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Fachartikel
03. Dezember 2019

Wasserversorgungen im Vergleich

Benchmarking light

Benchmarking ist ein ideales Instrument in der Wasserversorgungsbranche, um sich zu vergleichen sowie technische und betriebswirtschaftliche Optimierungspotenziale zu ermitteln. Im Jahr 2018 wurde ein Benchmarkingprojekt für Wasserversorgungen auf Basis der Wasserstatistik des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches (SVGW) durchgeführt, das zu wertvollen Erkenntnissen führte. Für 2020 ist ein weiteres Benchmarkingprojekt mit Fokus auf die Finanzierungssicherheit der Wasserversorgungen vorgesehen.
Jürg Kappeler, Astrid Melzer, 

BENCHMARKING FÜR WASSERVERSORGUNGEN

Benchmarking bezeichnet das systematische Vergleichen und Analysieren von Produkten, Dienstleistungen, Methoden, Prozessen usw. von mehreren Unternehmen. Da Wasserversorgungen keinem direkten Wettbewerbsdruck unterliegen, können Benchmarkingprojekte ein geeignetes Instrument sein, deren Leistungsfähigkeit zu beurteilen und dabei sowohl Stärken als auch Schwächen sowie Optimierungspotenziale zu finden. Darüber hinaus tragen sie zum wertvollen Erfahrungsaustausch zwischen den Unternehmen bei.

SVGW-Statistik

Seit über hundert Jahren führt der SVGW statistische Erhebungen durch, bei denen die Mitgliedswasserversorgungen Angaben zu verschiedensten Themen machen. Mittlerweile fliessen jährlich die Angaben von über 600 Wasserversorgungsunternehmen in die Wasserstatistik ein. Diese beinhaltet zwischen 200 und 370 Einzelpositionen. Erfasst werden beispielsweise die Themen Wassergewinnung und -abgabe, Tarife und Finanzen sowie Personal, Energie und Störungen. Alle fünf Jahre werden zusätzlich Daten zu Wasseraufbereitung, -speicherung und -verteilung erhoben. Gesamthaft liegen dem SVGW also umfangreiche Informationen zu den Wasserversorgungsunternehmen vor.

Benchmarking light 

Für das Projekt «Benchmarking light für Wasserversorgungen 2018» wurden die Datenserien der teilnehmenden Wasserversorgungen der SVGW-Datenbank genutzt. Das Bezugsjahr war 2017, für einige Betrachtungen wurden zudem Daten aus weiter zurückliegenden Jahren herangezogen. Die verwendeten Daten wurden bezüglich ihrer Plausibilität geprüft und zur Bildung von relevanten Kennzahlen genutzt. Für einen besseren Vergleich wurden viele der Kennzahlen auf verschiedene Einflussgrössen bezogen. Die wichtigsten Bezugsgrössen sind die verrechnete Wasserabgabe und die Länge des Verteilnetzes. In sämtlichen Figuren sind die Wasserversorgungsunternehmen anonymisiert dargestellt und aufsteigend nach ihrer gesamten jährlichen Wasserabgabe sortiert. Die Ergebnisse wurden unter den Projektteilnehmern anlässlich eines Workshops offen diskutiert. Die meisten Grafiken sind mit einem Vergleichswert ergänzt. Dabei handelt es sich entweder um den Median- oder um den Mittelwert der jeweiligen Kennzahl sämtlicher Wasserversorgungen, die ihre Daten innerhalb der SVGW-Statistik erheben. Nachfolgend werden die wichtigsten Erkenntnisse des Projektes erläutert.

