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Fachartikel
04. November 2026

Gasversorgung

Angespannt, aber gut vorbereitet

Die Energiekrise von 2022 hat Europas Gasversorgung grundlegend verändert. Seit Monaten führt nun der Krieg im Nahen Osten erneut vor Augen, wie eng Gasmarkt, Geopolitik und Versorgungs­sicherheit miteinander verknüpft sind. Für die Schweiz kommt eine weitere Herausforderung ­hinzu: Da sie über keine eigenen saisonalen Gasspeicher verfügt, ist sie auf funktionierende europäische Märkte, Speicher und Transportwege angewiesen. Die Branche beobachtet die aktuelle Situation sehr genau, schafft Handlungsoptionen und kann dabei auf Strukturen und Erfahrungen zurückgreifen, die seit 2022 aufgebaut und weiterentwickelt wurden.
Janos Kick 

Die Lage auf den internationalen Gasmärkten bleibt angespannt. Besonders einschneidend ist der Konflikt rund um die Strasse von Hormus, dessen Dauer nicht absehbar ist. Über diese Route wird normalerweise Flüssigerdgas (LNG) in einer Grössenordnung von fast einem Fünftel des weltweiten Angebots transportiert. Die zeitweise faktische Unterbrechung des Schiffsverkehrs entzog dem globalen Markt damit einen erheblichen Teil seiner Flexibilität. Die Folgen waren unmittelbar spürbar: Die Preise in Europa und Asien stiegen stark und reagierten nervös auf jede Schlagzeile. Dass LNG-Ladungen grundsätzlich dorthin geliefert wurden, wo die Zahlungsbereitschaft am höchsten war, verschärfte die Situation zusätzlich.

Seither hat sich die Lage zwar etwas beruhigt. LNG-Schiffe passieren die Strasse von Hormus wieder, doch die Mengen liegen weit unter dem Niveau vor dem Konflikt. Hinzu kommt, dass Schäden an LNG-Infrastrukturen und die damit verbundenen Produktionseinschränkungen, insbesondere in Katar, das globale Angebot auch über die unmittelbare Krise hinaus belasten werden.

Gleichzeitig gibt es Faktoren, die den Markt stabilisieren. In verschiedenen asiatischen Ländern ist die Nachfrage zurückgegangen – einhergehend mit den gestiegenen Preisen. Zudem kann Europa auf zusätzliche LNG-Importe, insbesondere aus den USA, zurückgreifen. Auch Norwegen bleibt ein zentraler Pfeiler der europäischen Versorgung. Der globale Gasmarkt bleibt damit verletzlich, verfügt heute aber über deutlich mehr Bezugsquellen und Flexibilität als während der Energiekrise von 2022.

Deutschland: Tiefe Speicher, breitere Absicherung

Der Fokus auf die europäischen Gasspeicher ist dieses Jahr besonders gross, weil mehrere Risikofaktoren zusammenkommen: tiefe Ausgangsfüllstände nach dem Winter, Unsicherheiten bei den globalen LNG-Lieferketten und die unbekannte Nachfrage im kommenden Winter. Die Speicher gelten deshalb als wichtiger Indikator für die Robustheit des europäischen Versorgungssystems. Ihre Bedeutung zeigt sich insbesondere an kalten Wintertagen, wenn kurzfristig hohe Gasmengen bereitgestellt werden müssen. Tiefe Speicherfüllstände können die Fähigkeit einschränken, solche Nachfragespitzen abzudecken.

Gleichzeitig hat sich das europäische Versorgungssystem seit 2022 verändert. Zusätzliche LNG-Importkapazitäten, neue Lieferbeziehungen und eine breitere Diversifizierung der Bezugsquellen haben die Abhängigkeit von einzelnen Liefer­wegen reduziert. Hohe Preise sind deshalb nicht automatisch mit einer Gasmangellage gleichzusetzen. Ein angespannter Markt reagiert zunächst über den Preis: Dieser macht zusätzliche LNG-Lieferungen attraktiver und dämpft gleichzeitig die Nachfrage bei preissensitiven Verbrauchern.

Eine physische Mangellage würde erst dann eintreten, wenn trotz dieser Marktmechanismen nicht mehr genügend Gas verfügbar oder transportierbar wäre. Das Risiko steigt insbesondere dann, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenkommen: ein kalter Winter, eine hohe Gasnachfrage zur Stromproduktion, Einschränkungen wichtiger Lieferwege und eine begrenzte LNG-Verfügbarkeit. Die Lage wird deshalb laufend und sehr genau beobachtet.

