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14. Juli 2026

VSA/PEAK-Wassertage 2026

Das Gesamtsystem im Fokus: Praxis, Technik und Vollzug an den Wassertagen 2026

Rund 70 Fachleute aus Betrieb, Planung, Behörden und Wissenschaft trafen sich Ende Juni im Seeblick Höhenhotel in Emmetten zu den VSA/PEAK-Wassertagen 2026. Unter dem Leitthema «Bewirtschaftung des Gesamtsystems Kanalnetz – ARA – Gewässer» diskutierten die Teilnehmenden während zweier Tage, wie Kanalnetze, Abwasserreinigungsanlagen und Gewässer künftig nicht mehr isoliert, sondern als integriertes Gesamtsystem bewirtschaftet werden können – ganz im Sinne der neuen VSA-Richtlinie «Bewirtschaftung des Gesamtsystems Kanalnetz–ARA–Gewässer». Am 15.16. September wird der Wassertag zum 2. Mal durchgeführt. Die Anmeldung ist eröffnet.
Markus Gresch, Jörg  Rieckermann, Reto  Caviezel 

Den Auftakt bildeten drei Erfahrungsberichte aus der Praxis. Marcel Meier vom Amt für Umwelt des Kantons Thurgau schilderte am Beispiel der Lützelmurg, wie eine verstopfte, nicht überwachte Drossel zu einer folgenschweren Gewässerverschmutzung führte. Ob eine funktionierende Überwachung des betroffenen Regenüberlaufs das Fischsterben verhindert hätte, lässt sich im nicht mit Sicherheit sagen – auf jeden Fall hätten die Folgen bei früherer Kenntnis der Situation reduziert werden können. Das Beispiel zeigte eindrücklich, dass die Überwachung von relevanten Überlaufbauwerken der Kanalisation zusammen mit Informationen zum Verhalten von Kanalisationssystemen eine zweckmässige und effektive Gewässerschutzmassnahme darstellt. Kapitel 2.2 der neuen Richtlinie bietet eine Entscheidungshilfe dazu, welche Entlastungsbauwerke mit welcher MSRÜ-Technik auszurüsten sind. Folglich muss bei Regenüberläufen ein Alarm aktiviert werden, wenn der erforderliche Abfluss Richtung Kläranlage nicht mehr erreicht wird.

2. DurchfĂĽhrung VSA/PEAK-Wassertage: 15./16. Sept.
Anmeldung unter https://vsa.ch/wassertage

Simone Lechthaler (Hunziker Betatech AG) zeigte demgegenüber, wie sich an der ARA Bachwis durch eine intelligente Verbundregelung rund 1500 m³ ungenutztes Speicherpotenzial im Kanalnetz erschliessen liessen. Seit dem Betriebsstart 2015 wurde das Konzept laufend weiterentwickelt – zuletzt 2023 auf einen Strangansatz im gesamten Einzugsgebiet umgestellt. Als entscheidender Erfolgsfaktor wurde die Vision der Betreiber, die bestehende Infrastruktur bestmöglich zu nutzen, sowie der kontinuierliche Dialog mit dem PLS-Hersteller hervorgehoben. In der Richtlinie wird die ARA Bachwis in direkt als reales Praxisbeispiel für ein funktionierendes Echtzeit-Monitoring- und Bewirtschaftungssystem aufgeführt. Kapitel 4.2 formuliert zudem konkrete Basisstrategien und Grundsätze für die Umsetzung.

Ein Blick nach Baden-Württemberg (Julian Schab, Amt für Wasserwirtschaft Emmendingen) ergänzte das Bild: In Deutschland gibt es noch keine einheitliche Strategie zur Gesamtsystembetrachtung, aber vor allem die automatisierten Betriebsdatenauswertungen im Kanalnetz sind oft Auslöser zu Optimierungsstudien – die dann auch oft die Kläranlagen mit in die Überlegungen einbeziehen. Konkret wurde der Mischwasser-Spreizungsfaktor (f_s,Qm) aus der DWA-Richtlinie A198 als screening-Kennzahl vorgeschlagen, um zu prüfen ob eine ARA genug Regenwasser aufnimmt. Ausserdem wurde am Beispiel von Herbolzheim gezeigt, wie eine dynamische ARA Simulation helfen kann, die zulässige Regenwassermenge zu bestimmen. Die neue Richtlinie in der Schweiz verfolgt exakt denselben Ansatz: Sie fordert in Kapitel 1.1 einen grundlegenden Paradigmenwechsel, bei dem die maximale ARA-Kapazität QDim bei Regenwetter zwingend voll ausgeschöpft werden muss, da die Reinigungsleistung der ARA gelöste Schmutzstoffe weitaus besser eliminiert als ein Regenbecken.

