Im August 2019 beschloss der Bundesrat, bis Mitte des Jahrhunderts ein Netto-Null-Ziel anzustreben. Dieses Ziel ist auch Gegenstand des Klima- und Innovationsgesetzes (KIG), das am 18. Juni 2023 mit 59,1% Ja-Stimmen vom Volk angenommen wurde. Ab 2050 soll die Schweiz daher nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ausstossen, als durch natürliche und technische Senken absorbiert werden. Dies erfordert in erster Linie eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen wie Kohlendioxid (CO2) in den Sektoren Verkehr, Gebäude und Industrie und den Einsatz von CO2-Abscheidungstechnologien für die schwer vermeidbaren Emissionen, zum Beispiel aus Zement- oder Kehrichtverbrennungsanlagen. Dabei wird CO2 aus den Abgasen abgeschieden. Das aufgefangene CO2 muss anschliessend zu Lagerstätten transportiert werden, in denen es dauerhaft tief unter der Erde gespeichert wird. Solche Verfahren werden als Technologien zur Abscheidung, zum Transport und zur Speicherung von Kohlendioxid (engl.: Carbon Capture, Transport and Storage, kurz: CCTS) bezeichnet.
In der direktdemokratischen Schweiz ist die Akzeptanz in der Bevölkerung entscheidend, wenn es um die Umsetzung grosser Infrastrukturprojekte geht – insbesondere für CO2-Infrastrukturen im Zusammenhang mit CCTS. Widerstand in der Bevölkerung kann zu Verzögerungen, Unsicherheiten oder sogar zum Scheitern von Projekten führen, wie Beispiele von CO2-Speicherprojekten in den Niederlanden zeigen [1]. Frühere Studien zur Energieinfrastruktur (z. B. Hochspannungsleitungen) haben gezeigt, dass die Wahrnehmung durch emotionale Reaktionen, Gesundheitsrisiken (z. B. Lärm, Umweltverschmutzung) und Auswirkungen auf die Landschaft geprägt ist [2]. Darüber hinaus beeinflussen auch die physische Nähe und die Vertrautheit mit der Infrastruktur die Akzeptanz [3].
Die öffentliche Wahrnehmung von Technologien zur CO2-Abscheidung und Speicherung ist in den letzten Jahren zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Einige Studien haben dabei die Akzeptanz verschiedener CO2-Entnahmetechnologien vergleichend analysiert. 2020 untersuchten Jobin und Siegrist [4] die Unterstützung in der Schweizer Bevölkerung für zehn unterschiedliche Technologien, darunter auch Climate Engineering. Rhein et al. beleuchteten 2024 die öffentliche Wahrnehmung von CO2-Entnahmemassnahmen gegenüber Reduktionsstrategien sowie spezifisch Aufforstung, Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS) und Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS) [5]. Mit einer Analyse von fünf CO2-Entnahmetechnologien in 22 Ländern lieferten Low et al. 2024 erstmals eine breite internationale Vergleichsperspektive [6]. Mit Blick auf den Schweizer Kontext untersuchten Dallo et al. (2024) im Rahmen des Projekts DemoUpCARMAin einer Umfrage mit 500 Teilnehmenden die gesellschaftliche Wahrnehmung zweier spezifischer CCTS-Pfade, die sich primär hinsichtlich des Speicherorts unterschieden [7]. Während diese Studien wertvolle Erkenntnisse über die Wahrnehmung von Abscheidungs- und Speichertechnologien sowie CO2-Pipelines [8] liefern, bleibt die Frage nach der öffentlichen Wahrnehmung unterschiedlicher CO2-Transportoptionen bislang weitgehend unerforscht. Diese Lücke adressiert die vorliegende Studie, die im Rahmen des Innosuisse Flagship DeCIRRA durchgeführt wurde.
Der Kern der repräsentativen Umfrage in der Deutschschweiz ist ein Versuchsaufbau, bei dem die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip einer von sechs CO2-Transportoptionen zugeordnet werden. Jede Option beschreibt einen anderen Ansatz für den CO2-Transport und enthält unterschiedliche Informationen zu Sicherheitsstandards:
Neben einem kurzen Text, der die SituaÂtion von der CO2-Abscheidung in einer Kehrichtverbrennungsanlage via Transportoption zu einer permanenten Speicherstäte aufzeigt, wurden die Optionen jeweils mit einem passenden Icon illustriert (Fig. 1).