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ERKENNTNISSE

Charakterisierung der Unternehmen

2018 nahmen 16 Wasserversorgungsunternehmen am Projekt «Benchmarking light für Wasserversorgungen» teil. Sie versorgen zwischen 1300 und 215 000 Einwohner mit Trinkwasser – insgesamt ca. 410 000 Einwohner, dies entspricht rund 5% der Schweizer Bevölkerung.
Figur 1 zeigt die verschiedenen Ressourcen der Wasserversorgungsunternehmen. Bezogen auf die Wasservorkommen der teilnehmenden Versorger werden ca. 40% Quellwasser, 42% Grundwasser und 6% Seewasser gefördert, 12% werden von anderen Wasserversorgungen beschafft.
Summarisch wird bei fast allen Wasserversorgungsunternehmen über 50% des Trinkwassers an Haushalte sowie Gewerbe- und Industriebetriebe abgegeben (Fig. 2). Bei drei Unternehmen ist dieser Anteil geringer, da diese über 40% ihres Trinkwassers an Grossbezüger abgeben.
Die Zubringer-, Haupt- und Verteilleitungen sowie Hausanschlussleitungen ergeben die Leitungsnetze der Wasserversorgungen (Fig. 3). Im Durchschnitt bestehen sie zu 34% aus Hausanschlussleitungen, die entweder im Besitz der Wasserversorgungen oder Privateigentum sind.
Die Leitungslänge beeinflusst die kostenrelevante Kennzahl der spezifischen Netzabgabe. Die spezifische Netzabgabe (Fig. 4) entspricht der verrechneten Wasserabgabe bezogen auf die Leitungslänge im Eigentum der Wasserversorgung. Eine hohe spezifische Netzabgabe wirkt positiv auf die Gesamtkosten resp. die Kostendeckung und ist von der Wasserabgabemenge (vor allem an Grosskunden) abhängig.

Netz und Unterhalt

Eine wichtige Aufgabe zur Sicherstellung des Betriebs ist das Beheben von Leitungsschäden. Figur 5 zeigt die spezifische Anzahl an Schäden im Verteilnetz pro Kilometer Leitungslänge. Bei allen Wasserversorgungen liegt diese unter 0,3 Schäden pro Kilometer und Jahr. Gemäss SVGW-Regelwerk [1] liegt eine mittlere Schadensrate an Haupt- und Versorgungsleitungen im städtischen Bereich vor, wenn zwischen 0,15 und 0,3 Schäden pro km und Jahr vorkommen. Die häufigste Schadensursache ist Korrosion. Die Netzverluste (Fig. 6), bezogen auf die Länge des Verteilnetzes, variieren zwischen 0,05 m³/km*h und 0,9 m³/km*h. Der SVGW beurteilt reale Netzverluste über 0,15 m³/km*h im städtischen Bereich als hoch [2]. Auch wenn die Netzverluste die unechten Netzverluste umfassen, ist deren Vergleichbarkeit gewährleistet. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Schadensanzahl und den Netzverlusten ist nicht bei jedem Wasserversorgungsunternehmen sichtbar. Denkbare Gründe hierfür wären einerseits nicht detektierte Schäden und andererseits die in der Erhebung berücksichtigten unechten Netzverluste.
Um zukünftigen Schäden und Netzverlusten entgegenzuwirken und allenfalls schadanfällige Leitungsmaterialien (z. B. vor 1980 verlegte Grau- und Duktilgussleitungen) zu ersetzen, verfolgen die Wasserversorgungen unterschiedliche Werterhaltungsstrategien. Die Rehabilitationsraten der Jahre 2014 bis 2017 für das Verteilnetz und die Hausanschlussleitungen sind in Figur 7 dargestellt. Demnach ersetzten die Unternehmen pro Jahr im Durchschnitt 1,4% des Leitungsnetzes. Der SVGW empfiehlt eine jährliche Rehabilitationsrate von ca. 1,5% [3]. Aus der Diskussion während des Workshops ging hervor, dass Rehabilitationsmassnahmen oft im Zusammenhang mit Leitungseingriffen anderer Sparten vorgenommen werden.

