbereitschaft der europ√§ischen Nachbarstaaten hoffen durfte.

Kriseninterventionsorganisation

Parallel dazu sorgte die Branche auch f√ľr den Fall vor, dass die Schweiz in eine¬†Mangellage ger√§t. Dazu wurden im Kontext der Milizorganisation der wirtschaftlichen Landesversorgung (WL) Konzepte entwickelt, verschiedene Massnahmen implementiert und auch entsprechende F√§higkeiten aufgebaut. Der VSG bot dem Bund an, innert k√ľrzester Zeit eine Kriseninterventionsorganisation (KIO Gas) aufzubauen. Der Bund reagierte rasch und √ľbertrug dem VSG den Auftrag, im Falle einer Mangellage die Netzbetreiber bei der Umsetzung derBewirtschaftungsmassnahmen zu unterst√ľtzen [3]. Anders als im Strom, bei dem es entsprechende Strukturen, die Ostral, seit mehr als 50 Jahren gibt, fehlte eine solche Organisation beim Gas. Auch w√§hrend des Kalten Krieges oder der verschiedenen Ukraine-Krisen war es nie zu Versorgungsengp√§ssen gekommen. Der VSG konnte beim Aufbau der KIO Gas auf die Branchenspezialisten aus allen Landesteilen setzen, die sich hier seither mit viel Sachverstand und Einsatz engagieren. In der KIO Gas sitzen auch Vertreter von Industrie, Gewerbe und Konsumentenseite ein.¬†Parallel zum Aufbau der KIO Gas bildete der VSG ein Advisory Board, in dem neben der Kundenseite aus Industrie, Gewerbe und Konsumentenkreisen weitere Wirtschaftsverb√§nde sowie Kantone, St√§dte und Gemeinden vertreten sind. Das war ein Novum im Kontext der wirtschaftlichen Landesversorgung und diente dazu, die Betroffenen einer m√∂glichen Mangellage fr√ľh zu involvieren und zu informieren.

Organisation der Schweiz f√ľr Gasmangellage

Die wirtschaftliche Landesversorgung und das Milizsystem sind eine Schweizer Spezialit√§t bei der Bew√§ltigung von Mangellagen. Die Gasversorgungssicherheit ist Aufgabe der Gaswirtschaft gem√§ss Art. 6 Energiegesetz (EnG, SR 730.0) und Art. 3 Landesversorgungsgesetz (LVG, SR 531) und ist durch marktbasierte Massnahmen sicherzustellen. Erst wenn die marktbasierten Massnahmen nicht mehr gen√ľgen, kommen die Massnahmen der WL zum Einsatz. Die Aufgabe der WL in einer Gasmangellage ist die Vorbereitung von Massnahmen und ihre Durchf√ľhrung zusammen mit der Kriseninterventionsorganisation KIO Gas. Das Bewirtschaftungskonzept und die darin enthaltenen Massnahmen kommen¬†nur im Fall einer unmittelbar drohenden oder bereits bestehenden schweren Mangellage zur Anwendung. Sie dienen dazu, eine Verschlechterung der Versorgungslage und damit die Notwendigkeit von weitergehenden Massnahmen zu verhindern. Sie werden stets befristet in Kraft gesetzt und so rasch wie m√∂glich wieder aufgehoben [4].

Wirtschaftliche Landesversorgung

Die wirtschaftliche Landesversorgung bereitet Massnahmen vor f√ľr die Bew√§ltigung von Versorgungsst√∂rungen und -engp√§ssen, die von der Wirtschaft selbstst√§ndig nicht bew√§ltigt werden k√∂nnen (schwere Mangellagen) und koordiniert im Krisenfall deren Umsetzung. Der Auftrag der WL ist in Artikel 102 der Bundesverfassung (BV, SR 101) sowie im LVG und der dazugeh√∂rigen Verordnung √ľber die wirtschaftliche Landesversorgung (VWLV, SR 531.11) festgehalten. Das Bundesamt f√ľr wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) ist die Stabsstelle der WL und unterst√ľtzt diese in ihrer Arbeit. Die WL besteht aus einer Milizorganisation und wird von einer vom Bundesrat gew√§hlten Person gef√ľhrt (Delegierte/r f√ľr WL, DWL). Diese leitet gleichzeitig das BWL. Das BWL ist Teil des Departements f√ľr Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), dem aktuell Bundesrat Guy Parmelin vorsteht. Der Fachbereich Energie (FB Energie) umfasst das Milizkader und die Vertreter des BWL f√ľr die Fachbereiche Erdgas, Strom, Mineral√∂l und Holz. Die Abteilung Erdgas (AEG) ist Teil des Bereichs Energie und besteht aus Vertretern der Gaswirtschaft (inkl. Unterst√ľtzung durch die KIO Gas), der Industrie und des Bundes. Der FB Energie und die AEG √ľberwachen die Arbeiten des VSG sowie der KIO Gas und erteilen Weisungen. Im Fall einer schweren Mangellage arbeiten der FB Energie, die AEG, die KIO Gas und der VSG mit dem BWL, dem Bundesamt f√ľr Energie (BFE), dem Bundesamt f√ľr Bev√∂lkerungsschutz (BABS), der Armee und weiteren relevanten Stellen von Bund, Kantonen, St√§dten und Gemeinden zusammen [5].