Referenzen zu den Arbeiten aus Baden-WĂĽrttemberg
- 
LUBW (2015): Leitfaden Gewässerbezogene Anforderungen an Abwassereinleitungen
- LUBW (2024): Leitfaden für die Bewirtschaftung und Behandlung von Regenwetterabflüssen - Mischsystem
- Schab, J. (2021): DWA RÜB-BW THEMENBERICHT.07:
  «Gesamtsystembetrachtung von Mischwasserbehandlung, Kläranlage und Einleitgewässer
»

Fokus Gewässer: Erfolgskontrollen und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der Nachmittag des ersten Tages war dem Einleitgewässer gewidmet. Olivier Chaix (Integralia SA) berichtete über das Einzugsgebiet der Chamberonne bei Lausanne, wo ein behördlich verhängtes Badeverbot als Auslöser für ein umfassendes Massnahmenpaket diente. Sein Fazit: Eine solches Projekt gelingt nur durch Zuhören, Zuversicht, Vertrauen und Beharrlichkeit – und niemals durch eine rein verursacherorientierte Kostenzuweisung. Das Beispiel verdeutlicht, dass politische und soziale Prozesse mindestens ebenso wichtig sind wie technische Lösungen. Die Ausführungen von Olivier Chaix ergänzen deswegen perfekt die neue technische Richtlinie.

In der Richtlinie Kap. 0.2 sind Gewässerparameter aufgeführt, auf welche das Gesamtsystem optimiert werden soll. Im konkreten Fall sollen die Zielsetzungen mit einer Gewässerökolog/in besprochen werden. Caroline Baumgartner (AquaPlus) arbeitete heraus, wie Gewässerökolog/-innen in den Planungsprozess eingebunden werden sollten. Die VSA-Beurteilungsmatrix, die alle Akteure an einen Tisch zwingt, hat sich dabei als wirksames Instrument erwiesen. Die Herausforderung bleibt, immissions- und emissionsorientierte Sichtweisen zur Deckung zu bringen und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Der GEP-Ingenieur ist als Schnittstelle zwischen Behörden, Verband, Gewässerökologie und ARA-Betrieb entscheidend – mit klaren Aufgabenteilungen, Zugang zu allen Daten und einzugsgebietsbezogenem Denken. Die Betreiber müssen wegkommen vom End-of-pipe denken, weil die ARA nicht alle Gewässerschutzprobleme lösen kann: Systemänderungen müssen beim Verursacher beginnen, und alle Akteure müssen ihre Verantwortung wahrnehmen.

Lukas de Ventura (AfU Kt. Aargau) schliesslich beleuchtete Ansätze, Herausforderungen und Grenzen der Erfolgskontrollen im Gewässer – ein Thema, da in Kap. 5 der Richtlinie nur knapp umrissen wird. Er schlägt vor, dass sich die verschiedenen Fachstellen innerhalb eines Kantons koordinieren, um Redundanzen zu vermeiden, z.B. bei der Datenerfassung und Auswertung. Kieselalgen (Diatomeenindizes) eignen sich gut, um die Belastungssituation der vergangenen zwei bis vier Wochen abzubilden. Punktuelle Erhebungen stossen jedoch rasch an ihre Grenzen; für eine belastbare Beurteilung braucht es ergänzend Langzeitsimulationen und eine koordinierte Datenzusammenführung über Fachgrenzen hinweg.

Fokus Infrastruktur: Hydraulikglättung, Messtechnik und Datenauswertung

Urs Reichmuth (ARA Untermarch) stellte ein gut dokumentiertes Praxisbeispiel der integrierten ARA- und Kanalnetzbewirtschaftung vor. Die strategischen Entwicklungsschritte aus dem VGEP und aus Zukunftsstudien der ARA wurden zusammengeführt und in eine schrittweise Optimierung des Gesamtsystems überführt. Koordinierte Beckenentleerungen und die Einführung einer Verbundregelung im Netz wurden mit einer sehr effektiven Massnahme auf der ARA ergänzt: Die behandelte Wassermenge bei Regen wurde  von 270 auf 350 l/s erhöht. Vielen war nicht bewusst, dass der ARA-Zulauf bei Regenereignissen, neben Beckenvolumen, die wichtigste Stellschraube für das Entlastungsverhalten des Netzes ist. Die ARA Untermarch konnte das experimentell optimieren, ohne vorab die Auswirkungen mittels einer dynamischen Simulation der ARA zu testen. Seitens Kanton besteht die Möglichkeit, solche Pilotversuche bei engmaschiger Überwachung und enger Begleitung mit einer „Ausnahmebewilligung“ zu unterstützen.

