Die Quaggamuschel ist weiter im Vormarsch und breitet sich in immer mehr Schweizer Seen aus. Noch ist keine Möglichkeit in Sicht, die befallenen Seen wieder von ihr zu befreien. Aus diesem Grund muss der Präsenz der invasiven Muschel bereits in der Planung von Infrastrukturprojekten Rechnung getragen werden. Bei Nutzungen von Oberflächengewässern verursacht der Muschelbefall hohe Kosten, beispielsweise für die Reinigung von Wasserentnahmeleitungen oder von Turbinen in Wasserkraftwerken. Nun wurde am Bielersee ein neues System zur Reinigung von Rohrleitungen entwickelt und erfolgreich in Betrieb genommen, das eine echte Alternative zu den bisherigen Reinigungsmethoden bietet.
Waren es vor wenigen Jahren noch vereinzelte Seewasserwerke am Boden- und Genfersee, die sich um eine Reinigung ihrer Leitungen sorgen mussten, werden es – analog der steigenden Verbreitung der Quaggamuschel – immer mehr. So müssen jedes Jahr mehr Seewasserentnahmen zur Trinkwassergewinnung oder für Fernwärme- resp. Fernkälteprojekte eine Lösung zum Schutz der Rohwasserentnahmeleitungen finden. Die meisten setzen dabei auf konventionelle Lösungen.
Eine Option stellt die dauerhafte oder periodische Chlorung der Leitung dar. Dabei muss beachtet werden, dass adulte Muscheln resistent gegenüber der Chlorzugabe sind [1]. Stosschlorungen sollten daher häufig erfolgen, um die Muscheln möglichst noch im Larvenstadium abzutöten. Bei kontinuierlichen Chlorzugaben muss die Bildung von Nebenprodukten überwacht werden. Auch besteht die Möglichkeit, dass diese Methoden künftig aufgrund von Umweltbedenken von Seite der zuständigen Behörden eingeschränkt werden.
Eine Alternative dazu ist die konventionelle mechanische Reinigung, bei der alle 12–48 Monate ein Kunststoffzapfen (Molch) vom Werk aus in Richtung See gestossen wird. Vor der Reinigung wird der Entnahmekorb, der so genannte Seiher, demontiert, sodass der Molch die Leitung im See verlassen und mit einem Boot geborgen werden kann. Der Seiher muss separat im Wasser oder an Land gereinigt werden.
Sofern die Infrastruktur im Gebäude gegeben ist, ist die konventionelle Reinigung eine simple Möglichkeit, um eine Rohrleitung von Muscheln zu befreien. Sie ist jedoch immer mit einem Bootseinsatz zur Bergung des Molchs und meistens auch mit einem Tauchereinsatz für die Demontage des Seihers verbunden. Dies macht die konventionelle Reinigung aufwendig und teuer. Zudem ist sie witterungsabhängig.
Im Idealfall werden bereits bei der Anlagenplanung die notwendigen Verrohrungen und Pumpen vorgesehen. In vielen älteren Anlagen ist die Reinigung jedoch mangels einer geeigneten Einbringvorrichtung (Molchschleuse) oder aufgrund in den Rohrleitungen installierter Bögen und Klappen erschwert oder gar verunmöglicht.
Im Rahmen der Totalerneuerung des Seewasserwerks Ipsach konnte eine gänzlich neue Rohwasserentnahme geplant und implementiert werden. Diese umfasst zwei neue Rohwasserleitungen und pro Leitung je ein Entnahmekorb sowie eine Startschleuse für ein Reinigungsgerät. Der Neubau ermöglichte nicht nur, die Infrastruktur für ein System zur Rohrleitungsreinigung vorzusehen, sondern lieferte den Anreiz, eine alternative Möglichkeit zur Reinigung von Seeentnahmeleitungen zu entwickeln.