Während in verschiedenen europäischen Ländern die EU-Vorgaben zu den Speicherständen regulatorisch sichergestellt sind, liegen die Füllstände in Deutschland mit knapp 60 Prozent deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Die deutsche Bundesnetzagentur bezeichnet diese Entwicklung als ernst, betrachtet die Versorgungssicherheit derzeit jedoch nicht als kritisch.

Die Schweiz ist Teil des europäischen Systems

Für die Schweiz ist diese europäische Perspektive besonders relevant, da sie über keine eigenen saisonalen Grossspeicher verfügt. Die notwendigen Mengen werden auf den europäischen Märkten beschafft und in Speichern der Nachbarländer nominiert. Damit ist die Schweiz unmittelbar auf funktionierende Märkte und grenzüberschreitende Transportwege angewiesen.

Die Schweizer Gasbranche – federführend ist der Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) – hat deshalb früh begonnen, ihre Vorsorge systematisch auszubauen. Im Frühjahr 2022 bildete der Verband auf Grundlage des bundesrätlichen Auftrags eine Taskforce mit Vertretern der Gaswirtschaft und der Bundesbehörden. Gemeinsam wurden Speicherreserven und zusätzliche Lieferoptionen aufgebaut. Die Kriseninterventionsorganisation KIO Gas wurde als dauerhafte Umsetzungsorganisation etabliert und wird vom VSG verantwortet.

 

Was damals unter hohem Zeitdruck entstand, bildet heute eine wichtige Grundlage für die laufende Lagebeurteilung und Vorbereitung möglicher Massnahmen. Die Branche kennt die Abläufe, Schnittstellen und Instrumente und steht in engem Austausch mit Behörden sowie Marktakteuren.

Vorsorge ist mehr als ein gut gefĂĽllter Speicher

Im August hat die Gaswirtschaft gemeinsam mit dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) zusätzliche Massnahmen kommuniziert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte ITA.SWAPtion.26. Sie ermöglicht es, bei Bedarf Gas zu nutzen, das aus Frankreich über Oltingue durch die Schweiz Richtung Italien transportiert wird. Die Option ist vergleichbar mit einer Versicherung: Man hofft, sie nie beanspruchen zu müssen. Sollte die Gaseinfuhr aus Deutschland über Wallbach jedoch eingeschränkt sein, kann die ITA.SWAPtion.26 fehlende Mengen abfedern. Ihr Umfang entspricht ungefähr zehn Prozent des Schweizer Winterverbrauchs.

Sollte sich dennoch eine Mangellage abzeichnen, stehen weitere Instrumente zur Verfügung. So können Zweistoffanlagen auf Heizöl umgestellt werden, um den Gasverbrauch kurzfristig zu senken. Angesichts der aktuellen Unsicherheiten empfiehlt die Branche den Betreibern solcher Anlagen, ihre Öltanks zu überprüfen und gegebenenfalls aufzufüllen. Hinzu kommen die Instrumente des Bundes. Diese reichen von Sparappellen bis hin zu Kontingentierungen des Gasverbrauchs.

Im Falle einer Gasmangellage oder einer unterbrochenen Gasversorgung bietet die SVGW-Empfehlung G1010 die technische Hilfestellung für Netzbetreiber. Diese basiert auf vier Säulen:

  • kontinuierliche Netz- und DruckĂĽberwachung zur FrĂĽherkennung von Engpässen
  • technische Verbrauchslenkung durch das bereits erwähnte Umschalten von Zweistoffanlagen und die Umsetzung von Kontingenten
  • gezielte Sektorisierung zur Stabilisierung von kritischen Netzbereichen
  • sicherheitsgerichtete Inertisierung bei einer späteren Wiederinbetriebnahme von Netzabschnitten
Keine Entwarnung, aber auch kein Alarmismus

Die zentrale Botschaft für die Schweiz lautet weder Entwarnung noch Alarmismus. Die Lage bleibt volatil, gleichzeitig ist das europäische Gasversorgungssystem heute breiter aufgestellt als noch 2022. Die Gasbranche verfolgt die Entwicklungen sehr genau und steht in regelmässigem Austausch mit dem Bund.

Die kommenden Monate werden zeigen, wie stark der Winter und die geopolitische Lage den Gasmarkt tatsächlich belasten. Entscheidend ist, dass die Schweiz nicht unvorbereitet in die kalten Monate geht. Versorgungssicherheit beschränkt sich dabei nicht auf Gasflüsse und verfügbare Mengen. Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass auch die Resilienz von Infrastrukturen und digitalen Systemen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Der Schutz von Anlagen vor Sabotage sowie die Umsetzung von Massnahmen gegen Cyberrisiken gehören deshalb ebenso zur Vorsorge wie die Beschaffung, Speicherung und Absicherung von Transportkapazitäten.

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