Plattform für Wasser, Gas und Wärme
14. September 2022

Weiterbildungs- und Informationstag

Bleiben Sie am Ball!

Unterricht ist keine Show! Ein paar gemeinsame Aspekte gibt es aber sehr wohl. Auf beiden «Bühnen» gilt es, Emotionen zu wecken. Dabei hilft die Körpersprache enorm. Welche Kraft diese nonverbale Kommunikation hat, durften die SVGW-Dozentinnen und -Experten an der diesjährigen Ausbildnertagung in Baden erfahren.

(Ank) Nicht in Sursee wie gewohnt, sondern in Baden, genauer im Werkhof der Regionalwerke AG, fand der diesjährige Weiterbildungs- und Informationstag des SVGW statt. Rund 60 Dozenten und Expertinnen folgten der Einladung. Neben Informationen aus den SVGW-Fachbereichen und dem Bereich Bildung erhielten die Teilnehmenden einen packenden Einblick in die Welt der Körpersprache, bei dem auch mal die Bälle flogen.

Übermittlung von Branchenwissen

«Es nützt nichts, wenn der SVGW Richtlinien und Empfehlungen entwickelt und publiziert, das Branchenwissen aber nicht in die Branche transferiert wird», konstatierte SVGW-Direktor Martin Sager in seinen Begrüssungsworten. Der SVGW sei angewiesen auf Praktiker, die verstehen, Branchenwissen dem Nachwuchs zu übermitteln. In diesem Sinne bedankte er sich herzlich bei den anwesenden Expertinnen und Dozenten für ihr riesiges Engagement bei der Entwicklung des Kurs- und Lehrangebots des SVGW, aber auch bei der Umsetzung in Form von Schulungstätigkeiten.

Körpersprache ist ansteckend

Mit Christian Morgensterns Zitat «Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare» brachte Sager den Inhalt des Keynote-Referats von Mireille Gugolz direkt auf den Punkt. Als Einstieg forderte die Expertin für Auftrittskompetenz ihr Publikum auf, ihr ein Handzeichen zu geben, ob es sie höre, sehe und verstehe. Der Aufforderung wurde nicht nur umgehend Folge geleistet, fast alle haben auch gleich die vorgemachte Geste von Gugolz übernommenen: Daumen hoch. Damit konnte sie gleich zwei Forschungsresultate verifizieren: Erstens ist Körpersprache hilfreich für die Verständigung, zweitens ist sie ansteckend. 

Blickkontakt, Haltung und Gesten

Unterrichten heisst Emotionen wecken. Denn wir lernen besser, wenn wir emotional berührt sind. Dies erfolgt über die Sinne: sehen, hören, berühren, riechen etc., also über Körpersprache. Diese spricht mit dem emotionalen Gedächtnis, das viel schneller agiert als unser zweites Bewertungssystem, der rationale Verstand. Blitzschnell entscheiden wir, ob wir jemanden mögen oder nicht. Unser rationaler Verstand relativiert unseren ersten Eindruck einer Person oder Sache erst viel später. Der erste Eindruck einer Person hängt von geschätzt 80-90% ihrer Körpersprache ab. Umso wichtiger ist es, Körpersprache im Unterricht bewusst einzusetzen. Gugolz lieferte nicht das Patentrezept dazu, stellte aber drei Hypothesen vor:

  1. Blickkontakt gibt Existenz.
  2. Alles ist eine Frage der Haltung.
  3. Gesten machen Bilder.

Die Hypothesen beruhen nicht nur auf psychologischen und neurologischen Forschungsergebnissen, sondern auch auf der 20jährigen Unterrichts- und Bühnenerfahrung von Mireille Gugolz. Als Pädagogin kennt sie das Unterrichtssetting und als Schauspielerin weiss sie, mit ihrem Körper in Kontakt mit dem Publikum zu treten. Mit viel interaktivem Geschick machte Gugolz den Teilnehmenden die drei Hypothesen schmackhaft. Wie umsetzen ist eine andere Sache. Dazu braucht es Training, Training, Training!

Auch Jonglieren funktioniert nicht ohne Training. Jongleur Criselly zeigte in seiner eindrücklichen Jonglage, welche weiteren Parallelen es noch zum Unterrichten gibt. Fehlt beispielsweise der Blickkontakt zum Ball, so fällt dieser runter. Und auch wenn er runterfällt: Locker bleiben und weitermachen! Weitere Parallelen sind eine bestimmte geistige und körperliche Haltung – Stichwort Embodiment – und ganz wichtig: eine gute Vorbereitung.

2021: 1275 Interessierte nutzten das Bildungsangebot

Einblick in aktuelle Themen im Bereich Bildung gaben Lorenz Bützberger und sein Team. Obwohl 2021 noch immer von Corona, Abstandhalten und Maskenpflicht sowie Online-Schulung geprägt war, musste nur der kleinste Teil des Bildungsangebots abgesagt oder verschoben werden. Insgesamt wurden 180 Kurstage angeboten. Mit 1275 Teilnehmenden lag die Auslastung bei gut 90 Prozent. Im ersten Semester 2022 wurden bereits 107 Kurstage durchgeführt, davon drei online.

