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05. September 2026

SNF-Projekt «Heat-Down»

Urbane Hitzeminderung - die Relevanz von Wasser

Hitzewellen treffen die Schweiz immer früher und immer härter. Der Frühsommer 2026 lieferte mit einer neuen Rekordhitze in weiten Teilen Westeuropas den jüngsten Beleg. Gleichzeitig verdichten sich die Städte nach innen, dort wo sich die Hitze auf versiegelten Flächen am stärksten staut. Das SNF-Projekt «Heat-Down» ging über die letzten vier Jahre folgenden Fragen nach: Welchen Beitrag leistet Wasser zur Abkühlung bei Hitzeereignissen? Wie viel Wasser ist nötig, um spürbare Effekte zu erzielen? Und was ist «thermische Gerechtigkeit»?
Peter M. Bach, Max Maurer, Jixuan Chen, João P. Leitão, Lucas Gobatti 

Die Zukunft der Siedlungsentwässerung steht von verschiedenen Seiten unter Druck. Auf der einen Seite konzentriert die Innenentwicklung immer mehr Menschen auf versiegelten Flächen, die sich bei Sonneneinstrahlung stark aufheizen. Auf der anderen Seite sind es genau diese versiegelten Oberflächen, die den naturnahen Wasserhaushalt beeinflussen und bei Starkregen den Oberflächenabfluss begünstigen. Versiegelung ist damit zugleich ein Entwässerungs- und ein Hitzeproblem, und beide Herausforderungen treffen die wachsenden Schweizer Städte mit voller Wucht.

Die Zahlen sind eindeutig: Europa erwärmt sich rund doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt und liegt heute etwa 2,5 °C über dem vorindustriellen Niveau [1]. In der Schweiz wurden allein für das Jahr 2023 rund 542 Todesfälle auf Hitze zurückgeführt [2]. Die neuen Klimaszenarien CH2025 bestätigen den Trend: mehr Hitzetage und Tropennächte, trockenere Sommer und intensivere Starkniederschläge [3]. Hitzebelastung ist damit nicht mehr ein Problem der fernen Zukunft, sondern eine Frage der laufenden Planung.

Hier liegt eine oft übersehene Chance: Regenwasser, das heute meist so schnell wie möglich abgeleitet wird, ist bei gezieltem Rückhalt ein wirksames passives Kühlmittel der Stadt. Genau darauf beruht das Schwammstadt-Prinzip: Niederschlag wird vor Ort gespeichert und durch Verdunstung oder Versickerung wieder dem lokalen Wasserkreislauf zugeführt. Aus einer Belastung wird so eine Ressource. Dass blau-grüne Infrastrukturen (BGI) eine  beträchtliche Wirkung für die Hitzeminderung haben können, zeigt die Literatur klar: Ihre dominanten Kühlmechanismen sind vor allem die Verdunstung und die Reduktion der in urbanen Oberflächen gespeicherten Wärme durch Beschattung [4].

Das vom Schweizerischen Nationalfonds geförderte Projekt «Heat-Down» der Eawag und der ETH Zürich hat diese Verbindung von Wasser und  itzeminderung systematisch untersucht. Der Ansatz verknüpft zwei sich ergänzende Stränge: einerseits die Weiterentwicklung schneller, praxistauglicher Modelle zur mikroklimatischen Simulation, andererseits die Integration eines breiten Spektrums an Hitzeminderungsmassnahmen. Letzteres reicht von baulicher Begrünung über operatives Benetzen mit Wasser bis hin zur Frage einer gerechten räumlichen Verteilung der Kühlung (s. dazu auch Fig. 1).