KIO Gas

Die Kriseninterventionsorganisation f√ľr die Gasversorgung in ausserordentlichen Lagen (KIO Gas; siehe Fig. 3) hat zur Aufgabe, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um im Fall von schweren Mangellagen der Gasversorgung verschiedene vom Bund angeordnete Massnahmen zu vollziehen bzw. die Netzbetreiber beim Vollzug zu unterst√ľtzen. Ausserdem √ľbernimmt sie eine beratende sowie unterst√ľtzende Funktion f√ľr die WL beim Aufbau und Betrieb des Monitoringtools zur Lagebeurteilung. Die Aufgaben der KIO Gas sind durch die Verordnung √ľber die Organisation zur Sicherstellung der wirtschaftlichen Landesversorgung im Bereich der Gaswirtschaft (VOGW) geregelt.

Massnahmen zur Bewältigung einer Gasmangellage

Die Schweiz hat seit M√§rz 2022 unterschiedliche Massnahmen zur Bew√§ltigung einer Gasmangellage ergriffen, die nachfolgend ‚Äď unterteilt in Massnahmen auf der Angebotsseite und Massnahmen auf der Verbrauchsseite ‚Äď beschrieben werden.

Massnahmen auf der Angebotsseite
Speicher als Absicherung

15 Prozent, gemessen am Jahresverbrauch 2021, der ordentlichen Beschaffung werden abgesichert, indem diese Gasmengen in den Nachbarl√§ndern eingespeichert werden. Es handelt sich bei den Speichern um regul√§re, am Markt verf√ľgbare Speicherprodukte, die bewirtschaftet werden m√ľssen. Der Bundesrat hat diese Massnahme bereits f√ľr den Winter 2024/25 verl√§ngert.

Optionen f√ľr zus√§tzliche physische Gaslieferungen als Reserve

W√§hrend die Branche, vertreten durch die Regionalgesellschaften, durch den Bund verpflichtet wurde, f√ľr den Winter 2022/23 noch zus√§tzlich zur ordentlichen Beschaffung 6 TWh in Frankreich, Deutschland, Italien sowie den Niederlanden in Form von Optionen f√ľr nicht russisches Gas zu erwerben, wurde f√ľr den Winter 2023/24 darauf verzichtet. Daf√ľr steht eine Option zur Verf√ľgung, die es in einer Mangellage erlaubt, Gas, das f√ľr den Transit nach Italien in Oltingue (F) importiert wird, in der Schweiz zu √ľbernehmen. Bez√ľglich der Optionen unterzeichnete Bundesrat Albert R√∂sti am 6. Juli 2023 mit dem italienischen Energieminister eine Vereinbarung zur Gasversorgungssicherheit. Damit ist f√ľr den Winter 2023/24 sichergestellt, dass bei massgeblichen Einschr√§nkungen in Wallbach die Schweizer Gasbranche Gas von Transit-Shippern aus¬†Oltingue (F) in der Schweiz √ľbernehmen kann.