Online-Unterricht besteht als Ergänzung weiterhin, aber nicht coronabedingt, sondern eingebettet im Blended-Learning-Konzept, das Regula Hoffmann, Fachexpertin Bildung, am Beispiel des zweitägigen TISG-Kurses 004 vorstellte. Wie Blended bereits suggeriert, handelt es sich bei Blended Learning um eine Mischform des Unterrichtens. Vor Ort erfolgt in der Regel der praxisbezogene Teil, während der Theorieteil online durchgeführt wird.

Dorothe von Moos berichtete über den erfolgreichen Start des neu aufgebauten Lehrgangs «Rohnetzmonteur/in» und gab mit vielen Fotos einen Einblick in die ersten bereits durchgeführten Module. Der Lehrgang wurde komplett überarbeitet und kommt neu in modularer Form daher. Bis Frühling 2023 haben die angehenden 31 Rohnetzmonteure, die im Juni mit dem neuen Lehrgang starteten, insgesamt sieben Module zu absolvieren. Jedes Modul schliesst mit Prüfung und Zertifikat.

Daseinsberechtigung von molekularen Energieträgern

Die SVGW-Dozenten und -Expertinnen wurden auch über die aktuellen Geschehnisse in den Fachbereichen Wasser, Gas und Wärme informiert. Derzeit beschäftigt sich der SVGW nicht mehr ganz so intensiv mit Wasserstoff, da die mögliche Gasmangellage aktuell den vollen Einsatz des Teams erfordert. So wurde für die Gasversorger just an diesem Morgen ein Webinar durchgeführt. Darin wurden die Lösungen zur technischen Bewältigung vorgestellt, falls es denn zu einer Gasmangellage kommen sollte.

Nichtsdestotrotz gilt es weiterhin Wissen im Bereich Wasserstoff aufzubauen und das Regelwerk anzupassen. Der Energieträger ist nicht mehr nur ein Hype, im Gegenteil: Konkrete H2-Projekte nehmen Form an, erste Leitungen werden zwischen Elektrolyseur und Abnahme gebaut. Auf europäischer Ebene wirkt die geopolitische Lage wie ein Beschleuniger für den Aufbau des europäischen Wasserstoffnetzes. Auch in Bundesbern und in der breiten Bevölkerung zeigt die Krise Wirkung: Nicht nur wird nun verstanden, dass zwischen Strom und Gas eine Verbindung besteht, auch die Problematik, wie Sommerstrom ins Winterhalbjahr zu verschieben ist, wurde erkannt. «Diese beiden Erkenntnisse werden helfen, dem molekularen Energieträger eine Existenzberechtigung zu geben», hielt Diego Modolell fest. Der Bereichsleiter Gas/Fernwärme zeigte sich überzeugt: «Wasserstoff wird kommen.»

Fernwärme im Vormarsch

Bernhard Feuerhuber, Fachspezialist Fernwärme, setzte die drei von Mireille Gugolz vorgestellten Hypothesen in seinem Referat unterhaltsam um. Von der Fernwärmeseite aus beleuchtete er die Energieperspektive 2050+. Diese prognostiziert, dass der schweizweite Gesamtenergieverbrauch bis 2050 stetig abnehmen, während der Anteil Fernwärme bei diesem abnehmenden Volumen stetig zunehmen wird.

Bereits heute gibt es über 1000 thermische Netze in der Schweiz – Tendenz steigend. Angesichts dieser Entwicklung präsentierte der Fachspezialist Fernwärme, was aktuell im Bereich Fernwärme und Anergie beim SVGW läuft: vom Ausbau des Regelwerks über Kurse und Webinare bis hin zur anstehenden Fachtagung Fernwärme am 26. Oktober in Bern. Die Fachtagung betrifft eigentlich alle Fachbereiche des SVGW, denn es geht um die Herausforderungen im Tiefbau resp. um den Leitungsbau im urbanen Bereich.

Ressourcenschutz im Vordergrund

Im Fachbereich Wasser lag der Fokus auf Ressourcenschutz und Nutzungskonflikte. Rolf Meier, Bereichsleiter Wasser, führte aus, wie ein langfristiger Schutz der Grundwasserressourcen gelingen kann. Neben dem vorsorglichen Schutz der bestehenden Fassung und der Ausscheidung von Schutzzonen braucht es eine überregionale Wasserversorgungsplanung sowie politische Interessensvertretung. Schliesslich gelte es, den Vollzug zu stärken, GSchG und GSchV umzusetzen sowie Problemstoffe zu verbieten resp. zu ersetzen.

Nach dem formellen Teil der Ausbildnertagung ging es in den geselligen Teil über. Apéro und Abendessen im Werkhof bildeten der Abschluss der Tagung, die jährlich vom SVGW für seine Referentinnen und Experten ausgerichtet wird, um ihnen so Dank und Wertschätzung für ihren Einsatz zum Ausdruck zu bringen.

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