Schnelle Klimamodelle als Planungsgrundlage

Bevor knapper städtischer Boden einer Klimamassnahme zugewiesen wird, sollte bekannt sein, was wo wirkt. Hochaufgelöste Modelle wie ENVI-met [10] oder CFD-Ansätze [11] liefern zwar physikalisch detaillierte Resultate, sind aber für ganze Städte rechenintensiv und datenhungrig. Dies reduziert deren Anwendbarkeit, wenn es darum geht, zahlreiche Planungsszenarien durchzuspielen. Genau diese Lücke adressiert das im Projekt weiterentwickelte Modell TARGET (The Air-temperature Response to Green/blue-infrastructure Evaluation Tool) [12]. TARGET kommt mit wenigen Eingangsdaten aus: dem Anteil der Bodenbedeckung, der Gebäudegeometrie und meteorologischen Standarddaten. Es bildet die Stadt rasterbasiert mit einer Auflösung von 30 × 30 m und in feiner zeitlicher Schrittweite ab. In Zürich wurde das Modell mithilfe zweier hochaufgelösten Netze privater Wetterstationen validiert. Das Resultat zeigt, dass TARGET die innerstädtischen Temperaturunterschiede gut reproduziert (r = 0,95; mittlerer Fehler rund 2,2 °C) [13, 14]. Eine ensitivitätsanalyse zeigte, dass die Geometrie des Strassenraums (das Verhältnis von Gebäudehöhe zu Strassenbreite) und die thermischen Eigenschaften  von Betonoberflächen die innerstädtische Hitze am stärksten prägen. Darüber hinaus lassen sich die modellierten Temperaturen mit Fussgängerfrequenzdaten verknüpfen. Damit werden nicht nur die heissesten Orte sichtbar, sondern auch jene mit der höchsten menschlichen Exposition, was die betroffenen Menschen in den Mittelpunkt der Planung rückt [14].

Um das Modell für die Praxis einfach verfügbar zu machen, wurde TARGET als frei verfügbares Plugin in das Open-Source-Werkzeug UMEP (Urban Multi-scale Environmental Predictor – s. Box «Danksagung und Software») für die GIS-Plattform QGIS integriert und kann ohne Programmierkenntnisse genutzt werden [15]. Der Arbeitsablauf führt von der Datenaufbereitung über die Simulation und die Kartierung der Hitze-Hotspots bis zum direkten Vergleich von Szenarien.

Eine Fallstudie für Zürich illustriert das Potenzial. Eine gezielte Begrünung, kombiniert mit Bewässerung, reduzierte die Ausdehnung der Hitze-Hotspots um rund zwei Drittel [15] (Fig. 2). Allerdings blieben dicht bebaute, hohe Quartiere heiss, weil sich dort die Bodenbedeckung kaum verändern lässt. Dieser Limitierung kann durch eine operative Kühlung begegnet werden, die im Kapitel «Die operative Kühlung: Benetzen von Oberflächen» beschrieben wird.
Die Recheneffizienz hat aber auch einen Preis: TARGET vernachlässigt die horizontale Luftvermischung (Advektion), und die getesteten Eingriffe sind idealisiert. Die berechneten Kühlwirkungen sind daher als obere Richtwerte zu verstehen.

Strukturelle Kühlung: Bäume

Bäume sind der wirksamste infrastrukturelle Hebel für die Kühlung, da sie Schatten spenden und gleichzeitig Wasser über ihre Blätter verdunsten. Zwei Faktoren werden bei diesen Kühlleistungen regelmässig unterschätzt: die Wasserverfügbarkeit und die Zeit.

Wasser

Multiskalige Simulationen mit empirischer Validierung zeigen, dass die Verdunstungskühlung mindestens ebenso wirksam ist wie die Beschattung, sofern der Boden feucht ist [16]. Hält eine Bewässerung den Boden auf Feldkapazität und ist genügend Kronendach vorhanden, lässt sich in locker bebauten Gebieten an durchschnittlichen Sommertagen ein Zustand «ohne Hitzestress» erreichen. In einer offenen, niedrig bebauten Zone (typischerweise in der Literatur als lokale Klimazone LCZ 6 bezeichnet [9]) genügen dafür rund sechs Bäume. In einer offenen, mittelbebauten Zone (LCZ 5) sind es etwa 26 oder mehr, und zwar jeweils nur, wenn aktiv bewässert wird [16].