Kosten und Finanzierung

Die Kosten bezogen auf die verrechnete Wasserabgabe zeigt Figur 8. Diese variieren zwischen 0.90 und 3.20 Franken pro Kubikmeter. Die mittleren Gesamtkosten der teilnehmenden Wasserversorgungen liegen bei 1.90 Franken pro Kubikmeter. Tendenziell sind die Gesamtkosten bei den kleineren Wasserversorgungen höher als bei den grösseren. Zu berücksichtigen ist, dass es sich in dieser Betrachtung bei den Abschreibungen (und Zinsen) um die effektiven Kapitalkosten der Versorgungsunternehmen handelt.
Die Einnahmen der Wasserversorgungen setzen sich aus einmaligen und jährlich wiederkehrenden Erträgen resp. Gebühren zusammen (Fig. 9). Die Werke nehmen zwischen 1.80 und 3.20 Franken pro Kubikmeter verrechneter Wassermenge ein. Figur 9 zeigt die sehr heterogene Zusammensetzung der Einnahmen. Durchschnittlich werden die Einnahmen zu 55% über die Mengengebühren und zu 25% über die Grundgebühren generiert. Aus Figur 10 geht hervor, dass der Anteil der Grundgebühren an den wiederkehrenden Einnahmen zwischen 0 und knapp 70% variiert. Um die Abhängigkeit der Wasserversorgungen von der bezogenen Wassermenge trotz des hohen Anteils an Fixkosten zu vermindern, empfiehlt der SVGW, dass die Grundgebühr zwischen 50 und 80% der jährlichen Kosten decken sollte [3].
In Figur 11 ist der Anteil der Betriebskosten an den wiederkehrenden Einnahmen dargestellt. Für die meisten Wasserversorgungen resultiert zur Finanzierung von Investitionen resp. für Abschreibungen und Zinsen eine vernünftige Differenz. Bei drei Wasserversorgungen sind die Betriebskosten und die Einnahmen aus jährlich wiederkehrenden Gebühren etwa gleich hoch. Dies bedeutet, dass allfällige Kapitalkosten resp. Abschreibungen von Verwaltungsvermögen aus Nettoinvestitionen nicht über die jährlich wiederkehrenden Gebühreneinnahmen gedeckt werden können. Ist das über mehrere Jahre der Fall, so werden entweder hohe Erträge aus Anschlussgebühren realisiert, oder diese Unternehmen sollten ihre Gebühren voraussichtlich kurz- bis mittelfristig erhöhen.
Um belastbare Aussagen bezüglich der längerfristigen Finanzierung von Investitionen anhand des Selbstfinanzierungsgrades treffen zu können, ist dieser über mehrere Jahre zu betrachten. Der Selbstfinanzierungsgrad, der sich aus der Differenz sämtlicher Einnahmen und Kosten (exkl. Abschreibungen) bezogen auf die Investitionskosten zusammensetzt, ist der Einfachheit halber in Figur 12 für das Jahr 2017 für die verschiedenen Wasserversorgungen dargestellt. Demnach nahm in diesem Jahr die Verschuldung bei mehreren Wasserversorgungen zu.
Um grob zu beurteilen, ob die jährlichen Einnahmen (inkl. Anschlussgebühren) der Wasserversorgungen ausreichen, um die anfallenden Kosten zu decken, wurde ein Grobcheck durchgeführt. Dieser erfolgt über die jeweiligen Verhältnisse von Eigenkapital zu Betriebskosten und von Einnahmen (inkl. Anschlussgebühren) zu Betriebskosten. Sind die Einnahmen deutlich höher als die Betriebskosten, können daraus die Kapitalkosten mitfinanziert werden. Gemäss Erfahrungswerten ist dies bei einem Verhältnis von Einnahmen zu Betriebskosten ab etwa 1,5 der Fall. Ist das Eigenkapital deutlich grösser als die Betriebskosten, können vorübergehend Defizite der Jahresrechnung ausgeglichen werden, sodass die Finanzierung mittelfristig ausreicht. Potenziell kritisch ist die Finanzierung bei den Wasserversorgungen, die im rötlich markierten Bereich liegen (Fig. 13). Langfristig betrachtet, ist vermutlich eine ausreichende Finanzierung bei den Unternehmen 2, 5 und 15 nicht sichergestellt. Bei diesen Versorgungsunternehmen ist auch der Selbstfinanzierungsgrad 2017 sehr gering.
Der durchschnittliche Wasserpreis für die Einwohner des Versorgungsgebietes wird in Figur 14 dargestellt und mit dem von der Preisüberwachung (Eidgenössisches Department für Wirtschaft, Bildung und Forschung, WBF) angegebenen maximalen Wasserpreis für Standardhaushalte, die anhand von statistischen Daten definiert sind, im Falle einer Gebührenanpassung1 verglichen [4]. Um den mittleren Wasserpreis zu erheben, gibt der SVGW innerhalb der Wasserstatistik detaillierte Annahmen für ein Ein-2 und ein Mehrfamilienhaus3 vor, anhand deren die Wasserversorgungen den durchschnittlichen Wasserpreis bestimmen. Einwohner eines Einfamilienhauses zahlen, verglichen mit Einwohnern eines Mehrfamilienhauses, durchschnittlich etwa 25% mehr (Fig. 14). Der mittlere Wasserpreis pro Kubikmeter schwankt zwischen 0.85 und 3.10 Franken. Anzumerken ist, dass anhand des Wasserpreises keinerlei Aussagen zur Sicherstellung der Finanzierung zu treffen sind, da hier lediglich die Einnahmen resp. die Gebührenhöhen betrachtet werden.

