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18. November 2022

St. Galler Gewässertag 2022

Gewässer im Stress ‚Äď Handlungsbedarf und Lösungsansätze

Wasserknappheit, thermische Gewässernutzung, wasserbewusste Siedlungsplanung mit dem Schammstadtkonzept, Gewässerraum, Bestockung, Revitalisierungen sowie Gefährdungen des Oberflächenabflusses waren die Themen des diesjährigen St. Galler Gewässertages. Rund 150 Personen informierten sich am 11. November in Rorschach über die aktuellen Problemstellungen, den Handlungsbedarf und mögliche Massnahmen und diskutierten in Workshops auf Augenhöhe mit den Referentinnen und Referenten.
Paul Sicher 

Regierungsr√§tin Susanne Hartmann begr√ľsste rund 150 Personen zum 2. St. Galler Gew√§ssertag in Rorschach. Sie stellte das Thema Gew√§sser in den gesellschaftlichen Kontext und wies auf die zwei Strategien im Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels hin, welche der Kanton St. Gallen verabschiedet hat und umsetzen will. Es ist einerseits die Energiestrategie und andererseits die Strategie zur Anpassung an den Klimawandel.

Michael Eugster, Leiter des Amts f√ľr Wasser und Energie (AWE) im Kanton St. Gallen hat nach der Premiere vom letzten Jahr ein grosses Bed√ľrfnis nach dem St. Galler Gew√§ssertag geortet. Viele Gemeinder√§te, Vertreter von kommunalen Bau√§mtern, Ingenieur- und Planerb√ľros sowie Vertreterinnen und Vertreter von weiteren √Ąmtern sind der Einladung erneut gefolgt und zeigten, dass das Thema Gew√§sser und Klimawandel bewegt. Eugster verwies einleitend auf die mess- und sp√ľrbare Erw√§rmung unseres Klimas √ľber die vergangenen 20 Jahre, die entsprechenden Modellierungen und die damit verbunden Ver√§nderungen f√ľr die Gew√§sser und Auswirkungen auf unsere Siedlungen. Die vom St. Galler Kantonsrat im September verabschiedete Klimastrategie beinhalte 18 Massnahmen, darunter alleine 4, die die Gew√§sser betreffen.

Wassersituation im Kanton St. Gallen

Harry Eggenschwyler von der Abt. Grundwasser des AWE stellte die k√ľnftige Wassersituation des Kanton St. Gallen vor. Vor dem Hintergrund des Trockensommers 2018 hatte der Regierungsrat n√§mlich veranlasst, dass der Kanton St. Gallen f√ľr die langfristige Sicherstellung der kantonalen Wasserressourcen den Handlungsbedarf er√∂rtert und Massnahmen vorschl√§gt. Wasserbedarf und Verf√ľgbarkeit sollten erhoben werden. Das Projekt wurde nach einer Methode des Bundesamtes f√ľr Umwelt umgesetzt und es wurden zwei Zukunftsszenarien erstellt. Schliesslich haben die Verfasserinnen und Verfasser √ľber dreissig Massnahmen zur Umsetzung festgehalten, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wassernutzung zu mildern. Insgesamt h√§lt Eggenschwyler fest, habe St. Gallen nach wie vor genug Wasser zur Verf√ľgung, es ist aber in einzelnen Sektoren und einzelnen Regionen mit Defiziten zu rechnen, die es mit Massnahmen aufzufangen gelte. Es ist insbesondere mit √∂kologischen Problemen bei Biotopen und vermehrtem Niedrigwasser beim Oberfl√§chengew√§sser zu rechnen. Die Trinkwasserversorgung und die landwirtschaftliche Bew√§sserung k√∂nne hingegen sichergestellt werden. Wassernutzungskonflikte w√ľrden zunehmen und es sind gezielt regional/lokale Ans√§tze bei den Massnahmen zu verfolgen.

Thermische Nutzung

Andreas Herold vom AWE Abteilung Grundwasser stellte die verschiedenen W√§rmenutzungsarten aus Gew√§ssern vor. In Seen wie dem Bodensee, Walensee und etwas eingeschr√§nkter auch im oberem Z√ľrichsee, schlummere ein beachtliches W√§rmepotential, folgerte Herold. Auch das m√§chtige Grundwasser im St. Galler Rheintal eigne sich gut f√ľr die W√§rmenutzung. Neue dynamische Grundwassermodelle liefern dazu wichtige Entscheidungsgrundlagen f√ľr die Gemeinden. Die Fliessgew√§sser sind hingegen nicht geeignet zur W√§rmenutzung. Doch die Seen und Grundwasserressourcen k√∂nnen zur K√ľhlung oder Heizung von Geb√§uden genutzt werden. Die R√ľckf√ľhrung von k√ľhlerem Wasser in den See bzw. das Grundwassers wird als unproblematisch betrachtet, hingegen mahnt Herold bez√ľglich R√ľckf√ľhrung von w√§rmerem Wasser in Seen und Grundwasser zur Vorsicht.

