Plattform für Wasser, Gas und Wärme
Fachartikel
20. Juli 2026

Gewässer-Ökosystem

Vielfalt unter der Schale

Süsswassermuscheln sind zentrale Akteure unserer Gewässerökosysteme, doch ihre Vielfalt und Vernetzung bleiben oft verborgen. Genetische Methoden ermöglichen es, morphologisch schwer unterscheidbare Arten zuverlässig zu identifizieren und die genetische Struktur ihrer Populationen sichtbar zu machen. Am Beispiel der Teich- und Schwanenmuschel zeigt diese Studie, wie genetische Daten wertvolle Grundlagen für den Schutz gefährdeter Arten liefern.
Julie Conrads Julie Conrads, Alexandra A.-T. Weber, Ellika Faust, Philline Feulner, 

Wer eine Muschel am Seeufer findet, sieht meist nur ihre unscheinbare Schale, doch unter dieser verbirgt sich eine erstaunliche Welt genetischer Vielfalt. Süsswassermuscheln (Unionida) leben überwiegend verborgen im Sediment, wo sie Tag für Tag Wasser filtrieren und damit zur Reinigung und Stabilisierung unserer Gewässer beitragen. Indem sie Schwebstoffe, Algen und organisches Material aus dem Wasser entfernen, können sie die Sichttiefe erhöhen und die Wasserqualität positiv beeinflussen [1, 2].

Weiterhin wirken Süsswassermuscheln als Ökosystemingenieurinnen: Wo sie in höheren Dichten auftreten, bilden sie Muschelbänke. Diese verändern die Bodenstruktur und schaffen Mikrohabitate, etwa Verstecke und Siedlungsflächen für wirbellose Tiere. Auch als Nahrungsquelle sind sie relevant: Ihre Larvenstadien und juvenilen Muscheln können von Kleintieren gefressen werden, und adulte Muscheln (oder ihre Weichteile nach dem Absterben) liefern Energie und Nährstoffe für Aasfresser und Räuber [3].

Kaum eine andere Tiergruppe ist so eng mit der Qualität unserer Gewässer verknüpft und gleichzeitig so stark bedroht. Lebensraumverlust, Verschmutzung, Rückgang ihrer Wirtsfische (die für die Larvenentwicklung aller Unioniden entscheidend sind) und invasive Arten setzen ihnen weltweit zu. Auch in der Schweiz nehmen ihre Bestände stetig ab [4–8].

Trotz ihrer ökologischen Bedeutung ist über die meisten einheimischen Muschelarten erstaunlich wenig bekannt. Viele Arten sehen sich so ähnlich, dass sie selbst für Fachleute manchmal schwer zu unterscheiden sind. Die Teichmuschel (Anodonta anatina) (Fig. 1) und die Schwanenmuschel (Anodonta cygnea) (Fig. 2) sind ein typische Beispiele: Beide bewohnen ähnliche Lebensräume, ihre Schalen variieren in Form und Farbe, doch diese Unterschiede reichen nicht immer aus, um sie eindeutig zu identifizieren. Zudem unterscheiden sich die beiden Arten trotz ihrer ökologischen Ähnlichkeit in einem zentralen biologischen Merkmal: ihrem Fortpflanzungssystem. Während die Teichmuschel (A. anatina) getrenntgeschlechtlich ist, ist die Schwanenmuschel (A. cygnea) zwittrig. Solche Unterschiede im Reproduktionsmodus können einen entscheidenden Einfluss auf die genetische Vielfalt und die Populationsstruktur haben. Hier kommen genetische Methoden ins Spiel.