Zudem erhielt die Hälfte der Befragten weitere Informationen zum heutigen Stand von CO2-Transporten in der Schweiz für industrielle Zwecke. Dabei wurde erwähnt, dass die derzeitigen Transporte nur 1% des zukünftigen Volumens ausmachen. Nach dem Lesen der zufällig zugeteilten Option bewerten die Teilnehmenden diese, indem sie ihre ersten Eindrücke, ihre Unterstützung, ihre emotionalen Reaktionen und die von ihnen wahrgenommene Nützlichkeit, Sicherheit, Fairness usw. bewerten. Die Umfrage hat zudem weitere wichtige Faktoren abgefragt: z. B. Wissensstand zu Klimathemen und CCTS, Umweltverhalten und -einstellungen sowie sozioökonomische Variablen. Der Umfrageentwurf wurde im Sommer 2025 intensiv mit Fachleuten aus der Praxis diskutiert und auf die Praxistauglichkeit hin verbessert. Im November 2025 wurde die Umfrage von rund 3000 Personen beantwortet. Bezüglich Geschlecht und Alter ist die Umfrage repräsentativ für die Deutschschweiz.
Über alle sechs Transportoptionen hinweg unterstützt knapp die Hälfte der befragten Personen ihr jeweilige zugeteilte Option. Weitere 38% der Befragten zeigen eine neutrale Haltung (Fig. 2).
Insgesamt lehnen 11,94% der Befragten den präsentierten CO2-Transportweg ab. Bei näherer Betrachtung dieser Gruppe zeigt sich ein konsistentes Muster: Die Personen mit ablehnender Haltung sind tendenziell älter und weisen eine geringere Besorgnis gegenüber dem Klimawandel auf. Zudem verfügen sie objektiv über weniger Wissen zu klimafreundlichem Verhalten, schätzen ihren eigenen Wissensstand jedoch höher ein, als er tatsächlich ist. Darüber hinaus fühlen sie sich persönlich weniger in der Verantwortung, einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten, und vertrauen sowohl der Klimapolitik der Regierung als auch den Einschätzungen von Klimaforschenden weniger. Bemerkenswerterweise spielen soziodemografische Faktoren wie Geschlecht, Kanton, Haushaltsgrösse und Einkommen keine statistisch signifikante Rolle für eine ablehnende Haltung.
Der Vergleich der sechs Transportszenarien zeigt deutliche Unterschiede in der öffentlichen Unterstützung (Fig. 3). Pipeline-Lösungen erfahren insgesamt die höchste Zustimmung, wobei die Umnutzung einer bestehenden Pipeline signifikant höher bewertet wird als der Bau einer neuen unterirdischen Pipeline. Beim oberirdischen Transport wird der Zug signifikant bevorzugt gegenüber dem Elektrolastwagen. Insgesamt schneidet der Pipelinetransport signifikant besser ab als der Tranport per Bahn oder Lastwagen. Interessanterweise haben die zusätzlichen Informationen zum Gefahrengut und zu Sicherheitsstandards beim Zug- und Lastwagentransport keinen Einfluss auf die Unterstützung. Hingegen erhöht die Information über bestehende CO2-Transporte in der Schweiz für industrielle Zwecke die durchschnittliche Zustimmung über alle Szenarien hinweg signifikant.
Eine erste vorläufige Auswertung von qualitativen Antworten zu der Frage nach den Stärken und Schwächen des möglichen Transportweges spiegelt eine differenzierte, teilweise kritische Haltung gegenüber den vorgestellten CO2-Transportwegen wider. Als Stärke wurde zum Beispiel die Nutzung bestehender Infrastruktur hervorgehoben – insbesondere bei der Umnutzung vorhandener Pipelines –, da sich die Befragten auch Kostenersparnis erhoffen. Auch der Bahntransport wurde vielfach positiv bewertet, da er als klimafreundlicher gilt als der Strassenverkehr.
Eine häufig genannte Schwäche betrifft das Paradox des Transportprozesses selbst: «Der Transport verursacht ebenfalls CO2-Emissionen.» Weiter werden Sorgen um Sicherheitsrisiken bei Unfällen auf Strasse oder Schiene geäussert sowie die hohen Investitions- und Betriebskosten der notwendigen Infrastruktur. Auch die Belastung des bereits stark ausgelasteten Strassen- und Schienennetzes haben Âeinige Befragte als Problem genannt. Ein zentrales Thema in den Antworten ist die Unsicherheit rund um die permanente Speicherung des transportierten CO2. Zahlreiche Befragte ziehen Parallelen zur
Atommüll-Problematik: «Erinnert mich an Atommüll … Wo und wie wird es sicher gelagert? Haben wir in 20 Jahren unvorhergesehene Probleme damit?» Die Frage, was langfristig mit dem gespeicherten CO2 geschieht und ob der Speicher nicht irgendwann voll sein werde, tritt wiederholt auf.
