Der Ausbau ausgewählter Abwasserreinigungsanlagen (ARA) mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe zur Elimination der Mikroverunreinigungen (MV) wurde 2016 im Gewässerschutzgesetz verankert. Zehn Jahre später betreiben bereits knapp 40 ARA eine solche Reinigungsstufe. Nochmals so viele Anlagen befinden sich in Planung oder Bau. Damit sind wir auf gutem Weg, das Ziel – rund 140 Schweizer ARA bis 2040 auszubauen – zu erreichen. Unserer Grafik zum aktuellen Ausbaustand mussten wir zuletzt immer neue Farbtöne hinzufĂĽgen (Abb. 1). Das zeigt: Die Vielfalt an Verfahren und Verfahrensvarianten hat stetig zugenommen. Gleichzeitig zeigt sich ein Trend zu einfacheren und kompakteren Verfahren, was besonders deutlich am Beispiel der Pulveraktivkohle (PAK)-Verfahren zu sehen ist. Während die ersten Anlagen noch Sedimentationsbecken und Filter bauten, um die PAK abzutrennen, erfolgt dies bei den neueren Anlagen direkt in der Filtration.Â
FĂĽr die Weiterentwicklung der Verfahren ist es essenziell, dass Erfahrungen geteilt und weitergegeben werden. Mit der kĂĽrzlich veröffentlichten Betriebsauswertung des Verfahrens «GAK im Schwebebett» auf der STEP DelĂ©mont, welche die Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag der Plattform durchfĂĽhrte, konnten wir fĂĽr dieses Verfahren einen wichtigen Beitrag leisten [1].Â
Erfahrungsaustausch und Innovation durch GesetzesrevisionÂ
FĂĽr den Erfahrungsaustausch veranstalten wir auch regelmässig Treffen mit Betreiber/-innen von ARA mit MV-Stufe. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen Treffen flossen zuletzt in die Ăśberarbeitung des Faktenblatts Ozonung ein. Gespannt erwarten wir jetzt die Ergebnisse des Versuchsbetriebs auf der ARA Höfe, bei dem Ozon direkt in die Zulaufleitung eingetragen wird. Diese Verfahrensvariante, die wir anlässlich des letzten Erfahrungsaustauschs besichtigt haben, soll mit einem deutlich kleineren Reaktorvolumen auskommen. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.Â
Auch bei der PAK geht die Entwicklung weiter: Auf einer kleinen ARA im Kanton Waadt begleiten wir einen Versuchsbetrieb, bei dem eine flĂĽssige PAK-Suspension direkt in die Biologie dosiert wird. Es wird sich zeigen, ob damit die Anforderungen eingehalten werden können und tatsächlich auf eine anschliessende Filtration verzichtet werden kann. Insbesondere fĂĽr kleine ARA, die im Zuge der laufenden Gesetzesrevision verstärkt im Fokus liegen, könnte dies eine attraktive Lösung darstellen. Um neue Technologien zu fördern, planen wir im zweiten Halbjahr einen Ideenwettbewerb und werden eine Checkliste mit den Rahmenbedingungen fĂĽr kleine ARA veröffentlichen.Â
Ärmel hoch für die Stickstoffelimination
Dass die Gesetzesrevision nicht nur verfahrenstechnische Innovationen anstösst, sondern auch neue Bewegung in die gesamte Branche bringt, zeigt sich am grossen Interesse an den Fachtagungen. Rund 200 Fachleute trafen sich im vergangenen Jahr in Lausanne und Solothurn, um sich auszutauschen und zu diskutieren, wie die Stickstoffelimination auf den ARA erhöht werden kann.Â
Eine Auswahl verfahrenstechnischer Ansätze haben wir in kĂĽrzlich veröffentlichten ARA-Steckbriefen porträtiert. Auch diese Sammlung an Positivbeispielen soll in den kommenden Jahren wachsen. Wie bereits bei der Verfahrenstechnik zur Elimination von MV wollen wir auch hier den Erfahrungsaustausch fördern und fundierte Informationen zum aktuellen Wissensstand bĂĽndeln – beispielsweise in Faktenblättern zu Themen wie granulärem Belebtschlamm.Â
Auch Massnahmen an der Quelle und im Kanalnetz erforderlichÂ
Neben dem Ausbau der ARA sind aber auch Massnahmen an der Quelle notwendig, um unsere Gewässer wirksam vor dem Eintrag von MV zu schĂĽtzen. Denn nicht alle Substanzen können in den ARA zurĂĽckgehalten werden. So zeigt eine aktuelle Auswertung von ZĂĽrcher Gewässern und Abwässern, dass sogenannte Seltene Erden, die in medizinischen Kontrastmitteln und auch in gewissen Fällmitteln enthalten sind, ĂĽber ARA in die Gewässer gelangen und dort ein ökotoxikologisches Risiko darstellen [2]. Deshalb wird empfohlen, auf Fällmittel mit diesen Bestandteilen zu verzichten.Â
Um zu untersuchen, ob Massnahmen an der Quelle den Eintrag von Kontrastmitteln in Gewässer wirksam reduzieren, startete im Mai unser gemeinsames Pilotprojekt mit der Eawag und dem Kantonsspital GraubĂĽnden [3]. Patient/-innen verwenden nach Untersuchungen mit Kontrastmitteln bei den ersten drei Toilettengängen spezielle Urinbeutel, die den Urin in ein geruchloses Gel umwandeln und anschliessend im Kehricht entsorgt werden können. Wir erwarten, dass dadurch die Frachten in den ARA und im Gewässer erheblich reduziert werden können. Wir sind gespannt auf die Resultate.Â