Mithilfe moderner DNA-Analysen lässt sich das genetische Profil jeder Muschel bestimmen. Diese Daten verraten nicht nur, zu welcher Art ein Individuum gehört, sondern auch, wie eng verschiedene Individuen und Populationen miteinander verwandt sind. Dadurch wird sichtbar, wie stark sich Muscheln aus verschiedenen Seen oder Flüssen genetisch voneinander unterscheiden – ein Hinweis darauf, wie isoliert Populationen sind oder wie stark sie über längere Zeiträume hinweg miteinander in Kontakt standen. Solche genetischen Muster werden nicht nur durch räumliche Trennung beeinflusst, sondern auch durch Faktoren wie Populationsgrösse und Fortpflanzungsweise. Genetische Daten zeigen zudem, wie eigenständig einzelne Populationen sind oder in welchem Mass sie langfristig auf den Nachschub aus anderen Beständen angewiesen bleiben. Besonders stark isolierte oder kleine Populationen weisen häufig eine geringere genetische Vielfalt auf und reagieren empfindlicher auf Umweltveränderungen. Genetisches Monitoring erlaubt es, solche Strukturen und Veränderungen über die Zeit hinweg zu verfolgen und frühzeitig Warnsignale zu erkennen. Damit liefert es eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Widerstandsfähigkeit von Arten und Populationen sowie für fundierte Schutz- und Managemententscheidungen im Gewässerbereich.

Die vorliegende Studie zeigt, wie genetische Methoden neue Einblicke in die verborgene Vielfalt unserer Süsswassermuscheln ermöglichen. Am Beispiel von den zwei Arten A. anatina und A. cygnea wird deutlich, dass genetische Daten Einblicke weit über die reine Artbestimmung hinausgehend liefern: Sie ermöglichen ein vertieftes Verständnis der genetischen Struktur und Zusammenhänge von Populationen in unseren Gewässern und liefern eine wichtige Grundlage für gezielte Schutzmassnahmen. Die hier vorgestellte Herangehensweise – von der Probenahme im Feld bis zur Auswertung ganzer Genome – zeigt, wie mit modernen, aber zugänglichen Techniken wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden können. Dieses Vorgehen lässt sich auch auf andere Organismen übertragen und hilft, die genetische Vielfalt als eine zentrale Säule der Biodiversität in der Schweiz besser zu bewahren.

 

Methodik

Für die genetischen Analysen wurden im Sommer 2024 insgesamt 421 Muscheln aus 31 verschiedenen Gewässersystemen der Schweiz gesammelt. Die Proben stammen aus Flüssen, Seen und Teichen verschiedener Einzugsgebiete. Die Sammlung erfolgte durch wissenschaftliches Tauchen und Schnorcheln (Fig. 3).

Von jedem Individuum wurde eine kleine Gewebeprobe schonend und ohne letale Beeinträchtigung der Muschel entnommen und im Labor für genetische Analysen aufbereitet. Mithilfe moderner Sequenzierungsmethoden wurden genomweite Daten erhoben, um genetische Unterschiede innerhalb und zwischen den Arten A. anatina und A. cygnea zu identifizieren. Diese Daten ermöglichten den Vergleich von Populationen sowie die Beurteilung ihrer genetischen Vielfalt und potenziellen Vulnerabilität.

Resultate

Die genetischen Analysen zeigen, dass die beiden untersuchten Arten, die Teichmuschel und die Schwanenmuschel, vielerorts gemeinsam vorkommen und ähnliche Lebensräume nutzen. Beide Arten wurden in verschiedenen Seen und Teichen in der Schweiz gefunden, wobei sich ihre Verbreitungsgebiete teilweise überschneiden (Fig. 4). Dennoch unterscheiden sie sich deutlich in ihrer genetischen Struktur. Anodonta anatina weist eine hohe genetische Vielfalt und eine vergleichsweise geringe genetische Differenzierung zwischen Populationen auf. Die genetische Vielfalt ist innerhalb der Art gross. Genetisch ähneln sie sich geografisch nahe gelegene Populationen stärker als weiter entfernte.

Im Gegensatz dazu zeigt A. cygnea eine deutlich geringere genetische Vielfalt (Fig. 5 A–B) und eine stärkere genetische Differenzierung zwischen Populationen (Fig. 5 C). Dies deutet darauf hin, dass ihre Bestände kleiner sind und über längere Zeiträume hinweg stärker voneinander getrennt waren.

Auch in weiteren genetischen Kennwerten zeigt sich ein klares Muster: A. cygnea weist höhere Inzuchtwerte (Fig. 5 E) und kleinere effektive Populationsgrössen (Fig. 5 G) auf als A. anatina. Diese Merkmale deuten auf ein erhöhtes Risiko genetischer Verarmung hin. Gleichzeitig ist die genetische Verwandtschaft innerhalb lokaler Populationen von A. cygnea höher (Fig. 5 D), was auf eine häufigere Fortpflanzung zwischen nah verwandten Individuen hindeutet.

