Plattform für Wasser, Gas und Wärme
Fachartikel
01. April 2026

Trinkwasserversorgung

Vom Einzelkämpfer zum Teamplayer

Das Grundprinzip der Trinkwasserversorgung hat sich seit der Antike kaum verändert. Bereits die Römer versorgten die Bevölkerung in den Städten über ein Trinkwassernetz. Im Gegensatz zu früher steigen aber die bereits hohen Ansprüche an Qualität und Verfügbarkeit laufend. Das macht eine weitere Professionalisierung der Versorgung notwendig.
Christos Bräunle 

Bereits im alten Rom wurden umliegende Quellen gefasst und deren Wasser in die Stadt geleitet, um den steigenden Trinkwasserbedarf der Bevölkerung zu decken. Die antike Metropole wurde über insgesamt elf Wasserleitungen – sogenannte Aquädukte – mit Trinkwasser versorgt. Die Wasserleitungen nach Rom erstreckten sich über insgesamt 504 Kilometer, wobei ungefähr 430 Kilometer davon unterirdisch in Freispiegelleitungen geführt wurden. In der Stadt angekommen, wurde das Wasser dann in grosse Sammelbecken geleitet, von wo es über Rohrleitungen aus Blei oder Ton die öffentlichen Brunnen gespiesen hat und in die Bäder, aber zum Teil auch an Privathäuser verteilt wurde. Im Kern funktioniert die Trinkwasserversorgung auch über 2000 Jahre später noch nach demselben Prinzip. Und auch sonst finden sich zahlreiche Parallelen zur Antike: Bereits damals waren staatlich beauftragte Monteure – die sogenannten aquarii – für den Betrieb und die Instandhaltung der Infrastruktur zuständig. Und schon die Römer vergaben teilweise selbstständigen Firmen Aufträge für den Bau von Wasserleitungen. Sogar Belege zu Wasserdiebstahl sind überliefert. So finden sich Berichte darüber, dass Wasser von den Zuleitungen abgezweigt wurde, um Felder oder Gärten zu bewässern. Und es bestand bereits ein Bewusstsein für Aspekte der Trinkwasserqualität. Schon damals wurde vor den negativen gesundheitlichen Folgen von Bleirohren gewarnt.

Hohe Qualitätsanforderungen

Während sich das Grundprinzip der Trinkwasserversorgung seit der Antike kaum verändert hat, sind die regulatorischen Vorgaben, aber auch die Ansprüche der Konsumentinnen und Konsumenten an die Verfügbarkeit und Qualität des Trinkwassers stetig gestiegen. Die Funktion der römischen aquarii ist daher kaum mehr mit der Funktion des Brunnenmeisters heute zu vergleichen. Dessen Aufgaben reichen mittlerweile vom technischen Betrieb über die Gewährleistung der Versorgungs- und Lebensmittelsicherheit bis hin zur Kommunikation mit den Endabnehmerinnen. Zahlreiche Nutzungskonflikte machen die Aufgabe, jederzeit qualitativ einwandfreies Trinkwasser in ausreichender Menge bereitzustellen, nicht einfacher. Wasserversorger sind heute mit verschiedenen Risiken konfrontiert, die von Siedlungen, Deponien, Strassen, Gebäuden und landwirtschaftlichen sowie industriellen Tätigkeiten ausgehen können und die sie beherrschen müssen, um jederzeit eine einwandfreie Trinkwasserqualität zu gewährleisten. Das setzt nicht nur ein vertieftes Wissen über den nachhaltigen Bau und Betrieb der Versorgungsinfrastruktur sowie Massnahmen zur Bewertung und Absicherung von möglichen Gefahren voraus. Es verlangt zudem eine kontinuierliche Qualitätskontrolle und nicht zuletzt auch die Information der Bevölkerung über die Trinkwasserqualität und umgesetzte Massnahmen zu deren Sicherstellung.

