Grundwasser ist die wichtigste Ressource für die Trinkwasserversorgung in der Schweiz und erfüllt zugleich zentrale Funktionen für Ökosysteme, Landwirtschaft und Industrie [1, 2]. Gleichzeitig gerät das Grundwasser durch den Klimawandel, die Landnutzung, steigende Anforderungen an die Wasserqualität und neue Schadstoffe zunehmend unter Druck [3–6]. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der Umfrage «Hydrogeologie: Quo vadis …?» Einschätzungen zum aktuellen Zustand sowie zukünftigen Herausforderungen und strategischen Ziele der Hydrogeologie erhoben. Der vorliegende Beitrag fokussiert gezielt auf die Schweizer Ergebnisse. Zwar liegen auch internationale Resultate vor, diese werden jedoch lediglich ergänzend herangezogen, um den Kontext zu erweitern. Die ausführliche internationale Auswertung ist im englischsprachigen Artikel dargestellt [7] (s. auch Box). Ziel der Umfrage war es, zentrale Herausforderungen, bestehende Stärken sowie strukturelle Defizite im Schweizer Grundwassermanagement herauszuarbeiten und daraus Handlungsfelder abzuleiten.
Die Umfrage umfasste insgesamt 361 Teilnehmende, davon 90 aus der Schweiz. Die Schweizer Stichprobe zeichnet sich durch eine starke Beteiligung aus der Praxis aus: Die Hälfte der Befragten arbeitet im Privatsektor und Industrie, während kantonale und nationale Behörden zusammen rund ein Drittel der Teilnehmenden stellen (Fig. 1). Deshalb erlauben die Ergebnisse eine fundierte Einschätzung praxisnaher Herausforderungen im Schweizer Kontext. Die Forschung ist im Vergleich dazu mit etwa 10% vertreten.
Die fachlichen Schwerpunkte der Teilnehmenden liegen vor allem in den Bereichen Grundwasserschutz, Grundwassernutzung und Trinkwasserversorgung. Häufig genannt wurden zudem Themen wie Grundwasserwärmenutzung und Geothermie, Grundwasserqualität und Hydrochemie, Altlasten und kontaminierte Standorte, Modellierung und Monitoring sowie wasserwirtschaftliche Fragestellungen im Zusammenhang mit Klimawandel und Ressourcenmanagement. Ebenfalls stark vertreten sind Tätigkeiten im planerischen und baulichen Grundwasserschutz, in der Prospektion und Erschliessung von Grundwasserressourcen sowie in der Interaktion zwischen Grundwasser und Oberflächengewässern.
Der Fragebogen umfasste Aussagen zu zentralen Herausforderungen und zukünftigen Entwicklungen im Grundwassermanagement. Die Themen wurden verschiedenen Bereichen zugeordnet, darunter Grundwasserqualität und Schadstoffe, Klimawandel und Wasserverfügbarkeit, Governance und institutionelle Rahmenbedingungen, Datenmanagement und Digitalisierung sowie strategische Zielsetzungen und Kommunikation. Tabelle 1 gibt eine Übersicht über die verwendete thematische Zuordnung und Fragen. Die Teilnehmenden bewerteten die einzelnen Aussagen auf einer Skala von 1 (stimme gar nicht zu) bis 10 (stimme voll zu) hinsichtlich ihrer Relevanz beziehungsweise Zustimmung.
| Nr. | Thematischer Bereich | Â |
| 1 | Grundwasserqualität und Schadstoffe | Das Grundwasser enthält verschiedene unerwünschte Stoffe. Die Verringerung des Eintrags von Spuren- und Nährstoffen in das Grundwasser ist von entscheidender Bedeutung. |
| 2 | Grundwasserqualität und Schadstoffe | Das Zulassungsverfahren für neue Stoffe ist unzureichend geregelt. Die Auswirkungen neuer Stoffe auf die Umwelt werden nicht ausreichend bewertet, was immer wieder zu neuen Verunreinigungen im Grundwasser führt. |
| 3 | Bedeutung für die Trinkwasserversorgung | Die Trinkwasserversorgung hängt vom Grundwasser ab. Die Aufrechterhaltung einer ausreichenden Menge Grundwasser von hoher Qualität sowie die Redundanz des Systems für die Trinkwasserversorgung sind von grosser Bedeutung. |
| 4 | Nutzungskonflikte und nachhaltige Nutzung | Der Druck auf das Grundwasser nimmt zu. Nur eine nachhaltige Grundwassernutzung kann den Erhalt der Ökosysteme gewährleisten und die Versorgung mit Trinkwasser, Brauchwasser und die Energienutzung sichern. |
| 5 | Klimawandel und langfristige Verfügbarkeit | Der Klimawandel führt zu häufigeren Dürreperioden und starken Regenfällen. Grundwasserbezogene Dienste müssen auf solche Ereignisse vorbereitet sein. |
| 6 | Klimawandel und langfristige Verfügbarkeit | In Trockenperioden kommt es in einigen Regionen zu niedrigen Grundwasserständen. |