Bereits 2023 wurde ein Artikel in Aqua & Gas [2] zur Rohwasserentnahme publiziert, in dem das Reinigungssystem ausführlich beschrieben wurde. Das System basiert darauf, dass ein speziell angefertigtes Reinigungsgerät der Fa. RPC-TEC SA aus Courroux (JU) über eine Startschleuse in die Leitung eingebracht wird und von dort mit Wasserdruck in der ca. 750 m langen Leitung bis in den Entnahmekorb (Seiher) gepumpt wird (Fig. 1). Der Seiher kann per Wasserhydraulik geöffnet und geschlossen werden. Im Produktionsfall, wenn Wasser angesogen wird, ist er vollständig geöffnet. Für die Reinigung wird er teilweise eingefahren (Fig. 2). Sobald das Reinigungsgerät im Seiher angekommen ist, wird dieser ganz geschlossen und das Gerät wird über eine Rückführleitung zurückgepumpt. Befindet sich das Gerät nach der Rückfahrt wieder in der Startschleuse, ist der Reinigungsvorgang der Rohwasserleitung abgeschlossen. Die Rückführleitung wird anschliessend mit Umkehrosmosepermeat ausgespült. Frei von Nährstoffen und Calcium verhindert es das Wachstum der Muscheln in der Rückführleitung. Für die Produktion wird der Seiher nun wieder ausgefahren. Im ausgefahrenen Zustand ist die Rückführleitung verschlossen.
Der Reinigungsvorgang läuft vollautomatisiert ab und kann vom Werk gesteuert und überwacht werden. Dies ermöglicht eine Reinigung unabhängig der Witterung und ohne den Einsatz von Booten zur Bergung des Reinigungsgeräts oder zum Abnehmen und Aufsetzen des Seihers. Dies wiederum erlaubt eine regelmässige Reinigung alle vier Wochen, was etwa dem Zeitraum entspricht, in dem sich die Muschellarven an der Rohrleitungsoberfläche festsetzen und beginnen, eine Schale auszubilden [3]. Beim Ein- und Ausfahren des Seihers im Rahmen der Reinigung wird die Aussenseite des Korbes über einen Abstreifring gereinigt. Dies ermöglicht, auch die Aussenseite des Seihers von Muscheln zu befreien, ohne dass der Korb geborgen und an Land gereinigt werden muss, wie bei konventionellen Reinigungen üblich.
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Bei den Reinigungen werden die Larven entfernt, bevor sich diese zu adulten Tieren entwickelt haben. So fällt bei der Reinigung kein Muschelgut an – durch die Ansaugöffnungen im Entnahmekorb wird lediglich eine Trübungswolke ausgestossen, wie in Figur 2 ersichtlich.
Mit dem Seiher und der Startschleuse wurden bisher noch nicht dagewesene Prototypen realisiert (Fig. 3). Das Reinigungsgerät soll sich in der Leitung möglichst gleichmässig vorwärtsbewegen und genug Reibung in der Leitung erzeugen, damit diese ausreichend gereinigt wird. Die maximal zulässigen Druckverhältnisse in der Leitung müssen jedoch stets respektiert werden. Dieses Spannungsfeld erforderte ausserordentliche Masshaltung bei der Herstellung aller Komponenten von Startschleuse und Reinigungsgerät über Leitung bis hin zum Seiher.
Damit das Reinigungsgerät wieder zurückgestossen werden kann, muss in der Leitung Druck aufgebaut werden. Dies setzt eine möglichst hohe Dichtigkeit aller beteiligten Komponenten voraus. Auch die für das Aus- und Einfahren des Seihers benötigten Hydraulikinstallationen dürfen nur sehr geringe Verluste aufweisen. Während des Inbetriebnahmeprozesses stellten diverse kleinere Leckagen, die behoben werden mussten, das Projektteam vor Herausforderungen.
