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Fachartikel
03. August 2026

Hochwasser

Maximale Gefahr abschätzen

Damit Strom aus Wasserkraft sicher und verlässlich erzeugt werden kann, muss man die Wasserpegel der Flüsse möglichst gut kennen. Ein Forschungsteam der Universitäten Zürich, Bern, Grenoble und Graz hat mit Unterstützung der Bundesämter für Energie und Umwelt (BFE, BAFU) eine neue Methode entwickelt, um seltene, aber grosse Hochwasser entlang der Schweizer Flüsse noch zuverlässiger als bisher abzuschätzen. Die Ergebnisse helfen bei der Dimensionierung von Hochwasserschutzanlagen, aber auch bei der Sicherheitsüberprüfung von Stauanlagen.
Benedikt Vogel 

Weltweit betrachtet sind Hochwasser praktisch an der Tagesordnung. Oft fordern sie Menschenleben in grosser Zahl. Wie die Überschwemmungen auf Sumatra im November 2025 mit über 700 Toten oder der Starkregen, der im Juli 2022 über Gebiete Pakistans niederging und mehrere Hundert Menschen in den Tod riss. Auch die Schweiz kennt die zerstörerische Kraft des Wassers. So forderte im Juni 2024 ein Hochwasser im Alpenraum mindestens acht Tote. Die Jahreszahlen 2013, 2007, 2005 oder 1999 stehen für grosse Hochwasser, von denen die Schweiz zumindest mitbetroffen war, und die Menschenleben sowie grosse Sachschäden forderten (Fig. 1–3). Die Erinnerung an Hochwasser reicht weit zurück: Zum Beispiel in den Juni 1910, als ein Hochwasser in der Schweiz und in Österreich allein im Mittelland 27 Tote forderte, oder zum Starkregen vom September 1868 mit 51 Toten.

Maximale Gefahr abschätzen

Dort, wo die Menschen die nötigen Mittel haben, schützen sie sich gegen Hochwasser. Infrastrukturen wie Brücken und Wasserbauten wie Stauwehre werden so ausgelegt, dass sie auch grossen Wassermassen standhalten. Mit Dämmen und Rückhalteräumen versucht man Flüsse so zu zähmen, damit sie keine Schäden anrichten. Gebiete, wo Gefahren drohen, werden durch Gefahrenkarten und andere raumplanerische Massnahmen geschützt.

«Um diese Vorkehrungen treffen zu können, braucht es eine möglichst genaue Abschätzung, welche Spitzenabflüsse in Schweizer Flüssen bei grossen Hochwasserereignissen zu erwarten sind», sagt Daniel Viviroli, Hydrologe an der Universität Zürich. «Das gilt insbesondere für Ereignisse, die zum Beispiel statistisch gesehen nur einmal alle hundert Jahre (Jahrhunderthochwasser) oder alle tausend Jahre (Jahrtausendhochwasser) zu erwarten sind.» Um die Grösse solcher Ereignisse genauer abschätzen zu können, hat Viviroli im Projekt «Extremhochwasser Schweiz», kurz EXCH, zusammen mit weiteren Forschenden der Universitäten Zürich, Bern, Grenoble und Graz eine neue Methode entwickelt. Die Untersuchung baut auf einem Projekt mit ähnlicher Fragestellung auf, das sich auf die Aare bezogen hatte (Projekt EXAR).

Neue Methode beruht auf Niederschlägen

Bisher werden Hochwasserereignisse im Allgemeinen abgeschätzt, indem entlang von Flüssen die Abflussmessungen ausgewertet werden (Fig. 3). Solche Beobachtungen liegen für manche Stellen seit ca. 60 bis 70 Jahren vor, bisweilen sogar seit gut 100 Jahren. Gemessen werden die Abflussmengen unter anderem an Messstellen des BAFU oder der Kantone (Fig. 4). Aus diesen Messreihen lässt sich durch Extrapolation (mathematischen Berechnungen) abschätzen, wie oft mit seltenen, starken Abflussmengen bzw. Hochwassern zu rechnen ist. Diese Methode stösst aber an ihre Grenzen, wenn es um sehr seltene Hochwasserereignisse geht, und ihre Aussagekraft ist eingeschränkt, wenn Flussläufe verändert werden (wie z. B. bei den beiden Juragewässerkorrektionen in den Jahren 1868–1891 und 1962–1973).

