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Fachartikel
19. April 2022

Restwasser

Gewässer brauchen klimaresistente Restwassermengen

Die Schweizer Gewässer beherbergen eine ausgesprochen hohe biologische Vielfalt auf engem Raum. Durch Eingriffe in die Umwelt wie Wasserkraftwerke oder Begradigungen steht diese Vielfalt aber unter grossem Druck, der mit dem Klimawandel zusätzlich verstärkt wird. Deshalb braucht es genügend und an jedes Fliessgewässer angepasstes Restwasser, um diese Ökosysteme gegen den Klimawandel zu wappnen.
Florian Altermatt, Ole Seehausen, Bernhard Wehrli, 

Energiewende, Krieg und steigender Stromverbrauch f√ľhren dazu, dass die Wasserkraft in der Schweiz noch intensiver genutzt werden soll. Neu dabei ist die Forderung, die gesetzlichen Restwasservorschriften zu lockern [1]. Aus wissenschaftlicher Sicht sind wir besorgt, dass damit die Gew√§sser√∂kosysteme und ihre Biodiversit√§t verst√§rkt gef√§hrdet w√ľrden [2], denn √ľber 80¬†Prozent der bekannten 45'000 Tier- und Pflanzenarten der Schweiz kommen in Gew√§ssern und direkt anliegenden Gew√§sserr√§umen vor [3]. Schon heute hat die Schweiz von allen L√§ndern weltweit die vierth√∂chste Zahl an ausgestorbenen Fischarten [4]. 59¬†Prozent der verbleibenden Fischarten [5] und 62¬†Prozent aller untersuchten Gew√§sserinsekten [6] stehen als gef√§hrdete oder potenziell gef√§hrdete Arten auf der Roten Liste.

Aktuelle Restwasserregelung beruht auf wissenschaftlichen Grundlagen

Die Eckdaten f√ľr die Bemessung von Restwassermengen basieren auf wissenschaftlichen Studien [7], an denen auch das Wasserforschungsinstitut Eawag beteiligt war. Nur ein Teil davon wurde, gest√ľtzt auf den Verfassungsauftrag von 1975, gesetzlich verankert. Man war sich zudem bewusst, dass die Umsetzung aufgrund der Konzessionsrechte sehr lange dauern w√ľrde. Doch gen√ľgend Restwasser ist entscheidend, damit Fische und alle anderen aquatischen Organismen √ľberleben, sich in den Gew√§ssern vermehren, und funktionierende Artengemeinschaften aufrechterhalten k√∂nnen [8]. Der Bundesrat hat die Mindestrestwassermengen in seiner Botschaft zur Revision des Gew√§sserschutzgesetzes von 1991 daher als ¬ęExistenzminimum f√ľr die wichtigsten vom Gew√§sser abh√§ngigen Lebensgemeinschaften¬Ľ charakterisiert [9]. Schon kurzfristiges Austrocknen ist katastrophal. Durch das Absterben von Eiern, Jungfischen oder Gew√§sserinsekten wird das √Ėkosystem immer wieder praktisch auf Null zur√ľckgesetzt. Bei der Wiederbesiedlung haben Generalisten mit schnellem Ausbreitungspotential einen Vorteil. Spezialisiertere Arten werden verdr√§ngt [10]. Auch genetisch kommt es zu einer st√§ndig zunehmenden Homogenisierung der aquatischen Artengemeinschaften.

Die Gew√§sserforschung hat in Bezug auf Restwasser weltweit grosse Fortschritte gemacht. Wichtige Faktoren sind identifiziert,¬†die auch eine moderne Umsetzung des Schweizer Restwasserkonzepts m√∂glich machen [11]: Um Lebensr√§ume und die nat√ľrliche Vielfalt der Artengemeinschaften in B√§chen, Fl√ľssen und Seen zu erhalten, braucht es erstens regelm√§ssig wiederkehrende Hochwasserereignisse, welche die Gew√§ssersohle aufwirbeln und einen Sedimenttransport bewirken, der wiederum zur Schaffung vielf√§ltiger Lebensr√§ume unabdingbar ist [12]. Zweitens m√ľssen besonders bei gr√∂sseren Gew√§sserstrecken die Restwassermengen nicht schematisch, sondern mit hydraulischen Bewertungen festgelegt werden, um jederzeit gen√ľgende Wassertiefen, benetzte Fl√§chen und lebensfreundliche Wassertemperaturen sicherzustellen [13]. Und drittens muss das Ablaufen von Konzessionen, die zumeist 80 Jahre w√§hren, dazu genutzt werden, die Situation neu zu beurteilen. Wird eine Konzession erteilt, m√ľssen die Restwassermengen das Existenzminimum f√ľr aquatische Lebensgemeinschaften tats√§chlich dauerhaft sichern k√∂nnen.