In den dichtesten (kompaktesten) Zonen (LCZ 2) liess sich dieser Zustand «ohne Hitzestress» dagegen kaum erreichen. An einem extremen Hitzetag reichten selbst maximale Kronenbedeckung und volle Bewässerung nicht aus, um den Hitzestress vollständig aufzuheben; immerhin liess sich die Belastung von «sehr starkem» auf «starken» Hitzestress senken. Bemerkenswert ist, dass die Verdunstung einen grösseren Beitrag zum thermischen Komfort leisten kann als bislang angenommen, allerdings nur, solange die Bodenfeuchte über einem kritischen Schwellenwert bleibt [16]. Die Bodenfeuchte ist somit der begrenzende Faktor und muss explizit mitgeplant werden.

Zeit

Mittels Satellitendaten wird quantifiziert, wie lange eine Begrünung braucht, um eine stabile Kühlleistung zu erbringen; das Projekt führt dafür den Begriff Cooling Establishment Time ein [7]. Bäume und Kletterpflanzen benötigen rund sieben bis zehn Jahre, Rasen- oder bewässerte Systeme nur ein bis drei Jahre. Bewässerung beschleunigt sowohl die Etablierung als auch die Kühlung. Siehe dazu auch Figur 3. 

Anders gesagt: Die heute gepflanzte Kühlung kommt erst in einem Jahrzehnt voll zum Tragen. Diese Erkenntnis ist ein zentraler Punkt, wenn akute Hitze rasch gemindert werden soll. Genau hier setzt ein Argument für die operative Kühlung an: Schnell etablierte, bewässerte Systeme können die Zeit überbrücken, bis gepflanzte Bäume ihre volle Wirkung entfalten.

In der Schweiz hat dieser Befund konkrete Relevanz: Strassenbäume im dicht bebauten Raum werden oft nur 20 bis 25 Jahre alt. Ein möglichst optimales Baumwachstum zu ermöglichen, ist deshalb sehr relevant: So empfiehlt die Stadt Bern in ihrem Ansatz «Schwammstadt für Bäume» möglichst rund 36 m3 durchwurzelbaren Raum samt gespeichertem Wasser pro Baum, während heute vielerorts nur ein Bruchteil davon zur Verfügung steht [17]. 

Zwei Einschränkungen bleiben: Die simulierten Baumgruppen sind günstige Idealfälle, und die Kühlung wirkt vor allem direkt unter dem Kronendach, kaum im weiteren Umfeld. Die in Figur 3 und Tabelle 1 gelisteten Werte sind deshalb als Potenziale zu verstehen.

Tab. 1 Strukturelle und operative Kühlmassnahmen im Vergleich (Synthese aus beiden Dissertationen; Werte als Grössenordnungen und Potenziale zu lesen)
Merkmal Bäume/BGI (strukturell) Belagsbenetzung (operativ)
Dominanter Kühlmechanismus Beschattung und Verdunstung (Evapotranspiration) Verdunstung von der benetzten Oberfläche
Kühlwirkung (Grössenordnung) bis zu rund 5 °C Lufttemperatur lokal; «kein Hitzestress» an Durchschnittstagen möglich [14, 16] bis zu rund 2 °C Luft- und rund 15 °C Oberflächentemperatur [18]
Zeit bis zur vollen Wirkung Bäume rund 7–10 Jahre; bewässert/Rasen rund 1–3 Jahre [7] sofort (auf Abruf)
Wasserbedarf abhängig von Bodenfeuchte; Bewässerung auf Feldkapazität entscheidend [16] 2–5 mm/Tag wirksam; entspricht bei grossflächiger Anwendung rund 30–200 l/Person/Tag [18]
Am besten geeignet wo lockerer bebaute Zonen mit Pflanzraum und hohem Hitzerisiko dichte Strassenschluchten ohne Pflanzraum
Grenzen langsame Etablierung; bei Extremhitze allein ungenügend [16] Trinkwasser nur in Ausnahmen, alternative Wasserquellen nötig [18]

Operative Kühlung: Benetzen von Oberflächen

Dort, wo keine Begrünung möglich ist, z. B. in engen Strassenschluchten oder auf Flächen ohne Pflanzraum, kann das Benetzen von Belägen Verdunstungskühlung auf Abruf liefern. Das aktive Benetzen ist zudem eine alte Sommertradition, bereits über Jahrhunderte als «Uchimizu» in Japan praktiziert.