Schliesslich äussern zahlreiche Befragte prinzipiell Skepsis gegenüber technischen Lösungsansätzen und betonen, dass Emissionsvermeidung klar Vorrang vor Abscheidung und Transport haben sollte: «... wichtiger wäre, weniger CO2 auszustossen und dies mehr zu fördern.» Einige Stimmen sehen in solchen Massnahmen gar einen Anreiz, den Ausstoss nicht zu reduzieren: «... gibt den Menschen vielleicht das Gefühl, sie müssten dann nicht reduzieren.» Diese Haltung spiegelt sich auch in den quantitativen Befunden wider: Rund 9% der Befragten lehnten CCTS zu Beginn grundsätzlich ab (unabhängig von der Transportoption), wobei ein Drittel dieser Personen als Begründung angab, dass zunächst Treibhausgasemissionen eingespart werden sollten. Darüber hinaus lehnten 45% aller Befragten die Aussage ab, dass technologische Innovationen es erlauben würden, den heutigen Lebensstil kompromisslos und ohne Einschränkungen weiterzuführen.
Die vorliegende Studie liefert erstmals systematische Evidenz zur öffentlichen Wahrnehmung verschiedener CO2-Transportoptionen in der Schweiz. Dabei sind mehrere Erkenntnisse für die Praxis und die Klimapolitik relevant. Erstens zeigt die vergleichsweise hohe Zustimmung und neutrale Haltung, dass die Opposition zum CO2-Transport eher klein ist. Zweitens wird deutlich, dass die Umnutzung bestehender Pipelines von der Bevölkerung klar bevorzugt wird. Dies legt nahe, dass bei der Planung von CCTS-Infrastrukturen bestehende Rohrleitungsnetze – wo auch immer möglich – geprüft und in die Öffentlichkeitskommunikation einbezogen werden sollten. Drittens ist die Wirkung von Kontextinformationen (sogenannte Framings) bemerkenswert: Hinweise zum Gefahrenguttransport und dessen Sicherheitsstandards verändern die Wahrnehmung nicht signifikant, während die Information über bestehende CO2-Transporte in der Schweiz zur industriellen Nutzung die Unterstützung signifikant steigert. Vertrautheit und wahrgenommene Normalität scheinen somit wichtige Unterstützungstreiber zu sein. Dieses Resultat hat direkte Implikationen für die Kommunikationsstrategie und legt nahe, dass bereits heute stärker von bestehenden CO2-Transporten in der Schweiz berichtet werden sollte. Viertens verdeutlichen die qualitativen Befunde, dass ein relevanter Teil der Bevölkerung CCTS grundsätzlich kritisch gegenübersteht und technische Lösungen als Vorwand für ausbleibende Verhaltensänderungen betrachtet. Eine glaubwürdige Klimakommunikation sollte CCTS daher stets als Ergänzung, nicht als Ersatz zu konsequenten Reduktionsmassnahmen positionieren.
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[1] Akerboom, S. et al. (2021): Different This Time? The Prospects of CCS in the Netherlands in the 2020s. Front. Energy Res. 9: 644796. doi:
[2] Stadelmann-Steffen, I. (2019): Bad news is bad news: Information effects and citizens’ socio-political acceptance of new technologies of electricity transmission. Land use policy 81: 531–545
[3] Firestone, J.; Kirk, H. (2019): A strong relative preference for wind turbines in the United States among those who live near them. Nature Energy 4(4): 311–320
[4] Jobin, M.; Siegrist, M. (2020): Support for the deployment of climate engineering: a comparison of ten different technologies. Risk Analysis, 40(5), 1058–1078
[5] Rhein, S. et al. (2025): Swiss Environmental Panel. Public Opinion on CO2 Removal in Swiss Climate Policy. ETH Zurich
[6] Low, S. et al. (2024): Public perceptions on carbon removal from focus groups in 22 countries. Nature Communications 15(1): 3453
[7] Dallo, I. et al. (2024): Social perspectives of carbon capture, transportation, utilization, and storage in Switzerland. Energy Research & Social Science 114: 103588
[8] Schumann, D. (2017): Public perception of CO2Â pipelines. Energy Procedia 114: 7356-7366
Wir bedanken uns herzlich bei den Expertinnen und Experten, die uns neben den akademischen DeCIRRA-Projektmitgliedern mit ihrem Fachwissen und wertvollen Inputs bei der Entwicklung des Fragebogens unterstĂĽtzt haben:
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