Der Klimawandel erfordert rasche ökologische Sanierung der Restwasserstrecken

Viel Zeit bleibt nicht. Die √∂kologische Sanierung der Wasserkraft ist dringend, weil der Klimawandel die Gew√§sser schon heute zunehmend erw√§rmt und den Abfluss ver√§ndert [14]. Nebst dem Vermeiden von unnat√ľrlichen Schwall-Sunk-Abfl√ľssen, der Wiederherstellung der Durchg√§ngigkeit f√ľr Fische und einem m√∂glichst naturnahen Geschiebetransport geh√∂rt auch die bisher aufgeschobene Erh√∂hung der Restwassermengen dazu. Die Wissenschaft kann ihren Beitrag zur Umsetzung leisten, denn das geltende Gesetz erlaubt, unter anderem mit Ausnahmeregeln und dem Instrument der Schutz- und Nutzungsplanung, zeitgem√§sse, auch an den Klimawandel angepasste L√∂sungen im Einklang mit der Nutzung des Wassers zur Stromproduktion. Basierend auf den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen sollten daher die Fachbeh√∂rden bei Neukonzessionierungen dort wo n√∂tig rasch h√∂here und dynamischere Restwassermengen verf√ľgen. Nur so werden wir auch in Zukunft funktionierende, vielf√§ltige und widerstandsf√§hige Gew√§sser√∂kosysteme haben.

Die Schweizer Restwasserregelung

Das Gew√§sserschutzgesetz sieht ein mehrstufiges Verfahren vor, wie ausreichende ‚Äď in der Verfassung und im Gesetz heisst es ¬ęangemessene¬Ľ ‚Äď Restwassermengen unterhalb von Wasserableitungen sichergestellt werden. Erst wird ein absolutes Minimum (Alarmgrenze) festgelegt, basierend auf der Niederwasser-Abflussmenge Q347. Dieses muss erh√∂ht werden, bis gewisse Bedingungen erf√ľllt sind, etwa eine ausreichende Wassertiefe oder die Sicherung seltener Lebensr√§ume (Art. 31). Im dritten Schritt muss die Bewilligungsbeh√∂rde die zuvor ermittelte Wassermenge weiter erh√∂hen im Rahmen einer Interessenabw√§gung (Art. 33). Ein eigener Artikel (Art. 32) sieht diverse Ausnahmen vor, etwa f√ľr Gew√§sser mit geringem √∂kologischen Potenzial oder im Rahmen einer grossr√§umigen Schutz- und Nutzungsplanung. Das Vorgehen erlaubt es den Beh√∂rden, nebst den ¬ęAlarmgrenzen¬Ľ, auch dynamische Restwassermengen festzulegen, welche das nat√ľrliche Abflussregime bis zu einem gewissen Grad nachbilden. Wichtig zu wissen: Alle diese Regeln greifen nur bei neuen Kraftwerken, bzw. bei neuen Konzessionen. An vielen Orten konnten die Fachbeh√∂rden, aufgrund der lange w√§hrenden Konzessionsrechte, erst ganz kleine Restwassermengen verf√ľgen.

Bibliographie

[1] NZZ am Sonntag vom 3. April 2022: Weniger Strom wegen Fischen. https://magazin.nzz.ch/nzz-am-sonntag/schweiz/weniger-strom-wegen-fischen-ld.1677775

[2] Dudgeon, D. (2019): Multiple threats imperil freshwater biodiversity in the Anthropocene. Current Biology 29(19): R960-R967

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[4] WWF (2021): The World’s forgotten Fishes. WWF, Gland, 48 pp.

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[7] Bundi, U.; Eichenberger, E. (1989): Gewässerökologische Anforderungen an die Restwassermengen. Kurzbericht Restwassergruppe Eawag

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[9] Botschaft zur Volksinitiative ¬ęzur Rettung unserer Gew√§sser¬Ľ und zur Revision des Bundesgesetzes √ľber den Schutz der Gew√§sser vom 29. April 1987. Bundesblatt 1987, 1061. Seite 1089 und Seite 1129

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[12] Sch√§lchli,¬† U. (1991): Morphologie und Str√∂mungsverh√§ltnisse in Gebirgsb√§chen: Ein Verfahren zur Festlegung von Restwasserabfl√ľssen. Versuchsanstalt f√ľr Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie, VAW, ETH Z√ľrich Mitteilungen 113

[13] Bratrich, C. et al. (2004): Green hydropower: A new assessment procdure for river management. River Res. Applic. 20: 865-882

[14] BAFU, Hrsg. (2021): Auswirkungen des Klimawandels auf die Schweizer GewaŐąsser. Hydrologie, GewaŐąsseroŐąkologie und Wasserwirtschaft. Bundesamt fuŐąr Umwelt¬†BAFU, Bern. Umwelt-Wissen Nr. 2101: 134 S.


Weiterf√ľhrende Literatur

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