«Um die Abschätzung von extremen Hochwassern weiter zu verbessern, haben wir eine neue Methodik entwickelt, die ergänzend zur bisher benutzten Methode einen zusätzlichen Blick auf mögliche Gefahren erlaubt», sagt Viviroli. Die neue Methode basiert nicht primär auf der Messung von Abflussmengen, sondern auf Daten zu Niederschlag (Regen, Schnee) und Temperatur. Diese Daten werden unter Einbezug eines Wettergenerators künstlich erzeugt, und aus ihnen lassen sich in der Folge Flusspegel und damit die Hochwassergefahr über sehr lange Zeiträume abschätzen.

Den schlimmsten Fall denken

Die Untersuchung wurde von den Bundesämtern für Energie  BFE und Umwelt BAFU begleitet und unterstützt. Für diese Bundesstellen sind möglichst verlässliche Abschätzungen von Hochwasserereignissen unentbehrlich. «In der Schweiz hat die Sicherheit der Stauanlagen eine zentrale Bedeutung. Sie müssen extrem seltenen Hochwasserereignissen standhalten können, bis hin zu den schlimmsten Szenarien, die nach heutigem Stand der Wissenschaft vorstellbar sind», sagt Alexandre Pachoud, Experte für Stauanlagensicherheit beim BFE.

Weil im Bereich der Stauanlagen in den Alpen umfassende historische hydrologische Daten meist fehlten, ist es laut Pachoud von grosser Relevanz, wenn das EXCH-Projekt nun dabei helfe, noch nie beobachtete Extremszenarien abzuschätzen (Fig. 7). Der BFE-Experte verweist auf einen aktuellen technischen Bericht der Internationalen Kommission für grosse Talsperren (Paris). Dort heisst es, das Ziel der in EXCH eingesetzten Methode bestehe darin, «Mutter Natur nachzubilden», um sicherzustellen, dass keine noch so unwahrscheinliche Situation übersehen wird. Konkret bedeutet das: Auf Basis der EXCH-Szenarien wird das Verhalten von Stauanlagen und ihrer hydraulischen Strukturen modelliert, um nachzuweisen, dass sie Hochwasser ohne Beeinträchtigung ihrer Sicherheit ableiten können.

Von praktischem Nutzen ist die neue Studie auch aus Sicht des BAFU. Nur wer die möglichen Hochwasserstände kenne, könne wirksame Schutzanlagen entlang von Flüssen zum Schutz von Menschen, Tieren und Gebäuden bauen, sagt BAFU-Hydrologe Emmanuel Brocard. Die Ergebnisse der neuen Studie würden in die Arbeit von Ingenieurbüros ebenso einfliessen wie in die Tätigkeit der Behörden. Sie würden beispielsweise eine wertvolle Grundlage für die periodische Überarbeitung der Hochwassergefahrenkarten durch die Gemeinden bilden.

 

Klimawandel ausgeklammert

Eine wichtige Frage, die sich im Zusammenhang von Hochwassern stellt, beantwortet die neue Studie nicht, die Frage nämlich, ob solche Ereignisse mit dem Klimawandel häufiger und gefährlicher werden. «Wir haben diesen Aspekt bewusst nicht untersucht, weil es den Rahmen der Studie gesprengt hätte», sagt Daniel Viviroli. Für ihren methodischen Ansatz klammerten die Wissenschaftler die Klimaänderung gezielt aus: Die Temperaturdaten wurden so bereinigt und auf das heutige Niveau angepasst, dass die Ergebnisse keine langfristigen Trends enthalten und immer die gegenwärtigen Bedingungen widerspiegeln.

«Unsere Studie stellt eine neue Grundlage zur Gefahrenabschätzung zur Verfügung, aber wer ein Gesamtbild für die Zukunft bekommen will, der muss den Einfluss des Klimawandels zusätzlich berücksichtigen», sagt Viviroli. Wie gross dieser Einfluss ist, ist Gegenstand der Forschung. So wurden bei intensiven Niederschlägen in den letzten Jahrzehnten deutliche klimabedingte Zunahmen beobachtet. Wie stark sich diese Veränderungen in einer Verschärfung des Hochwassergeschehens ausdrückten bzw. ausdrücken werden, ist aber komplex, wie Viviroli betont: «Das Hochwassergeschehen wird von vielen Faktoren beeinflusst. Je nach Vorbedingungen und Gebietseigenschaften können Hochwasser unterschiedlich stark auf die Zunahme der Starkniederschläge reagieren. Für eine präzise Abschätzung der Folgen des Klimawandels auf Hochwasserereignisse ist die Datenlage aktuell noch zu dünn.»

Schutzniveau festlegen

Was die Studie ebenfalls nicht leisten kann, ist die Beantwortung der Frage, wie die Bevölkerung auf die dargestellte Gefahrenlage reagieren bzw. welches Schutzniveau sie anstreben will. Das ist ein gesellschaftlicher Entscheid und damit eine Frage, die im politischen Diskus beantwortet werden muss.