Insgesamt zeigen die Resultate, dass A. anatina genetisch vielfältiger ist und eine geringere genetische Differenzierung zwischen Populationen aufweist, während A. cygnea durch geringere Vielfalt und stärkere genetische Abgrenzung gekennzeichnet ist. Diese Muster stehen im Zusammenhang mit Unterschieden in der Reproduktionsbiologie der beiden Arten und haben wichtige Konsequenzen für ihren Schutz. Besonders für die zwittrige A. cygnea ist die Erhaltung der genetischen Vielfalt entscheidend, um langfristig ihre Anpassungsfähigkeit und das Überleben ihrer Populationen zu sichern.

Fazit

Arten mit geringer genetischer Vielfalt sind verletzlicher gegenüber Umweltveränderungen. Dies gilt auch für die Schwanenmuschel (Anodonta cygnea), deren Populationen in der Schweiz eine deutlich geringere genetische Vielfalt und eine stärkere genetische Differenzierung aufweisen als jene der Teichmuschel (Anodonta anatina). Diese geringere Vielfalt kann die Anpassungsfähigkeit an neue Umweltbedingungen einschränken und das Risiko lokaler Bestandsrückgänge erhöhen, insbesondere angesichts zunehmender Belastungen durch steigende Wassertemperaturen, invasive Arten oder veränderte Abflussregime.

Genetische Daten liefern hier einen entscheidenden Mehrwert: Sie ermöglichen es, gefährdete Populationen frühzeitig zu erkennen und ihre genetische Struktur und Abgrenzung zu beurteilen – eine wichtige Grundlage für gezielte Schutzstrategien. Gerade bei unscheinbaren, morphologisch schwer unterscheidbaren Arten wie Süsswassermuscheln bieten molekulare Methoden einen unverzichtbaren Blick unter die Schale, hin zu den verborgenen Populationsstrukturen, die über das langfristige Überleben von Arten entscheiden.

Die hier gezeigten Ergebnisse von zwei Süsswassermuschelarten unterstreichen damit nicht nur die Notwendigkeit, genetische Informationen in das Gewässermanagement zu integrieren, sondern auch das Potenzial, ähnliche Ansätze künftig auf andere Organismengruppen auszudehnen. Ein genetischer Blickwinkel kann helfen, die biologische Vielfalt in Gewässern und terrestrischen Lebensräumen differenzierter zu erfassen und Populationen mit geringer genetischer Vielfalt oder starker genetischer Abgrenzung zu identifizieren. Dadurch lassen sich Schutz- und Managementmassnahmen gezielter planen, um die Anpassungsfähigkeit und damit die Widerstandskraft von Populationen in Zeiten des Wandels zu stärken.

 

Bibliographie

[1] Allen, D.C. et al. (2012): Bottom-up biodiversity effects increase resource subsidy flux between ecosystems. Ecology – Wiley Online Library.

[2] Vaughn, C. C. (2018): Ecosystem services provided by freshwater mussels. Hydrobiologia 810, 15–27

[3] Henderson, N. D.; Christian, A. D. (2022): Freshwater Invertebrate Assemblage Composition and Water Quality Assessment of an Urban Coastal Watershed in the Context of Land-Use Land-Cover and Reach-Scale Physical Habitat. Ecologies 3, 376–394

[4] Rote Liste Weichtiere (Schnecken und Muscheln) (2010)

[5] Lopes-Lima, M. (2013): IUCN Red List of Threatened Species: Anodonta anatina.

[6] Lopes-Lima, M. et al. (2014): Biology and conservation of freshwater bivalves: past, present and future perspectives. Hydrobiologia 735, 1–13

[7] Lopes-Lima, M. (2017): Conservation status of freshwater mussels in Europe: state of the art and future challenges. Biological Reviews – Wiley Online Library.