Versuche und Modellierungen zeigen, dass sich durch das Befeuchten versiegelter Oberflächen die Oberflächentemperatur um bis zu 15 °C und die Lufttemperatur um bis zu 2 °C senken lassen [18].
Wie viel, wann und wie oft benetzt werden soll, hat das Projekt mithilfe einer multikriteriellen Optimierung untersucht. Das Verfahren ermittelt diejenigen Strategien, die KĂĽhlwirkung und Wasserverbrauch optimal ausbalancieren, und deckt dabei 48 Kombinationen aus sechs globalen Klimatypen und acht lokalen Klimazonen ab.

Drei Befunde sind für die Praxis besonders relevant [13]. Erstens schöpfen moderate Wassermengen von rund 2 bis 5 mm pro Tag den grössten Teil der erreichbaren Kühlung aus; darüber nimmt der Zusatznutzen rasch ab. Zweitens sind Zeitpunkt und Häufigkeit wichtiger als die schiere Menge: häufiges, gut getaktetes Benetzen mit wenig Wasser ist wirksamer als seltene, intensive Gaben. Drittens setzt das Hintergrundklima das Ausmass der möglichen Kühlung (heisstrockene Bedingungen bieten das grösste Potenzial) fest, während die Geometrie des Strassenraums den optimalen Zeitpunkt bestimmt.

Dabei stellt sich die Frage nach dem Wasserverbrauch: Eine grossflächige Anwendung entspricht je nach bewässerter Fläche grob 30 bis 200 Litern pro Person und Tag [13]. Das sind substanzielle Mengen, die oftmals auch mit Trockenperioden zusammenfallen, wie z. B. im Hitzesommer 2026. Trinkwasser kommt deshalb nur in besonderen Fällen (z. B. gut ausgebaute Seewasserversorgung) infrage. Ob sich solche Massnahmen umsetzen lassen, hängt von den verfügbaren Wasserquellen ab. Ideal dafür ist gespeichertes Regenwasser, etwa aus einem Rückhaltebecken oder Teich. Hier greift das Schwammstadt-Prinzip direkt in der Praxis: Der gespeicherte Regen wird an Hitzetagen gezielt zur Kühlung genutzt.
In der Schweiz werden solche Massnahmen bereits getestet. Die Stadt Zürich hat ihre Hitzeminderung fachplanerisch verankert [19] und erprobt unter anderem Sprüh- und Belagsbenetzungsanwendungen im öffentlichen Raum. «Heat-Down» liefert dazu die quantitative Grundlage: das «Wieviel, Wann und Wieoft».

Damit wird die zentrale Botschaft des Projekts greifbar: Strukturelle Begrünung und operatives Benetzen sind keine Alternativen, sondern ergänzen sich. Wo Platz und Zeit für Bäume fehlen, springt das Benetzen ein; wo Bäume wachsen können, sichert gespeichertes Wasser ihre Kühlwirkung (Fig. 4).

 

Thermische Gerechtigkeit: AbkĂĽhlung fĂĽr alle

Massnahmen zur Hitzeminderung konkurrieren um knappen Raum, knappes Wasser und knappe Mittel. Damit werden das «Wo» und das «Wer profitiert» zu Planungsfragen. Das Hitzerisiko ist ungleich verteilt: Es ergibt sich aus der Exposition gegenüber Hitze und aus der Vulnerabilität der betroffenen Menschen. Die Orte, an denen Bäume am wirksamsten kühlen, fallen nicht zwingend mit den Orten zusammen, an denen die Relevanz am grössten ist.

Um das Hitzerisiko möglichst gut reduzieren zu können, wurde im Projekt ein räumliches Entscheidungsunterstützungssystem entwickelt [8]. Es verbindet die modellierte Veränderung des thermischen Komforts (gemessen über den Universal Thermal Climate Index, UTCI) mit einem Hitzerisiko-Index (gemäss Rahmenwerk des Weltklimarats [20]) sowie mit dem verfügbaren Pflanzraum, dem Regenwasserabfluss und der Bodenfeuchte. Daraus ergibt sich eine aggregierte Bewertung der thermischen Gerechtigkeit. Damit lassen sich jene Standorte identifizieren, an denen Bäume und Wasser den grössten Beitrag leisten.

