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30. Dezember 2025

Grundwasserschutz

«Wir leben hier nicht in einem Nationalpark»

Roman Lindegger befasst sich schon seit vielen Jahren mit dem Fassungseinzugsgebiet von Trinkwasserfassungen. Er hat als Experte an der Revision der W2 mitgearbeitet und konnte dort sein Wissen und seine Erfahrungen zu diesem Thema einbringen. Im Interview sprechen wir mit ihm darüber, warum es für Wasserversorger wichtig ist, das Fassungseinzugsgebiet zu kennen.
Christos Bräunle 

Wenn ich an Hydrogeologie denke, stelle ich mir eine Arbeit vor, bei der man viel draussen ist. Stimmt das?

Es ist in der Tat eine Arbeit, bei der man viel draussen im Gelände ist. Zwar arbeitet man heute in der Hydrogeologie vielfach mit bereits bestehenden Daten und mit mathematischen Modellen am Computer, die Feldarbeit bleibt aber weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Berufsalltags. Gerade bei der Ermittlung eines Fassungseinzugsgebiets braucht es viel klassische Arbeit im Feld, um ein regionales Konzeptmodell der Wasserflüsse im Untergrund zu erarbeiten. Es ist auch viel Erfahrung nötig, um die relevanten Prozesse und Zusammenhänge richtig zu erkennen.

Was versteht man unter einem Fassungseinzugsgebiet?

Es geht darum, die Gebiete zu bestimmen, aus denen das Grundwasser stammt, das im Untergrund zur Fassung fliesst. Auf der Grundlage der Natur und der Geometrie der Schichten im Untergrund wird das Gebiet abgegrenzt, woher Wasser möglicherweise zur Fassung gelangen kann.

Warum ist es wichtig, dieses Gebiet zu kennen?

Für die risikobasierte Qualitätssicherung muss als allererster Schritt das Fassungseinzugsgebiet bekannt sein, denn dort findet die Grundwasserneubildung statt. Somit ist es die eigentliche Produktionsstätte für das Rohwasser und damit das erste Element im Betrieb einer Wasserversorgung. Deshalb ist es als Versorgung wichtig, über den Tellerrand der Schutzzone hinaus in dieses Gebiet zu schauen. Was dort passiert, beeinflusst die Rohwasserqualität direkt. Die Schutzzone ist lediglich der Bremsweg auf den letzten Metern, bevor das Wasser verteilt wird. Dort können nur unmittelbare Verunreinigungen verhindert werden. Die chemische Qualität des Rohwassers wird hauptsächlich im übrigen Fassungseinzugsgebiet bestimmt. Für die Versorgung ist es deshalb wichtig, die Gefahren in diesem Gebiet zu kennen. Denn von diesen kann ein Risiko für die Trinkwassersicherheit ausgehen.

Darf es im Fassungseinzugsgebiet Gefahren geben?

Die Schweiz ist insbesondere im Mittelland dicht besiedelt und wir leben nicht in einem Nationalpark. Es gibt verschiedene wirtschaftliche Aktivitäten und Nutzungen auf engem Raum. Diese können die Wasserqualität beeinflussen. Allerdings geht nicht von jeder Gefahr immer ein hohes Risiko aus. Es kann sein, dass Objekte, wie beispielsweise eine Tankstelle oder eine Eisenbahnlinie in der Nähe einer Schutzzone eine Gefahr darstellen, das Risiko aber mittels baulicher Schutzmassnahmen auf ein akzeptables Niveau vermindert werden kann oder der natürliche Schutz aufgrund der Untergrundverhältnisse bereits ausreichend ist. Dort, wo man Gefahren erkennt, sollten diese beurteilt und entsprechend Massnahmen zur Risikobeherrschung geprüft werden. Dies kann beispielsweise auch ein angepasstes Messprogramm sein oder schlicht die Information an Industriebetriebe, dass diese sich im Fassungseinzugsgebiet der Wasserversorgung der Gemeinde befinden und ein Unfall das Trinkwasser verunreinigen könnte. Niemand möchte die Trinkwassersicherheit gefährden. Deshalb ist es wichtig, dass bekannt ist, dass in gewissen Gebieten ein besonders sorgsamer Umgang notwendig ist und bei einem Problem die Wasserversorgung informiert wird.

 

Was sind typische Gefährdungen?

Es gibt sehr viele unterschiedliche Gefährdungen. Das können alle möglichen Anlagen, Nutzungen, Tätigkeiten und Objekte sein. Von der Kiesgrube über das Pfadilager bis hin zu belasteten Standorten. Auch Renaturierungsprojekte, Naturgefahren wie Hochwasser oder Veränderungen der Wasserqualität aufgrund der natürlichen Saisonalität zählen dazu. Wir haben in der Revision der W2 einen ganzen Katalog von möglichen Gefahren sowie eine pragmatische Herangehensweise zu deren Risikobeurteilung erstellt. Daran können sich die Versorgungen orientieren, um auch im Fassungseinzugsgebiet die risikobasierte Qualitätssicherung umzusetzen.

Was ist die Rolle der Brunnenmeisterinnen?

Die Brunnenmeister und Brunnenmeisterinnen sind die Personen, welche am meisten vor Ort sind. Sie haben bereits vieles erlebt und bringen wertvolle Erfahrungen mit. Oft kennen sie bereits bestimmte Gefahrenquellen aus dem täglichen Betrieb oder können Hinweise geben, welche qualitativen Veränderungen saisonal bedingt sind. Letztendlich ist die Grundwasserqualität im Fassungseinzugsgebiet aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das kann weder die Wasserversorgung noch der Kanton allein lösen. Die Rolle der Wasserversorgung ist es, bei den Konsumentinnen und Konsumenten sichtbar zu machen, aus welchen Gebieten das Wasser herkommt, das wir trinken. Das trägt dazu bei, die Grundversorgung als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung zu verankern.

Zur Person

Roman Lindegger hat an der Universität Neuchâtel Hydrogeologie studiert, baute in den letzten Jahren die Plattform Grundwasserschutz auf und überarbeitete für den Bund die Grundlagen zur Bemessung des Zuströmbereichs. Weiter lehrt er Grundlagen zur Hydrogeologie in der Brunnenmeisterausbildung in der Westschweiz. Dieses Jahr gründete er die Wasserwerkstatt AG, die Wasserversorgungen Beratungsleistungen im Bereich der angewandten Hydrogeologie anbietet.

Kontakt: mail@wasserwerkstatt.ch, 026 401 85 85

Dossier Trinkwasserschutz im Wasserspiegel 04/2025

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Wasserspiegel erschienen.

Link zur vollständigen Ausgabe des Wasserspiegels

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