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Fachartikel
26. März 2024

Blau-grüne Biodiversität

Workshop für Stakeholder zu vernetzter ökologischer Infrastruktur

Im Rahmen der Forschungsinitiative «Blau-grüne Biodiversität» von Eawag und WSL diskutierten an zwei Workshops verschiedenste Interessenvertretende über die Herausforderungen rund um die ökologische Infrastruktur. Die Teilnehmenden betonten die Notwendigkeit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu verbessern, und erkundeten Hindernisse wie Interessenkonflikte, politische Trägheit und wenig genutztes Potenzial. Der an den Workshops vielfach geäusserte Wunsch nach verstärkter Zusammenarbeit unterstreicht die Bedeutung solcher Veranstaltungen für die Umweltpolitik und eine nachhaltige Entwicklung.
Manuel Fischer 

Im Oktober 2023 tauschten sich an zwei halbt√§gigen Workshops an der Eawag verschiedenste Interessensvertretende √ľber Herausforderungen, Potenziale und Perspektiven von √∂kologischer Infrastruktur aus. Die Workshops wurden im Rahmen des Forschungsprojekts ¬ęBlueGreenNet¬Ľ durchgef√ľhrt. Ziel des Projektes ist es, √∂kologisch verbundene aquatische (blaue) und terrestrische (gr√ľne) Elemente (im Folgenden als √∂kologische Infrastruktur bezeichnet) gemeinsam mit relevanten sozialen Akteuren als Netzwerke darzustellen und hinsichtlich √∂kologischer Vernetzung r√§umlich explizit zu analysieren (s. Box¬†unten). √Ėkologische Infrastruktur unterst√ľtzt neben √Ėkosystem-Dienstleistungen im Zusammenhang mit Biodiversit√§t auch solche im Zusammenhang mit menschlicher Gesundheit und Wohlergehen wie z.‚ÄČB. saubere Luft, L√§rmreduktion, Erholung, Hochwasserschutz und St√§dtek√ľhlung.

Verschiedenste Stakeholder

Insgesamt 65 Teilnehmende aus verschiedenen Sektoren wie Stadtplanung und Raumentwicklung, Familieng√§rten, Verkehr, Landwirtschaft, Umweltschutz, Kies- und Abbauwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft, Sport- und Freizeit, Milit√§r, Wasserwirtschaft und Forschung waren anwesend. Sie vertraten Institutionen wie Planungsb√ľros, Verb√§nde und Nichtregierungsorganisationen, Bundes√§mter, Kantone und Gemeinden, vor allem aus den Regionen Z√ľrich und Aargau. All die verschiedenen Stakeholder zusammenzubringen, ist f√ľr die Planung, Gestaltung und Umsetzung der √∂kologischen Infrastruktur entscheidend. Nur wenn unterschiedliche Perspektiven und die damit einhergehenden Anspr√ľche und Expertisen voneinander wissen und sich austauschen, k√∂nnen integrale Herangehensweisen f√ľr Planung, Gestaltung und Umsetzung von √∂kologischer Infrastruktur erfolgreich sein. Zudem ist der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis entscheidend, um neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft mit den Erfahrungen und Bed√ľrfnissen der verschiedenen Interessensvertretenden gemeinsam zu diskutieren und so Ressourcen und Synergien zu b√ľndeln.

Beziehungsfördernde und interaktive Workshop-Struktur

Das Design der beiden Workshops umfasste einen Prozess mit Formaten wie Check-Ins, World-Caf√©s und Reflexions¬≠gespr√§chen. Diese wurden gezielt eingesetzt, um Begegnungen zwischen den unterschiedlichsten Interessensvertretenden zu erm√∂glichen, den sozialen Austausch zu st√§rken und eine f√∂rderliche Umgebung f√ľr ein Lernen voneinander und miteinander zu schaffen. Die Zusammenarbeit mit collaboratio helvetica (Workshop-Moderatorinnen Luea Ritter und Ana√Įs S√§gesser) f√ľr das Prozessdesign und die Begleitung der beiden Workshops hat dazu beigetragen, eine beziehungsf√∂rdernde und interaktive Struktur zu schaffen.

Br√ľcke zwischen Wissenschaft und Praxis

Sektoren√ľbergreifende Workshops, die eine Br√ľcke zwischen Wissenschaft und Praxis schlagen, haben einen vielschichtigen Wert. Sie f√∂rdern ein gemeinsames Verst√§ndnis zwischen involvierten Akteuren und Disziplinen und erleichtern die Zusammenarbeit sowie Koordination zwischen verschiedenen Fachbereichen. Der Fokus auf Interaktion und Dialog wiederum erm√∂glichte es den Teilnehmenden, √ľber ihre alltagspraktischen Grenzen hinweg zu denken und das Verst√§ndnis f√ľreinander und die Sache zu vertiefen. Der gemeinsame Lernprozess, den solche Veranstaltungen anstossen, tr√§gt zur Entwicklung nachhaltiger L√∂sungen bei und schafft eine Grundlage f√ľr zuk√ľnftige Zusammenarbeit und Innovation bei der nachhaltigen Bewirtschaftung der vom Menschen gepr√§gten Landschaften.