Max Schachtler und Roman Schäfer (step-ara GmbH / FHNW Muttenz) zeigten die innovative Glättung des ARA-Zulaufs am Beispiel der ARA Grenchen. Ohne bauliche Investitionen konnten sie den Tagesgang der ARA durch den koordinierten Einstau der Zulaufbauwerke praktisch komplett glätten – mit positiven Auswirkungen auf die Nitrifikationsleistung. Über Simulationen konnte gezeigt werden, dass damit Reserven für eine weitergehende Stickstoffelimination frei werden, was im Zuge der Anpassungen der Gewässerschutzgesetzgebung in diesem Bereich sehr interessant ist. Sie schätzen, dass das Verfahren auch auf andere ARA übertragbar ist, wenn 5% Prozent der Tagesmenge als Speichervolumen im Netz zur Verfügung stehen. Das Beispiel illustriert hervorragend, wie die Zielsetzungen gemäss Richtline Kap. 1 (Nutzung innerer Reserven) und Kap. 4 (Netzsteuerung) mit Innovation und Geschicklichkeit erreicht werden können.

Ein inhaltlicher Kontrapunkt kam von Christoph Jans (Labor AVS Kt. Zug) mit einem Beitrag zu antibiotikaresistenten Bakterien (AMR) in Abwasser und Gewässern. Zahlen, die aufhorchen lassen: In der Schweiz sind derzeit über 7000 Personen mit resistenten Keimen infiziert, rund 300 sterben jährlich daran. Die Kosten belaufen sich auf rund 60 Millionen Franken pro Jahr. Personen, die mit Abwasser arbeiten, sind ESBL-Bakterien dauerhaft ausgesetzt – ein Thema, das auch für Abwasserfachleute zunehmend an Relevanz gewinnt. Da Spitäler oft die Hauptquellen sind, wird dort der Umgang mit den Medikamenten sowie Abwasser-Stapelbecken für Regenperioden vorgeschlagen, um Entlastungen von unbehandeltem Abwasser zu vermeiden.

Diskussion an Stammtischen

Gegen Abend wurden Kurzdiskussionen an bunt gemischten Stammtischen ermöglicht. Die Teilnehmenden schätzten dabei den offenen Austausch im kleinen Rahmen. An den Stammtischen wurden unter anderem praktische Erfahrungen mit der Richtlinie diskutiert. Dabei wurden auch Punkte identifiziert, die noch weiter konkretisiert werden müssen – wie beispielsweise ein einheitlicher Satz an Kennzahlen zur Beschreibung der Gesamtsystemleistung.

Technik und Vollzug: vom Sensor bis zum Jahresbericht

Der zweite Tag war der messtechnischen und datentechnischen Seite der Gesamtbewirtschaftung gewidmet. Robin Aerts (Holinger AG) legte anhand von Beispielen dar, worauf es beim Projektstart ankommt: eine sorgfältige Systemanalyse und klare Beschreibung des Gesamtsystems als Grundlage für alle weiteren Schritte, z.B. der integrierten Modellierung. Ihm ist wichtig, dass Simulationen auch die akute Toxizität über eine Ammoniak-Immissions-Berechnung bewerten und nicht nur Jahressfrachten beurteilt werden.

Simon Bloem (Eawag) führte durch die Welt der Messtechnik – vom Sensor über die Signalverarbeitung bis zur zuverlässigen Datenübertragung. Während Füllstand und auch Durchfluss mittlerweile zuverlässig messbar ist, bleibt die Messung von Frachten herausfordernd. Deswegen unterscheidet die Richtlinie klar zwischen zuverlässig messbaren Grössen (Füllstand, Durchfluss) und komplexen Frachtbestimmungen. Online-Sonden sind oft zu wenig robust im Kanalnetz. Für frachtbasierte Berechnungen in der Gesamtbewirtschaftung setzt Simon Bloem derzeit noch auf Probenehmer und Laboranalysen. Er betont, wie wichtig die messtechnische Überprüfung von Drosselorganen ist, um ein gutes Schmutzfrachtmodell zu erstellen. Die Richtlinie gibt Betreibern u.a. eine Anleitung hierfür.