Massnahmen auf der Verbrauchsseite

Die Schweiz schloss sich 2022 auf freiwilliger Basis dem EU-Gassparziel an. Das bedeutete, dass sie in den Wintermonaten Oktober 2022 bis M√§rz 2023 3997 GWh Gas einsparen sollte, dies ohne Witterungseffekte zu ber√ľcksichtigen. Dies entspricht 15 Prozent des durchschnittlichen Verbrauchs in diesen Monaten in den vergangenen f√ľnf Jahren. Ausserdem sprach der Bundesrat im September 2022 eine Umschaltempfehlung f√ľr Zweistoffanlagen aus. Die Energiesparvorgaben konnten erreicht werden, wie die Daten im Energiedashboard des BFE belegen (Fig. 4; [6]). Dies hat verschiedene Gr√ľnde; es ist aber wohl vor allem auf die hohen Preise und die milde Witterung zur√ľckzuf√ľhren. Falls sich die Versorgungssituation im Laufe des Herbsts/Winters 2023/24 versch√§rft, w√§ren Sparkampagnen wieder angezeigt. Inzwischen hat der Bund auch das Sparziel Gas von 15 Prozent f√ľr die jetzige Herbst/Winter-Saison erneuert. Reichen die Massnahmen auf der Angebotsseite und entsprechende Sparapelle nicht aus, um Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen und damit die Schweizer Gasversorgung zu bilanzieren, sieht der Bund die Umsetzung folgender verbrauchssenkender Massnahmen vor (Fig. 5):

  • Umschaltung Zweistoffanlagen von Gas auf √Ėl
  • Verbote und Beschr√§nkungen der Verwendung von Gas
  • Kontingentierung (nicht gesch√ľtzter Verbraucher)

Die entsprechenden Umsetzungsdokumente sind auf der KIO-Webseite (www.kio.swiss) beschrieben und verf√ľgbar. Dort finden sich auch Informationen zu den gesch√ľtzten und ungesch√ľtzten Verbrauchern bei einer Kontingentierung. Der VSG f√ľhrt regelm√§ssige Schulungen durch, an denen aktuell jeweils mehr als 300 Personen teilnehmen.

Fähigkeit der Lagebeurteilung (Monitoring)

Ein funktionierendes Monitoringsystem und ein entsprechender Prozess der Lagebeurteilung sind Grundvoraussetzungen, um eine Mangellage zu vermeiden. Nur¬†so lassen sich die korrekten Massnahmen identifizieren sowie der richtige Umsetzungszeitpunkt im richtigen Umfang und auch der rechtzeitige Ausstieg aus den Bewirtschaftungsmassnahmen erkennen. Ziel ist es, den volkswirtschaftlichen Schaden im Falle einer Mangellage¬†m√∂glichst gering zu halten. Da die Schweiz von Gaslieferungen aus Deutschland abh√§ngt und √ľber keine inl√§ndischen saisonalen Speicher verf√ľgt, ist ein solches System das Schl√ľsselelement eines erfolgreichen Krisenmanagements. Entsprechend arbeitete die Branche¬†mit hoher Priorit√§t und enormem Aufwand am Aufbau und Betrieb eines solchen Monitoringsystems. Inzwischen betreibt die WL das System und wird dabei von Experten der Gasbranche unterst√ľtzt. Kernfunktionalit√§ten des Monitoringsystems sind:

  • Visualisierung und Bewertung von Marktdaten und europ√§ischen Gasfl√ľssen, Speicherdaten etc.
  • Darstellung der aktuellen Versorgungslage der Schweiz
  • Prognose des Gasverbrauchs f√ľr die kommenden 14 Tage inkl. Unterteilung in die Verbrauchsgruppen gesch√ľtzt und ungesch√ľtzt (Absch√§tzung)
  • Darstellung des maximalen Angebots
  • Unterst√ľtzung der F√ľhrungsfunktionen der WL

Die gr√∂sste Herausforderung in der Lagebeurteilung ist es, bei sich ank√ľndigender Mangellage den zu erwartenden Verbrauch (Prognose) und das verbleibende Angebot korrekt abzusch√§tzen. Aus der Differenz ergibt sich der Fehlbetrag, der durch die verbrauchssenkenden Massnahmen gedeckt werden muss. Das Monitoringsystem dient aber auch dazu, die Wirkungsweise der Massnahmen abzusch√§tzen.

Sicherstellung der Netzstabilität

Trotz aller vorsorglichen Anstrengungen und implementierten Massnahmen w√§hrend einer Gasmangellage bleibt ein Restrisiko, dass Ein- und Ausspeisung nicht √ľbereinstimmen. In einer solchen Lage sind die Netzbetreiber gezwungen, auf Basis des Rohrleitungsgesetzes (RLG, SR 746.1) Massnahmen zu ergreifen, sodass die Netzstabilit√§t sichergestellt werden kann. Der SVGW hat dazu eine Empfehlung (G1010) erarbeitet. Die Umsetzung hat anschliessend in enger Koordination zwischen den Hochdrucknetzbetreibern und den Verteilnetzbetreibern zu erfolgen.