FAZIT

Das Projekt «Benchmarking light für Wasserversorgungen» zeigt, dass sowohl der Datenpool der SVGW-Wasserstatistik als auch der darin enthaltene Informationsgehalt sehr gross und die darauf aufbauenden Erkenntnisse aussagekräftig sind. Erfahrungen aus früher durchgeführten Projekten zeigten, dass der Aufwand der Datenerhebung für traditionelle Benchmarkingprojeke normalerweise gross ist. Dieser Aufwand wurde durch die Datenübernahme aus der SVGW-Wasserstatistik eliminiert.
Die Vertreter der teilnehmenden Wasserversorgungen beurteilten das Projekt positiv, die Datenerhebung im Rahmen der SVGW-Wasserstatistik als einfach und sprachen ihr Interesse an einer Projektwiederholung aus. Sie zogen individuelle Schlussfolgerungen, schätzten besonders die Diskussionen anlässlich des Workshops und tauschten sich bezüglich strategischer sowie betrieblicher Aspekte aus.

AUSBLICK

Aufgrund des positiven Feedbacks der teilnehmenden Wasserversorgungen wird eine Wiederholung des Projektes 2020 mit Fokus auf die Finanzierungssicherheit der Wasserversorgungen angestrebt. Zukünftig werden die Kosten und Einnahmen über mehrere Jahre betrachtet, so dass verlässlichere Aussagen zu Kostendeckung und Selbstfinanzierungsgrad getroffen werden können. Ein Benchmarkingprojekt, an dem gezielt ausgewählte Wasserversorgungen, wie beispielsweise Seewasserwerke, Verbände oder Wasserversorgungen bestimmter Grösse, teilnehmen, könnte den Informationsgewinn weiter vergrössern.

1 innerhalb der Vorprüfung (2.40 Fr. pro m³, Stand September 2018)
2 Wasserpreisberechnung Einfamilienhaus: Wasserverbrauch 200 m3/a, Zählergrösse 3/4’ (20 mm), Nenndurchfluss 2,5 m3/h, Belastungswerte 40, Spitzenvolumenstrom 0,8 l/s, Gebäudeversicherungswert 500 000 Fr., Gebäudevolumen 1750 m3, Arealfläche 500 m2
3 Wasserpreisberechnung Mehrfamilienhaus (6 Wohnungen): Wasserverbrauch 1200 m3/a, Zählergrösse 5/4’ (32 mm), Nenndurchfluss 6 m3/h, Belastungswerte 200, Spitzenvolumenstrom 1,3 l/s, Gebäudeversicherungswert 2 000 000 Fr., Gebäudevolumen 2500 m3, Arealfläche 1000 m2

Bibliographie

[1] SVGW (2013): Richtlinie für Wasserverteilung W4 – Planung, Projektierung, Bau, Prüfung sowie Betrieb und Instandhaltung der Trinkwasserverteilung ausserhalb von Gebäuden; Teil 4 Betrieb und Instandhaltung
[2] SVGW (2013): Richtlinie für Wasserverteilung W4 – Planung, Projektierung, Bau, Prüfung sowie Betrieb und Instandhaltung der Trinkwasserverteilung ausserhalb von Gebäuden; Teil 5 Themenblatt 2 Wasserbilanz
[3] SVGW (2009): Empfehlung zur Finanzierung der Wasserversorgung W1006
[4] Preisüberwachung (PUE), Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF (Oktober 2018): Anleitung und Checkliste zur Festlegung der Gebühren in den Bereichen Wasser und Abwasser; Bern

Danksagung 

Ein besonderer Dank für die Unterstützung des Benchmarkingprojekts gilt den teilnehmenden Wasserversorgungen und deren Vertretern sowie Matthias Freiburghaus vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches, der auch gerne für Auskünfte zum Benchmarkingprojekt 2020 zur Verfügung steht:
m.freiburghaus@svgw.ch

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