 

Professionalisierung als Absicherung

Die steigenden regulatorischen Anforderungen sind gerade für kleinere Versorgungen eine Herausforderung, da diese oft nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung haben. Während grosse Versorger in der Lage sind, Expertinnen und Experten einzustellen, übernehmen in kleineren Versorgungen in der Regel die Brunnenmeister den Grossteil der Aufgaben. Sie sind für die Einhaltung der Lebensmittelgesetzgebung und die Umsetzung der Trinkwasserverordnung zuständig, haben gemäss gesetzlich verlangter Selbstkontrolle die Pflicht, einen risikobasierten Ansatz zu fahren und müssen das Ganze im Rahmen der Qualitätssicherung auch noch dokumentieren. Hinzu kommt neben Instand- und Wartungsarbeiten dann nicht selten auch noch die Kommunikation mit der Bevölkerung. Alle diese Aufgaben kann eine Person als Einzelkämpfer kaum noch bewältigen. Vielerorts wird daher nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Versorgern gesucht oder ein externer Dienstleister mit Betrieb und Unterhalt beauftragt. Letzteres kann sinnvoll sein, hat aber den Nachteil, dass in den Gemeinden das Wissen über die Versorgung verloren geht. Brunnenmeister kennen den Zustand der Anlage. Sie wissen beispielsweise, wo die Schwachstellen und Risiken liegen, und kennen den Zustand und das Alter der Leitungen. Dieses Wissen darf nicht nur in den Köpfen der Verantwortlichen sein, sondern muss dokumentiert werden. Der Weg geht daher klar hin zum Team- und Verbunddenken. Neben der Betriebsführung durch grössere Versorger oder externe Dienstleister können auch Zweckverbände oder Kooperationen dabei helfen, die Last, aber auch die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. So können beispielsweise regionale Brunnenmeisterpools gemeinsame Beschaffungs- und Bereitschaftsdienste bilden und so ihre Professionalisierung über Koordination statt Wachstum erreichen. Nicht selten bedeutet das auch einen Kulturwandel, weg vom «das haben wir immer so gemacht» hin zu nachvollziehbaren und überprüfbaren Abläufen.

Was tut der SVGW?

Kleine Versorger müssen nicht alles selbst entwickeln, sondern können vorhandenes Fachwissen und bestehende Instrumente nutzen. Der SVGW bietet den Trinkwasserversorgern Richtlinien und Empfehlungen zu allen Prozessschritten von der Gewinnung (W9/W10) über die Aufbereitung (W13/W1016) bis hin zur Speicherung (W6) und Verteilung (W4/W3) an und stellt zahlreiche Merkblätter bereit. Mit der W12 liegt zudem ein Regelwerk vor, das eine guten Verfahrenspraxis – also die Einhaltung der Regeln der Technik sowie das Risikomanagement im Rahmen der Selbstkontrolle – über den gesamten Versorgungsprozess abdeckt. Das SVGW-Regelwerk hilft, im konkreten Fall die Gesetze umzusetzen, indem es Standards und mögliche Vorgehensweisen definiert. Vorgefertigten Checklisten zur Selbstkontrolle, Tabellen zur Risikobewertung oder eine Muster-GWP unterstützen gerade kleinere Versorgungen mit begrenzten Ressourcen dabei, ihre gesetzlichen Verpflichtungen mit überschaubarem Aufwand zu erfüllen. Ausserdem bietet der SVGW Grundlagen- und Vertiefungskurse an, wie beispielsweise zum risikobasierten Messen, zur Optimierung von Speicherung und Verteilung oder zukünftig zu rechtlichen Aspekten rund um die Versorgung.

Dossier Trinkwasserversorgung im Wandel im Wasserspiegel 01/2026

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Wasserspiegel erschienen.

Kommentar erfassen

Kommentare (0)

e-Paper

«AQUA & GAS» gibt es auch als E-Paper. Abonnenten, SVGW- und/oder VSA-Mitglieder haben Zugang zu allen Ausgaben von A&G.

Den «Wasserspiegel» gibt es auch als E-Paper. Im SVGW-Shop sind sämtliche bisher erschienenen Ausgaben frei zugänglich.

Die «gazette» gibt es auch als E-Paper. Sämtliche bisher erschienen Ausgaben sind frei zugänglich.