Die Resultate für Zürich sind in Figur 5 zusammengefasst. Bereits eine gezielte Erhöhung des Kronendachs um lediglich 5% könnte an einem durchschnittlichen Sommertag rund 27 000 besonders gefährdete Personen passiv so schützen, dass sie «keinem Hitzestress» ausgesetzt sind. Mit aktiver Bewässerung steigt diese Zahl auf rund 78 000 [8].

Allein mit passivem Regenwasser ist der Nutzen gering und räumlich verstreut, unter anderem weil Niederschlag und Hitzewellen zeitlich oft nicht zusammenfallen. Bewässerung ist deshalb unverzichtbar. Dabei zeigt sich ein räumlicher Zielkonflikt: Grosse Baumgruppen lassen sich vor allem in den lockerer bebauten Zonen unterbringen, während das passiv verfügbare Regenwasser gerade in den dichten, tiefer gelegenen Quartieren am grössten ist, wo der Abfluss zusammenläuft [8]. In den dichtesten Quartieren fehlt zugleich der Platz für wirksame Baumgruppen, sodass operative Massnahmen die Lücke füllen müssen (vgl. Kap. «Operative Kühlung: Benetzen von Oberflächen»).

Der Begriff geht bewusst über die blosse Exposition hinaus. Thermische Gerechtigkeit umfasst die Verteilung der Kühlung, die Anerkennung struktureller Verletzlichkeiten und die tatsächliche Fähigkeit der Menschen, unter Hitzebedingungen zu funktionieren [8]. Eng damit verbunden ist die Warnung vor einer «thermischen Verlagerung»: Manche Massnahmen haben auch unbeabsichtigte Folgen, wie zum Beispiel eine Gentrifizierung eines Quartiers aufgrund der Aufwertung durch attraktive blau-grüne Infrastrukturen. Wirksame Kühlung darf deshalb nicht allein an ihrer lokalen Wirkung gemessen werden.

Fazit aus vier Jahren Forschung

Aus dem Projekt lassen sich drei Folgerungen ableiten:

1. Massnahmen kombinieren

Strukturelle und operative Ansätze müssen sich ergänzen. Bäume wirken langfristig und multifunktional. Das Benetzen von Belägen sorgt für sofortige, gezielte Kühlung, auch an Orten, wo Bäume nicht gepflanzt werden können.

2. Silos aufbrechen

Wasser ist die entscheidende Stellgrösse. Die Schwammstadt vereint Hochwasserschutz und Hitzeminderung. Daher müssen die Generelle Entwässerungsplanung (GEP) und die Regenwasser-Fachplanung untrennbar mit der Hitzeminderungs- und Stadtbaum-Planung zusammen gedacht werden.

3. Modelle transparent nutzen

Schnelle, validierte Modelle machen die Planung präziser. Ihre Grenzen, wie z. B. die Unterschätzung nächtlicher Hitze, die Auslegung auf Einzeltage und vereinfachte Geometrien, müssen jedoch intelligent in der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden.

Die institutionellen Rahmenbedingungen sind so günstig wie selten. Mit dem Schwammstadt-Konzept des BAFU [5], das auf der VSA-Richtlinie «Abwasserbewirtschaftung bei Regenwetter» [21] und dem GEP-Leitfaden [22] aufbaut, steht ein integraler Ansatz bereit. Dieser führt Verdunstung, Versickerung sowie Retention zusammen und ermöglicht es, den Wasserhaushalt präziser zu quantifizieren. Parallel dazu erarbeiten mehrere Städte entsprechende Fachpläne für Regenwasser, Hitzeminderung und Stadtbäume. Entscheidend ist nun, die Hitzeminderung nicht nur in diesen Fachplänen festzuschreiben, sondern rechtlich bindend in der Richt- und Nutzungsplanung sowie in Instrumenten wie der Bau- und Zonenordnung (BZO) zu verankern. Nur so entstehen blau-grüne Infrastrukturen systematisch und nicht nur als Einzelfall. Dies bietet die Chance, die Hitzeminderung über Tiefbau, Stadtgrün und Wasserwirtschaft hinweg integral und interdisziplinär zu planen.