| 7 | Klimawandel und langfristige Verfügbarkeit | Die Wassernutzung ist derzeit ineffizient und muss angepasst werden, um eine angemessene Wasserverfügbarkeit in der Zukunft zu gewährleisten. |
| 8 | Governance und institutionelle Fragmentierung | Der Schutz und die Nutzung des Grundwassers sind unzureichend koordiniert. Es ist ein umfassender Plan für die Grundwasserbewirtschaftung erforderlich. |
| 9 | Governance und institutionelle Fragmentierung | Lokale Wasserstrategien können eine nationale Wasserstrategie nicht ersetzen. |
| 10 | Governance und institutionelle Fragmentierung | Es mangelt an einem umfassenden Verständnis des Untergrunds, was zu unzureichendem Schutz oder koordinierter Nutzung führt. |
| 11 | Governance und institutionelle Fragmentierung | Es gibt weder auf nationaler noch auf lokaler Ebene eine ganzheitliche Governance oder kohärente Rechtsvorschriften für den Untergrund. |
| 12 | Datenmanagement und Digitalisierung | Zur Beschreibung des Zustands und der Entwicklung der Grundwasserqualität und -quantität werden Daten benötigt, die jedoch verstreut sind. |
| 13 | Kommunikation und gesellschaftliche Wahrnehmung | Die Kommunikation über Grundwasser ist unzureichend. Viele Interessengruppen haben ihre eigenen Kommunikationsstrategien, aber keine einzelne Stelle übernimmt die Verantwortung. |
| 14 | Strategische Ziele und Umsetzungslücke | Die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger sind über hydrogeologische Fragen gut informiert. Bildung und Ausbildung werden gestärkt und der Mangel an qualifizierten Fachkräften wird behoben. |
| 15 | Strategische Ziele und Umsetzungslücke | Die Wirkung der Massnahmen wird anhand anerkannter Indikatoren überwacht. Für die Umsetzung dieser Massnahmen ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unerlässlich. |
| 16 | Strategische Ziele und Umsetzungslücke | Die Grundwasserressourcen werden sowohl in Bezug auf die Menge als auch auf die Qualität nachhaltig genutzt. |
| 17 | Datenmanagement und Digitalisierung | Das Wissen und die Ressourcen zur Überwachung des Grundwassers sind vorhanden, und es gibt eine integrierte, aktive Grundwasser-bewirtschaftung. |
| 18 | Nutzungskonflikte und Raumplanung | Die Grundwasserbewirtschaftung berücksichtigt die Komplexität des Systems, bezieht Aspekte der Raumplanung mit ein und setzt Prioritäten bei der Nutzung. |
| 19 | Datenmanagement und Digitalisierung | Die Qualitätsstandards für die Grundwasserüberwachung sind festgelegt, und die Durchsetzung beruht auf gemeinsamen Grundlagen. |
| 20 | Datenmanagement und Digitalisierung | Daten aus der Grundwasserüberwachung werden gesammelt, standardisiert und zugänglich gemacht. |
Eine der deutlichsten Übereinstimmungen innerhalb der Schweizer Teilnehmenden betrifft die Bedeutung der Grundwasserqualität. Die Reduktion von Spurenstoffen und Nährstoffen wird als zentrale Herausforderung bewertet (Fig. 2). Besonders kritisch wird die unzureichende Regulierung neuer chemischer Substanzen eingeschätzt. Die Zulassungsverfahren werden als nicht ausreichend bewertet, um Risiken für das Grundwasser frühzeitig zu erkennen und zu minimieren. Diese Einschätzung steht im Zusammenhang mit der zunehmenden Vielfalt an Stoffen, deren langfristige Auswirkungen auf aquatische Systeme oft unklar sind. Zusätzlich wird die Landwirtschaft als bedeutende Quelle von Belastungen genannt, insbesondere durch Nährstoffe und Pestizide. Mehrere Rückmeldungen weisen darauf hin, dass bestehende Datenlücken sowie politische und wirtschaftliche Interessen eine umfassende Analyse und Steuerung erschweren.
Die Rolle des Grundwassers für die Trinkwasserversorgung wird in der Schweiz besonders stark hervorgehoben. Ein grosser Anteil der Befragten bewertet diesen Aspekt mit der höchsten Wichtigkeitsstufe (Fig. 2). Dies unterstreicht die zentrale Funktion des Grundwassers für die Versorgungssicherheit und erklärt die hohe Sensibilität gegenüber qualitativen und quantitativen Veränderungen. Gleichzeitig wird deutlich, dass zukünftige Entwicklungen – insbesondere klimatische Veränderungen – die Rolle des Grundwassers für die Trinkwasserversorgung in der Schweiz zusätzlich unter Druck setzen können.