Auch antimikrobielle Resistenzen erfordern verstärkte Massnahmen im ARA-Einzugsgebiet [4]. Da Mischwasserentlastungen als deren wichtigste Eintragsquelle in die Gewässer gelten, sollen sie durch gezielte Massnahmen in Gesundheitsbetrieben und durch eine optimierte Kanalnetzbewirtschaftung reduziert werden. Eine zentrale Massnahme ist der temporäre RĂĽckhalt von Abwasser vor der Einleitung in die öffentliche Kanalisation während aktiven Mischwasserentlastungen. Ein Fachartikel zu den schweizweit ersten Betriebserfahrungen mit einem solchen RĂĽckhaltebecken entsteht derzeit unter Beteiligung der Plattform.Â
Ob weitere relevante Stoffe aus Gesundheitsbetrieben in die Gewässer gelangen, analysieren wir gegenwärtig im Rahmen einer Schweizweiten Situationsanalyse. Diese wird voraussichtlich anfangs 2027 veröffentlicht.Â
Prozesse im Auge behaltenÂ
Oftmals scheitern Massnahmen an der Quelle aber bereits daran, dass Industriebetrieben nicht bewusst ist, welche Substanzen sich in ihrem Abwasser befinden. Deshalb fĂĽhren wir gemeinsam mit priorisierten Branchen – wie beispielsweise der Metall/Galvanik- oder Lebensmittel-Branche –Messkampagnen durch. Zudem entwickeln wir Hilfestellungen, wie einen Abwassercheck, der Unternehmen eine erste qualitative Selbsteinschätzung ermöglicht [5]. Die Ergebnisse sollen anregen, Verbesserungspotenziale im Betrieb zu identifizieren und anzugehen.Â
Aber auch bei den Ozonungen auf ARA spielt das Einzugsgebiet und die Abwasserzusammensetzung eine grosse Rolle. Die «Abklärungen Verfahrenseignung Ozonung» haben sich bewährt und ermöglichen es, ungeeignete Abwässer zuverlässig zu identifizieren. In mehreren Studien wurde in den letzten Jahren das Wissen dazu gezielt erweitert und jetzt die bestehenden VSA-Empfehlungen entsprechend ergänzt [6].Â
PFAS aus Industrie und GewerbeÂ
Massnahmen an der Quelle gewinnen im Zusammenhang mit PFAS stark an Bedeutung. Denn PFAS werden in ARA nur unzureichend entfernt – auch bei Anlagen mit einer MV-Stufe. Gleichzeitig bestehen noch zahlreiche offene Fragen. Deshalb treiben der VSA gemeinsam mit der KVU/Kantonen, dem BAFU und weiteren Akteuren die notwendigen Arbeiten voran [7]. Die Plattform hilft hier tatkräftig mit, indem sie das bestehende Wissen zu PFAS in industriellen und gewerblichen Abwässern zusammenträgt und die Schweiz verfĂĽgbaren Abwassermessdaten strukturiert erfasst und auswertet. Auf dieser Grundlage sollen WissenslĂĽcken identifiziert und gezielte Untersuchungskampagnen initiiert werden.Â
Internationaler Austausch und Ausblick 2027Â
Mit dem Beschluss der neuen EU-Kommunalabwasserrichtlinie Ende 2024 nahmen die Anfragen aus dem EU-Raum an uns und an ARA mit MV-Stufen sprunghaft zu. Entsprechend gross war das Interesse an Besichtigungen und Webinaren, die wir im vergangenen Jahr gemeinsam mit mehreren ARA durchgefĂĽhrt haben.Â
Auch fĂĽr uns ist ein Austausch mit Fachleuten aus dem Ausland sehr wichtig und gibt uns wertvolle Einblicke in deren Praxis und Umsetzungserfahrungen. Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-WĂĽrttemberg (KomS) planen wir deshalb fĂĽr 2027 eine Fachtagung am Bodensee mit Besichtigungen mehrerer ARA mit MV-Stufe.Â
Wir danken herzlich fĂĽr die gute Zusammenarbeit und freuen uns, euch an dieser oder an weiteren VSA-Veranstaltungen zu begegnen.Kontakt
Haben Sie Fragen oder Anregungen zu spezifischen Themen? Dann besuchen Sie entweder unsere Website: www.micropoll.ch oder kontaktieren direkt die Plattform: pascal.wunderlin@vsa.ch / Tel. 058 765 50 37
Literatur
[1] Loreggian, L. et al. (2026): GAK im Schwebebett – Verfahrensevaluation auf der STEP Delémont und Umgebung
[2] Kaegi, R. et al. (2026): Seltene-Erde-Elemente in Zürcher Abwasser und Gewässer, Aqua & Gas Nr. 2
[3] https://wasser-wissen.ch/kontrastmittel/
[4] Wunderlin, P. et al. (2025), Aktionsplan Strategie Antibiotikaresistenzen 2024 – 2027 – Massnahmen beim Abwassermanagement verstärken
[5] Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) (2026), Abwassercheck – Merkblatt
[6] Wunderlin, P. et al. (2026): Abklärungen Verfahrenseignung Ozonungen – Entscheidungsgrundlagen verbessert, Aqua & Gas Nr. 3
[7] Eugster, F. et al. (2026): Vollzug fĂĽr PFAS-belastetes Abwasser aus Industrie und Gewerbebetrieben konkretisieren
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