Die grösste offene Frage betrifft den Schritt von der Wasserspeicherung zur gezielten Hitzeminderung. Zudem gilt es, die Dynamik mehrtägiger Hitzewellen und die Übertragbarkeit auf andere Städte zu untersuchen. Die Siedlungswasserwirtschaft muss hier ihre Fach- und Planungskompetenz einbringen, denn genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob aus dem «nicht verschmutzten Abwasser» von gestern die Hitzeminderung von morgen wird.

Bibliographie

[1] Copernicus Climate Change Service (2026): European State of the Climate 2025. Copernicus Climate Change Service (C3 S), implemented by ECMWF, with WMO

[2] BAFU (2025): Klima-Risikoanalyse fĂĽr die Schweiz. Bundesamt fĂĽr Umwelt (BAFU): Bern

[3] Bundesamt fĂĽr Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz (2025): Klimaszenarien CH2025. ZĂĽrich

[4] Probst, N., et al. (2022): Blue Green Systems for urban heat mitigation: mechanisms, effectiveness and research directions. Blue-Green Systems, 4(2): p. 348–376

[5] BAFU (2025): Konzept Schwammstadt. Bundesamt fĂĽr Umwelt, Bern.

[6] Bröde, P., et al. (2012): Deriving the operational procedure for the Universal Thermal Climate Index (UTCI). International journal of biometeorology. 56(3): p. 481–494

[7] Gobatti, L., et al. (2003): Using satellite imagery to investigate Blue-Green Infrastructure establishment time for urban cooling. Sustainable Cities and Society. 97: p. 104 768

[8] Gobatti, L. (2026): Urban greenery and water management to operationalise Thermal Justice. ETH ZĂĽrich: ZĂĽrich

[9] Stewart, I.D.; Oke, T.R. (2012): Local climate zones for urban temperature studies. Bulletin of the American Meteorological Society. 93(12): p. 1879–1900

[10] Bruse, M. (2004): ENVI-met 3.0: updated model overview. University of Bochum. Retrieved from: www. envi-met. com. 3

[11] Back, Y., et al. (2023): Integrating CFD-GIS modelling to refine urban heat and thermal comfort assessment. Science of the Total Environment. 858: p. 159 729

[12] Broadbent, A.M., et al. (2019): The air-temperature response to green/blue-infrastructure evaluation tool (TARGET v1. 0): an efficient and user-friendly model of city cooling. Geoscientific Model Development. 12(2): p. 785–803

[13] Chen, J. (2026): Model-based planning support for urban heat mitigation through water-driven cooling strategies. ETH ZĂĽrich: ZĂĽrich

[14] Chen, J., et al. (2024): Investigating the efficacy of a fast urban climate model for spatial planning of green and blue spaces for heat mitigation. Science of The Total Environment. 955: p. 176 925

[15] Chen, J., et al. (2026): An open-source GIS user interface for the TARGET climate model in the Urban Multi-scale Environmental Predictor (UMEP) tool. Environmental Modelling & Software: p. 107 043

[16] Gobatti, L., et al. (2025): Impact of soil moisture content on urban tree evaporative cooling and human thermal comfort. npj Urban Sustainability. 5(1): p. 26

[17] Stadt Bern: Schwammstadt für Bäume. Stadtgrün Bern: Bern

[18] Chen, J., et al. (2025): Modelling pavement watering effects on urban heat mitigation with a fast urban climate model. Sustainable Cities and Society. 124: p. 106 313

[19] Stadt ZĂĽrich (2020): Fachplanung Hitzeminderung. Stadt ZĂĽrich: ZĂĽrich

[20] IPCC (20 23): Climate Change 2023: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Geneva, Switzerland

[21] VSA (2019): Richtlinie «Abwasserbewirtschaftung bei Regenwetter». Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA): Glattbrugg

[22] VSA (2025): Leitfaden GEP. Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA): Glattbrugg

Begriffe

Schwammstadt

Konzept, gemäss dem Niederschlag wie ein Schwamm vor Ort aufgenommen, gespeichert und über Verdunstung, Versickerung und Retention verzögert abgegeben wird, eingesetzt zur Minderung von Überschwemmungen und Hitze, zur Förderung von Biodiversität und zur Steigerung der urbanen Lebensqualität [5].