Da sich das System unter Druck befindet, muss ein möglicher Stromunterbruch, der einen abrupten Stillstand der Pumpen zur Folge hat, antizipiert werden. Wegen der bewegten Wassersäule kann ein solcher Unterbruch Über- resp. Unterdruck erzeugen, was wiederum die Leitung beschädigen kann. Insbesondere die negativen Drücke im Werk können zum Kollaps der Leitung führen. Um dieses Risiko zu minimieren, wurden an verschiedenen Stellen auf der Leitung im Werk Vakuumbelüftungsventile installiert, die mechanisch bei einer eingestellten Druckgrenze Luft in die Leitung fliessen lassen, um Unterdrucksituationen auszugleichen.
Der Rohrleitungsteil aus Chromstahl im Werk weist einen minim geringeren Durchmesser auf als der Rest der Leitung, der in HDPE (High-Density-Polyethylen)ausgeführt wurde. Diese Differenzen sind im Druckprofil messbar und das Reinigungsgerät muss so optimiert werden, dass im Chromstahlteil der zulässige maximale Druck nicht überschritten wird und der Druck im HDPE-Teil trotzdem gross genug ist, um das Gerät zuverlässig ins Werk zurückzubefördern. Aktuell laufen Versuchsreihen zur Optimierung der Reifenhärte, um den idealen Betriebspunkt für beide Rohrleitungsteile zu finden und gleichzeitig den Verschleiss des Reinigungsgerätes zu minimieren.
In Tabelle 1 sind die Vor- und Nachteile des neuen Reinigungssystems im Vergleich zur konventionellen Reinigung, wie oben beschrieben, aufgeführt. Ob sich das Reinigungssystem langfristig finanziell rechnet, ist aktuell noch offen. Die Vorteile des neuen Systems liegen jedoch auf der Hand: Dadurch, dass häufiger gereinigt werden kann und kein Muschelgut anfällt, können die Reinigungen auch unabhängig von behördlichen Beschlüssen zum Ausbringen des Muschelguts durchgeführt werden. Ebenso sind die Reinigungsvorgänge völlig unabhängig von Witterungsbedingungen, da keine Tauch- und Bootseinsätze für die Reinigung vonnöten sind.
| Vorteile | Nachteile |
| + kein Anfall von Muschelgut im See | – hohe Entwicklungs- und Investitionskosten |
| + kein Einsatz von Boot/Taucher für Reinigung | – keine Langzeiterfahrung |
| + Abnehmen/Öffnen und Reinigen des Seihers nicht nötig | – Druckschlägen bei Stromunterbruch muss Rechnung  getragen werden. |
| + Reinigung läuft vollautomatisch ab, minimaler  Personalbedarf | – Dichtheit des Systems muss gewährleistet sein. |
| + langfristig geringere Betriebskosten | – hohe Anforderungen an Masshaltigkeit von   Leitungen, Schweissnähten, Bögen etc. |
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Mit dem neuen Reinigungssystem wurde ein innovatives Projekt von der initialen Idee bis zur erfolgreichen Inbetriebnahme innerhalb von fünf Jahren realisiert. Zahlreiche Fachleute haben die Realisierung durch ihren Einsatz möglich gemacht. Ob und in welcher Form das System noch bei weiteren Seeentnahmen zum Einsatz kommt, ist derzeit noch ungewiss. Sicher ist jedoch, dass mit einer gesunden Mischung aus Erfindergeist, Mut und Gewissenhaftigkeit neue Lösungen für komplexe Probleme gefunden werden können.
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[1] Rajagopal, S. et al. (2002): Effects of low-level chlorination on zebra mussel, Dreissena polymorpha. Water Research 36(12): 3029-3034
[2] Schiff, H.; Hirt, A. (2023): Vollautomatisiert im Kampf gegen die Quaggamuschel, Aqua & Gas 10/23: 40-45
[3] Steven Pothoven, S.; Elgin, A.K. (2026): Quagga mussel veliger production, growth, and timing across a depth gradient in southeast Lake Michigan, Journal of Great Lakes Research 52(1)
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