Erschwerende Hindernisse

Die Teilnehmenden bewerteten die integrierte Analyse sozialer Akteure und √∂kologischer Lebensr√§ume und deren Netzwerke (Box) als interessant und wichtig. Darauf basierend wurden zusammenfassend Aspekte herausgearbeitet, welche die gemeinsame und sektor√ľbergreifende Arbeit an der Planung und Umsetzung von √∂kologischer Infrastruktur erschweren:

Erstens wurde auf Interessenkonflikte und unterschiedliche Arbeitskulturen, Zeithorizonte, Priorit√§ten und Sprachkulturen hingewiesen. Unterschiedliche Interessengruppen haben unterschiedliche Perspektiven, Priorit√§ten und Ziele im Zusammenhang mit √∂kologischer Infrastruktur. Die m√∂glichen Missverst√§ndnisse, die aus solchen Unterschieden und Interessenskonflikten hervorgehen, k√∂nnen durch Dialog, Sichtbarmachen von Widerspr√ľchen, Konsensbildung, partizipative Entscheidungsfindung und die kontinuierliche Kommunikation angegangen und √ľberbr√ľckt werden.

Zweitens wird ein fehlender politischer Wille festgestellt. So spielen politische Entscheidungstr√§ger eine massgebliche Rolle bei der Festlegung von Rahmenbedingungen und Massnahmen sowohl auf √∂kologischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Politischer Wille kann durch die Sensibilisierung von politischen Entscheidungstragenden f√ľr die Bedeutung von √∂kologischen Netzwerken und die Einbindung der √Ėffentlichkeit in Entscheidungsprozesse erreicht werden. Wichtig sind auch gesetzlich formulierte, klare Vorgaben.

Drittens wurden unzureichende finanzielle und personelle Ressourcen bei den verschiedenen Anspruchsgruppen angesprochen. In verschiedenen Sektoren und bei verschiedenen Anspruchsgruppen, die mit ökologischer Infrastruktur zu tun haben, ist Biodiversität naturgemäss nur eines von vielen Zielen. Dementsprechend fehlen Ressourcen, zum Beispiel in Form von spezialisierten Personen, die Biodiversität und ökologische Infrastruktur systematisch mitdenken.

F√∂rderung eines sektor√ľbergreifenden Ansatzes

Das Potenzial, diese verschiedenen Herausforderungen durch Dialog, Verst√§ndnis und Bewusstwerden der unterschiedlichen Perspektiven anzugehen, wurde sicht- und sp√ľrbar in den kurzen, aber tiefgehenden Gespr√§chen w√§hrend der jeweils halbt√§gigen Workshops. Alle Herausforderungen k√∂nnen nur mit einer langfristigen Perspektive angegangen werden, Verst√§ndnis f√ľr und Umgang mit verschiedenen Arbeitskulturen k√∂nnen nur durch langj√§hrige Zusammenarbeit geschaffen werden. Ein wichtiger Mehrwert dieser Veranstaltungen war es, dass die Teilnehmenden anstelle eines sektorialen einen sektor√ľbergreifenden Ansatz f√∂rdern m√∂chten, und die √∂kologische Infrastruktur als sozial-√∂kologisches Netzwerk zu verstehen versuchen. Die Motivation der Teilnehmenden suggeriert, dass Austauschformate wie diese Workshops besonders in Bereichen mit vulnerablen √Ėkosystemen und komplexen Akteursnetzwerken so h√§ufig wie m√∂glich und n√∂tig genutzt werden sollten.
Das Projektteam plant weitere ähnliche Workshops im 2025.

Projekt ¬ęBlueGreenNet¬Ľ: Sozial-√Ėkologische Netzwerke zur F√∂rderung der Biodiversit√§t in vom Menschen gepr√§gten Landschaften

Sozial-√∂kologische Netzwerke (SEN, Social-Ecological Networks) bieten einen innovativen konzeptionellen und methodischen Ansatz, um komplexe Wechselwirkungen zwischen sozialen und √∂kologischen Systemen zu entflechten und zu analysieren. Mithilfe von SEN identifiziert und quantifiziert das Projekt die Zusammenh√§nge von blau-gr√ľner Infrastruktur und den relevanten sozialen Akteuren. Somit soll die √∂kologische (blau-gr√ľne) Infrastruktur unterst√ľtzt und Transformationspfade f√ľr eine nachhaltigere √Ėkosystem-Governance in peri-urbanen Regionen der Schweiz sollen identifiziert werden.

In acht Fallstudienregionen in den Kantonen Aargau und Z√ľrich werden SEN identifiziert und analysiert. Die √∂kologischen Netzwerke repr√§sentieren Bewegungskorridore von Amphibien, die sozialen Netzwerke repr√§sentieren Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen, die f√ľr relevante blau-gr√ľne Habitate verantwortlich sind.

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