 

AuskĂĽnfte zu dem Projekt

Amin Askarinejad, amin.askarinejad@bfe.admin.ch, Leiter des BFE-Forschungsprogramms «Stauanlagensicherheit»

Hochwasserabschätzung mit Regendaten aus dem Zufallsgenerator

Um künftige Hochwasser abzuschätzen, werden im Projekt EXCH hauptsächlich Niederschlags- und Temperaturdaten herangezogen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen methodisch in drei Schritten vor:

Schritt 1

Am Anfang steht ein Wettergenerator. Dieser stützt sich auf reale Wetterdaten aus der Vergangenheit (gemessen an einigen hundert ausgewählten Meteostationen in der Schweiz und im angrenzenden Ausland) und generiert daraus mit Hilfe statistischer Zufallsverfahren neue Niederschlags- und Temperaturdaten für die ganze Schweiz. Im Projekt EXCH wurden auf diese Weise stündliche Niederschlags- und Temperaturwerte für alle ausgewählten Meteostationen erzeugt, und dies für einen sehr langen synthetischen Zeitraum von 300 000 Jahren. Synthetisch bedeutet hier, dass die Daten des Wettergenerators nicht das Wettergeschehen der letzten 300 000 Jahre dokumentieren, und auch keine Prognose für die kommenden 300 000 Jahre sind. Vielmehr zeigen sie, mit welchen Niederschlagsmengen bei extrem seltenen Ereignissen zu rechnen ist, wenn man das heutige Klima zugrundelegt. Bei solchen Extremereignissen entstehen die grossen Wassermengen in einem Fluss vor allem durch aussergewöhnlich intensive Starkniederschläge. Andere ungünstige Einflussfaktoren wie z. B. Schneeschmelze können den Abfluss beeinflussen, sind aber vor allem bei vergleichsweise häufigeren Hochwassern von Bedeutung.

Schritt 2

Mit einem erprobten hydrologischen Modell werden die vom Wettergenerator erzeugten Niederschlags- und Temperaturwerte in Wasserabflussmengen umgerechnet (unter Berücksichtigung z. B. von Verdunstung, Versickerung, Schneeschmelze und weiteren Einflussgrössen). Dies geschieht für 330 Teilgebiete, welche die gesamte Schweiz abdecken. Als Ergebnis weiss man nun, welche Abflussmengen in diesen Teilgebieten über einen synthetischen Zeitraum von 300 000 Jahren auftreten können.

Schritt 3

Die Ergebnisse der hydrologischen Simulationen in allen Teilgebieten werden anschliessend zusammengeführt, um die Abflussmengen in den grossen Gewässern abzuleiten. Dabei wird berücksichtigt, wie sich die Abflüsse durch weitere Einflussfaktoren verändern, beispielsweise durch Seen, die Wasser zurückhalten, oder durch Talebenen und Seeufer, die bei Hochwasser temporär überschwemmt werden und so die Spitzenabflüsse reduzieren.

Im Projekt EXCH wurden auf diese Weise Abflussmengen für 60 Flussstandorte berechnet, deren Einzugsgebiete unterschiedlich gross sind (Fig. 5 und 6). Die Daten zeigen beispielsweise, wie viel Wasser bei Luzern aus dem Vierwaldstättersee abfliesst, und dies in stündlicher Auflösung über einen synthetischen Zeitraum von 300 000 Jahren.

Jahrhunderthochwasser

Ein «Jahrhunderthochwasser» ist ein grosses Hochwasser, das in jedem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 100 auftreten kann. Um ein Jahrhunderthochwasser zu bestimmen, ziehen Hydrologen den Wasserabfluss (Kubikmeter pro Sekunde) an einem bestimmten Bezugspunkt heran (also nicht die Fläche des überschwemmten Gebiets oder die Höhe der Schäden). Im Projekt «Extremhochwasser Schweiz» (EXCH) lag der Fokus auf Hochwasserereignissen, die noch seltener und damit stärker sind als Jahrhunderthochwasser, also zum Beispiel 300-jährige Hochwasser, Jahrtausend-Hochwasser und 10 000-jährige Hochwasser.

Projektschlussbericht

Der Schlussbericht «Extreme Floods in Switzerland – Hydrological scenarios for large catchments» mit Projektnr. ExSt.2025.1838 ist online abrufbar.

Zusätzliche Informationen

Weitere Fachbeiträge über Forschungs-, Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturmprojekte im Bereich Wasserkraft unter: www.bfe.admin.ch/ec-wasser

 

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