Blau-GrĂĽne Infrastruktur (BGI)

Strategisch geplante, pflanzen- oder wasserbasierte Elemente mit Potenzial zu Ökosystemleistungen und besserer Vernetzung von Naturräumen [4].

UTCI (Universal Thermal Climate Index)

Index für die thermische Belastung des Menschen, der Temperatur, Feuchte, Wind und Strahlung kombiniert. Der Index ist in Belastungsklassen unterteilt; «ohne Hitzestress» ist dabei die Klasse mit einem UTCI zwischen +9 und +26 °C, bei der keine relevante Wärmebelastung besteht. [6].

Cooling Establishment Time (CET)

Zeit, die eine Begrünung bis zur stabilen Kühlleistung benötigt [7].

Thermische Gerechtigkeit (Thermal Justice)

Minderung von Hitzerisiken über eine gerechte Verteilung der Kühlung, die Anerkennung von Verletzlichkeiten und die Fähigkeit, sicher unter Hitze zu funktionieren, ohne Lasten räumlich, zeitlich oder technologisch zu verlagern [8].

Lokale Klimazone (LCZ, Local Climate Zone)

Standardisierte Einteilung städtischer und natürlicher Flächen nach ihrem thermischen Verhalten, abgeleitet aus Bebauungsdichte, Gebäudehöhe und Oberflächenbedeckung. Die bebauten Typen reichen von kompakter Hochhausbebauung bis zu locker bebauten Quartieren. Im Artikel stehen LCZ 2 für dicht, LCZ 5 für offen mittelhoch und LCZ 6 für offen niedrig bebaute Gebiete [9].

Uchimizu

Traditionelle japanische Sommerpraxis, bei der Wasser auf Strassen und Plätze gesprengt wird, um durch Verdunstung lokal zu kühlen und Staub zu binden.

Das Planbrettspiel «Thermal Justice»

 

Wie lässt sich Kühlung gerecht verteilen, wenn Wasser, Platz, Energie und Geld knapp sind? Im Projekt entstand dazu das kooperative Planspiel «Thermal Justice». Eine Spielgruppe verwaltet fünf Quartiere und versucht, über mehrere Runden möglichst alle Menschen vor Hitze zu schützen, während Ereigniskarten Hitzewellen und Engpässe simulieren. Das Spielbrett ist einem Architektur-Projektboard nachempfunden. Die Ausgangslage ist bewusst anspruchsvoll gewählt: In rund einem von fünf Durchläufen gelingt die thermische Gerechtigkeit – aber nur mit guter Koordination und klaren Prioritäten. Das Spiel wurde sowohl an einem Eawag-Seminar als auch mit Studierenden in Brasilien und Kolumbien erprobt. Es macht die Abwägungen erfahrbar, die hinter der Karte aus Figur 5 stehen.

Das Spielmaterial kann über folgenden Link bezogen werden: https://doi.org/10.3929/ethz-c-000796393

Danksagung und Software

Das Projekt «Heat-Down» wurde vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert (Projektnr: 200 021_201 029). Das TARGET-Modell und das UMEP-Plugin für QGIS sind frei verfügbar (Open Source – Download und Installation über den Link: https://umep-docs.readthedocs.io/) und erlauben Fachleuten, eigene Szenarien zu rechnen.

Die Resultate stammen aus den Dissertationen von Jixuan Chen und Lucas Gobatti (ETH ZĂĽrich). Dank gebĂĽhrt auch den beteiligten Mitarbeitenden und Partnern.

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