[8] IUCN SSC MSG/CPSG/CONFREMU (2024): European Freshwater Bivalves: Moving from Assessment to Conservation Planning. Conservation Planning Specialist Group, Apple Valley, MN, USA

[9] Faust, E. et al. (2025): Beyond Genetic Indicators: How Reproductive Mode and Hybridisation Challenge Freshwater Mussel Conservation. Mol. Ecol. 34, e70066

Einstieg in ein genetisches Forschungsprojekt
  1. Fragestellung und Partner definieren: Welche ökologischen oder evolutionären Prozesse sollen untersucht werden (z. B. Populationsstruktur, Konnektivität, Anpassung) und welche wissenschaftlichen oder institutionellen Partner verfügen über die notwendige genetische und bioinformatische Expertise?
  2. Probenstrategie planen: Auswahl geeigneter Populationen, Stichprobengrösse sowie nicht-invasive oder schonende Probennahme.
  3. Methodenwahl: Entscheidung zwischen Marker-basierten Ansätzen oder genomweiten Analysen.
  4. Datenanalyse und Interpretation: Nutzung bioinformatischer Werkzeuge zur Auswertung genetischer Daten.
  5. Anwendung im Management: Übersetzung genetischer Ergebnisse in konkrete Schutz- und Managementmassnahmen. 


Eine visuelle Übersicht dieser Schritte findet sich in der Infografik «Naturschutzgenetik in der Praxis – Wie planen wir ein Projekt?» (s. rechte Spalte).

Infografiken

Alle Infografiken zur Naturschutzgenetik sind frei zugänglich und in mehreren Sprachen verfügbar:

Arten von genetischen Markern: Was können sie aussagen?

Buser, C.N. et al. (2025): Naturschutzgenetik-Workshop, Infografik 1. Eidg. Forschungsanstalt fĂĽr Wald, Schnee und Landschaft WSL. Institutional Repository DORA.

D: https://doi.org/10.55419/wsl:40645

F: https://doi.org/10.55419/wsl:40651

I: https://doi.org/10.55419/wsl:40657

E: https://doi.org/10.55419/wsl:40663

Konzepte der Populationsgenetik

Buser, C.N. et al. (2025): Naturschutzgenetik-Workshop, Infografik 2. Eidg. Forschungsanstalt fĂĽr Wald, Schnee und Landschaft WSL. Institutional Repository DORA

D: https://doi.org/10.55419/wsl:40647

F: https://doi.org/10.55419/wsl:40653

I: https://doi.org/10.55419/wsl:40659

E: https://doi.org/10.55419/wsl:40665

Naturschutzgenetik in der Praxis – Wie planen wir ein Projekt?

Buser C.N. et al. (2025): Naturschutzgenetik-Workshop, Infografik 3. Eidg. Forschungsanstalt fĂĽr Wald, Schnee und Landschaft WSL.Institutional Repository DORA

D: https://doi.org/10.55419/wsl:40649

F: https://doi.org/10.55419/wsl:40655

I: https://doi.org/10.55419/wsl:40661

E: https://doi.org/10.55419/wsl:40667

PEAK-Kurs «Angewandte Naturschutzgenetik für die Praxis»

Datum: 26. Oktober 2026, 9-17h

Ort: Eawag DĂĽbendorf

Sprache: Deutsch und Französisch

Info: https://www.eawag.ch/de/lehre/weiterbildung/peak/

Teilnehmende können ihr Wissen über die Grundlagen der angewandten Naturschutzgenetik erweitern oder aktualisieren. Ziel ist es, Wissenslücken zu schliessen, das Potenzial und die Grenzen einzuschätzen, Missverständnisse zu vermeiden und den Grundstein für zukünftige Naturschutzgenetik-Projekte zu legen.

Der Kurs ist in drei Teile gegliedert: kurze einführende Vorträge, Fallstudien und interaktive Gruppenarbeiten mit praktischen Beispielen, u. a. zu aquatischen Organismen.

Kommentar erfassen

Kommentare (0)

e-Paper

«AQUA & GAS» gibt es auch als E-Paper. Abonnenten, SVGW- und/oder VSA-Mitglieder haben Zugang zu allen Ausgaben von A&G.

Den «Wasserspiegel» gibt es auch als E-Paper. Im SVGW-Shop sind sämtliche bisher erschienenen Ausgaben frei zugänglich.

Die «gazette» gibt es auch als E-Paper. Sämtliche bisher erschienen Ausgaben sind frei zugänglich.