Mit dem Schwammstadtkonzept zur wasserbewussten Siedlungsplanung

Silvia Oppliger vom VSA stellte schliesslich als Gastreferentin das Schwammstadtkonzept vor. Auch hier sind Starkregenereignisse und Hitzeperioden die Treiber dieser relativ jungen Entwicklung in der Siedlungsentw√§sserung. Im Grundsatz wird in der Schwammstadt versucht, das Wasser dezentral an der Oberfl√§che zu halten. Es soll also m√∂glichst vor Ort zur√ľckgehalten, verdunstet und versickert werden. Dabei ist laut Oppliger zentral, dass man immer auch den Versagensfall mitber√ľcksichtigt. Dies erfordert einen anspruchsvollen integralen Planungsansatz, der verschiedenste Fachdisziplinen vereint. Silvia Oppliger zeigt eindr√ľckliche Beispiele von realisierten Projekten.

Das VSA-Projekt (vsa.ch/schwammstadt) ist vorerst auf drei Jahre ausgelegt und will interdisziplin√§r L√∂sungen f√ľr die Gemeinden entwickeln und Zielkonflikte ausdiskutieren. Oppliger will ein konkretes Massnahmeset erarbeiten, gute Praxisbeispiele aufarbeiten und verf√ľgbar machen sowie eine Anlaufstelle f√ľr Schwammstadt-Themen aufbauen. Insgesamt hat die interdisziplin√§r zusammengesetzte Begleitgruppe √ľber 20 Projektideen zusammengetragen und drei Schwerpunkte gesetzt.

Gefährdung durch Oberflächenabfluss

Gion Meier (AWE Abt. Naturgefahren) und Hans Etter (Geb√§udeversicherung St. Gallen) f√ľhrten in die komplexe Thematik der Gefahren f√ľr Geb√§ude durch Oberfl√§chenabfl√ľsse ein. Als wichtige Grundlage dient die Gef√§hrdungskarte Oberfl√§chenabfluss. Eindr√ľcklich zeigt ein Video, mit welcher Wucht, Intensit√§t ein Starkregenereignis auftreten kann und Sch√§den an Siedlungen verursacht. Die Karte ist zug√§nglich und deckt die ganze Schweiz ab, sowohl das besiedelte wie auch das nicht besiedelte Gebiet. Die Karte ber√ľcksichtigt ein Ereignis, das im Mittel seltener als einmal in hundert Jahren auftritt. Es ist nicht auszuschliessen, dass Oberfl√§chenabfluss auch auf Fl√§chen auftritt, die in der Karte als nicht betroffen erscheinen. Meier und Etter wiesen darauf hin, dass die Gef√§hrdungskarte eine gute Grundlage biete, jedoch zur Planung von konkreten Schutzmassnahmen eine Plausibilisierung vor Ort erforderlich sei.

Sollen Fliessgewässer beschattet werden oder nicht?

Gew√§sser√∂kologin Nadine Sarbach (Atelier f√ľr Naturschutz und Umweltfragen) stellte den aktuellen Stand des Wissens vor, wie ein Gew√§sserraum sinnvoll gestaltet werden kann. Die Praxis zeige, dass es ‚Äď wie in zahlreichen F√§llen in der Natur ‚Äď keine pauschale L√∂sung gibt, die f√ľr alle Gew√§sser gilt. Klar ist, eine Bestockung ‚Äď also Bepflanzung der Gew√§sserufer mit B√§umen ‚Äď hat einen erheblichen Beschattungseffekt auf die Gew√§sser. Das Wasser k√ľhlt in der Folge ab, was f√ľr zahlreiche Lebewesen wie der Bachforelle oder der Aesche entgegenkommt. Andererseits gibt es auch Lebewesen, die Lichtungen oder sogar g√§nzlich unbestockte Gew√§sser bevorzugen. Das Schutzziel einer Revitalisierung gibt demnach vor, welche Bestockung am sinnvollsten ist. In vielen F√§llen erreiche man mit einer l√ľckigen Bestockung das beste Resultat.

Vertiefung in Workshops

Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden in Kleingruppen die Fachthemen in Workshops vertiefen und individuell Fragen stellen: Themen waren ¬ęRevitalisierungen¬Ľ, ¬ęOberfl√§chenabfluss und Objektschutz¬Ľ, ¬ęSiedlungsentw√§sserung und Schwammstadt¬Ľ, ¬ęFestlegung des Gew√§sserraums an grossen Gew√§ssern¬Ľ sowie eine F√ľhrung durch die Seewasseranlage des W√ľrth Hauses.

Der Gew√§ssertag 2022 war sehr gehaltvoll und lebhaft. Herausragend war der hohe Praxisbezug der Pr√§sentationen und die publikumsnahen Workshops. Die Begeisterung an den Themen vermochte von den Referentinnen und Referenten ins Publikum springen. Wir d√ľrfen bereits auf die n√§chste Austragung des Gew√§ssertages gespannt sein.

Die Referate der Tagung sind ab sofort auf der Website (www.wasser.sg.ch/gewaessertag) als PDF verf√ľgbar.

 

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