David Dürrenmatt (Rittmeyer AG) zeigte, wie aus heterogenen Betriebsdaten durch strukturierte Auswertungsroutinen belastbare Erkenntnisse über das Systemverhalten gewonnen werden können. So können automatisierte Datenanalysen Fehlfunktionen und Energiefresser entlarven. Gaumenfreude entsteht durch Routine, d.h. dranbleiben ist zentral: Messen, auswerten, beurteilen, handeln, messen, auswerten, beurteilen etc. im festen Rhythmus! Hierfür solle man die Zeit und Energie sauber einplanen, ähnlich wie bei einem Marathon. Die von ihm detailliert beschriebene Routine bildet das methodische Fundament der Richtlinie, die in den Kapiteln 6.1 und 6.2 zudem ein jährliches Reporting in Form eines standardisierten Berichts vorgibt.

Mit der Frage «Schublade oder Schaufenster?» brachte Philipp Staufer (ERZ Entsorgung + Recycling Zürich) die Diskussion um den Umgang mit Betriebsdaten auf den Punkt. Er plädierte für eine offenere Datenteilungskultur als Grundlage für die überbetriebliche Zusammenarbeit. Geteilte Daten ermöglichen eine Steigerung von Effizienz, Innovation und Automatisierung, denn Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Seine Forderung nach Transparenz zieht sich auch als roter Faden durch die neue VSA-Richtlinie. Die hohe Transparenz von Messdaten steigert nicht nur die Effizienz im Verband, sondern liefert den Betreiber/innen auch ein tieferes Systemverständnis sowie absolute Rechtssicherheit bei Betriebsstörungen.

Julia Ledergerber (AWEL Kt. Zürich) schloss den Kreis aus Sicht der Vollzugsbehörde: Im Kanton Zürich sollen die Daten der Betreiber, zu ARA und Netz, standardisiert und teilautomatisiert ausgewertet werden – ein Modell, das anderen Kantonen als Orientierung dienen kann. Rohdaten aus dem Netz, insbesondere von Regebecken und Pumpwerken, sind regelmässig auf die ARA zu übertragen und dort zuverlässig und dauerhaft zu speichern. Die aggregierten Tagesdaten werden dem AWEL übermittelt. Gegenwärtig entwickelt das AWEL mehrere nützliche Gesamtauswertungen. Die Ergebnisse der Jahresbeurteilung wird den Betreibern wieder zur Verfügung gestellt. Da Netz und ARA anders aufgestellt sind – auch in der Verwaltung – müssen neue Brücken geschlagen werden. Das AWEL konkretisiert in den kommenden Jahren die Vorgaben der Richtlinie für deren Vollzug, mit Fokus auf die Betriebsdatenübermittlung und auf die systematische standardisierte Auswertung.

Gewässerschutz neu gedacht: Das Gesamtsystem im Fokus

Die Wassertage 2026 haben es eindrücklich bewiesen: Die integrale Bewirtschaftung von Kanalnetz, Kläranlage und Gewässer ist längst keine technische Utopie mehr, sondern gelebte Praxis. Pünktlich zu diesem technologischen Quantensprung liefert die neue VSA-Richtlinie das dringend benötigte Fundament. Sie bietet konkrete Entscheidungshilfen, damit jeder investierte Franken dort landet, wo er den grössten Nutzen für die Umwelt erzielt. Doch der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht allein in hochpräziser MSRÜ-Technik, ausgeklügelten Simulationsmodellen oder automatisierten Auswertungsroutinen. Die wahre Triebkraft ist der Kulturwandel in der Zusammenarbeit: Nur wo Betreiber, Planer, Behörden und Gewässerspezialisten Hand in Hand arbeiten, erwacht die Infrastruktur zum Leben. Die Richtlinie bricht das alte „End-of-Pipe“-Denken auf und zwingt die Akteure an einen Tisch. Das wegweisende Fazit der Tagung: Wo diese überbetriebliche Kooperation gelingt, lassen sich mit dem bestehenden Milliardenkapital im Boden enorme ökologische Verbesserungen für unsere Bäche und Flüsse erzielen – ganz ohne teure bauliche Fehlinvestitionen.

 

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