Ausblick

Die Ausgangssituation f√ľr den Winter 2023/24 ist vielversprechend. Die Vorbereitungsarbeiten befinden sich auf gutem Wege. Die LNG-Infrastrukturen, insbesondere in Frankreich und Deutschland,¬†wurden erheblich ausgebaut, wodurch das Risiko von Engp√§ssen verringert wurde. Weitere Risikofaktoren wie die Konjunkturelle Entwicklung in Asien und die Verf√ľgbarkeit der franz√∂sischen Kernkraftwerke pr√§sentieren sich aktuell nicht beunruhigend. Nichtsdestotrotz bleibt das Risiko einer Gasmangellage bestehen und k√∂nnte sich insbesondere bei einem langen, kalten Winter versch√§rfen. Vor diesem Hintergrund ist es angezeigt, die Zeit zu nutzen und bei der Vorbereitung auf eine m√∂gliche Mangellage nicht nachzulassen. Die Speicherfrage im Inland l√§sst sich nicht so kurzfristig l√∂sen. In der Schweiz existieren keine saisonalen Speicher, also Speicherkapazit√§ten, die ausreichen, um im Sommer gef√ľllt und dann im Winter genutzt zu werden, um einen wesentlichen Teil der Versorgung sicherzustellen. Es sind aktuell wieder Studien im Gange, darunter ein von Gaznat getragenes Projekt f√ľr eine Kavernenspeicherung im Oberwallis. Das Bundesamt f√ľr Energie h√§lt im Bericht vom September 2022 zuhanden des Bundesrates fest, dass eine solche Speicherung die Versorgungssicherheit in der Schweiz deutlich erh√∂hen w√ľrde [7]. Allerdings ben√∂tigt der Bau einer solchen Anlage einige Jahre. In Zukunft werden sie auch erneuerbares Gas und Wasserstoff speichern k√∂nnen und sind entsprechend Gegenstand der Arbeiten des Bundes an einer Wasserstoffstrategie, die in der zweiten H√§lfte des Jahres 2024 vorgelegt werden soll. Alle bislang getroffenen Massnahmen bieten keine absoluten Sicherheiten oder Garantien, dass die Schweiz im Winter 2023/24 und in den Folgejahren, insbesondere bei entsprechenden Exportreduktionen durch die Nachbarl√§nder, √ľber gen√ľgend Gas verf√ľgen wird. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass mindestens in den n√§chsten drei Jahren noch von potenziellen Mangellagen ausgegangen werden muss. Falls Nachbarstaaten Exportbeschr√§nkungen treffen, muss damit gerechnet werden, dass nicht gen√ľgend Erdgas in die Schweiz importiert werden kann. Im Extremfall w√ľrde die Speicherung von Erdgas in Nachbarstaaten nichts n√ľtzen, da auch dieses Gas von den Exportbeschr√§nkungen betroffen w√§re. Es bleibt deshalb unabdingbar, dass neben weiteren Massnahmen der Bund seine Bem√ľhungen hochh√§lt, zwischenstaatliche Vereinbarungen zu¬†treffen, insbesondere mit Deutschland, dem wichtigsten Importkorridor der Schweiz.

 

Bibliographie

[1] Verordnung des Europ√§ischen Parlaments und Rates zur √Ąnderung der Verordnung (EU) 2017/1938 des Europ√§ischen Parlaments und des Rates √ľber Massnahmen zur Gew√§hrleistung der sicheren Gasversorgung vom 25. Oktober 2017; modifiziert 1. Juli 2022.
[2] Verordnung (EG) Nr. 715/2009 des Europ√§ischen Parlaments und des Rates √ľber die Bedingungen f√ľr den Zugang zu den Erdgasfernleitungen vom 13. Juli 2009, modifiziert 1. Juli 2022.
[3] Verordnung √ľber die Organisation zur Sicherstellung der wirtschaftlichen Landesversorgung im Bereich der Gaswirtschaft (VOGW) vom 9. Mai¬†2022.
[4] Eidgen. Departement f√ľr Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF): Faktenblatt: Massnahmen im Fall einer schweren Gasmangellage, 16. November 2022.
[5] Wirtschaftliche Landesversorgung/BWL: F√ľhrungshandbuch AEG, Juni 2023.
[6] www.energiedashboard.admin.ch/dashboard
[7] Bundesamt f√ľr Energie: Aufbau von Gasspeicherkapazit√§ten in der Schweiz und alternative Optionen f√ľr eine inl√§ndische Gasversorgung, Bericht zuhanden des Bundesrates, Oktober 2022.

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