Ein wiederkehrendes Thema stellt die zunehmende Konkurrenz um die Nutzung des unterirdischen Raums dar. Nutzungskonflikte entstehen insbesondere zwischen Trinkwassergewinnung, landwirtschaftlicher Nutzung, Siedlungsentwicklung und neueren bzw. zunehmenden Anwendungen wie der Nutzung von Erdwärme (Fig. 3). In der Schweiz zeigt sich dies beispielsweise bei der Festlegung von Grundwasserschutzzonen, die häufig im Spannungsfeld mit Bauprojekten oder landwirtschaftlicher Nutzung stehen. Diese Konflikte verdeutlichen die enge Verknüpfung zwischen Grundwasserschutz und Raumplanung.
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Die Auswirkungen des Klimawandels werden von den Schweizer Teilnehmenden als relevante Herausforderung anerkannt (Fig. 3). Insbesondere Veränderungen in der Grundwasserneubildung sowie die Zunahme von Extremereignissen wie Trockenperioden und Starkniederschlägen stehen im Fokus. Neben kurzfristigen Schwankungen wird zunehmend die Notwendigkeit betont, langfristige Trends stärker zu berücksichtigen. Fragen zur Resilienz bestehender Infrastrukturen sowie zur zukünftigen Wasserverfügbarkeit gewinnen an Bedeutung.
Ein zentrales Ergebnis der Umfrage betrifft die institutionellen Rahmenbedingungen. Trotz vorhandener gesetzlicher Instrumente wird deren Umsetzung häufig als unzureichend eingeschätzt. Die föderale Struktur der Schweiz führt zu einer starken Rolle der Kantone, was einerseits regionale Anpassungen ermöglicht, andererseits jedoch die Koordination erschweren kann. Entsprechend zeigen die Antworten eine gewisse Uneinheitlichkeit in der Bewertung nationaler Strategien (Fig. 4). Mehrere Teilnehmende weisen darauf hin, dass bestehende Regelwerke zwar grundsätzlich vorhanden sind, jedoch nicht konsequent umgesetzt oder kontrolliert werden. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen vorhandenen Instrumenten und deren praktischer Wirkung.
Die Verfügbarkeit und Nutzung von Daten werden als weiterer zentraler Aspekt identifiziert. Obwohl in der Schweiz grundsätzlich gute Monitoring- und Datensysteme bestehen, gibt es Defizite in der Standardisierung, Zugänglichkeit und Integration dieser Daten (Fig. 5). Insbesondere die heterogene Umsetzung erschwert eine gesamtschweizerische Auswertung und Nutzung. Gleichzeitig wird die zunehmende Digitalisierung als Chance gesehen, erfordert jedoch entsprechende Ressourcen und Kompetenzen.
Die Kommunikation über Grundwasser wird von einem Teil der Befragten als unzureichend eingeschätzt (Fig. 5). Es fehlt langfristig eine zentrale Instanz, die das Thema koordiniert und gegenüber Öffentlichkeit und Politik sichtbar macht. Dies trägt dazu bei, dass Grundwasser als «unsichtbare Ressource» im öffentlichen Diskurs oft eine untergeordnete Rolle spielt.
Die Umfrage zeigt, dass die grundlegenden strategischen Ziele im Schweizer Grundwassermanagement weitgehend unbestritten sind. Dazu zählen insbesondere:
In mehreren Bereichen wird die aktuelle Situation in der Schweiz vergleichsweise positiv bewertet, etwa hinsichtlich Monitoring, Qualitätsstandards und institutioneller Strukturen (Fig. 6 und 7).
Gleichzeitig zeigt sich jedoch deutlich, dass zwischen Zielsetzungen und deren Umsetzung eine LĂĽcke besteht. Diese wird insbesondere auf folgende Faktoren zurĂĽckgefĂĽhrt:
Diese Diskrepanz zwischen vorhandenen Strategien und deren praktischer Umsetzung stellt eine der zentralen Herausforderungen dar.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Schweiz im internationalen Vergleich ĂĽber eine solide Ausgangslage verfĂĽgt. Dennoch bestehen wesentliche Herausforderungen, die weniger technischer Natur sind, sondern vielmehr in der Governance und Umsetzung liegen.
Zentrale Handlungsfelder lassen sich wie folgt zusammenfassen:
I. Stärkung des Vollzugs bestehender Regelwerke
II. Verbesserung der Koordination zwischen Bund, Kantonen und Sektoren
III. Harmonisierung und bessere Nutzung von Daten
IV. FrĂĽhzeitiger Umgang mit neuen Schadstoffen
V. Integration von Grundwasserbelangen in die Raumplanung
VI. Stärkung von Kommunikation und gesellschaftlicher Sensibilisierung
VIi. Aufbau und Stärkung interdisziplinärer Netzwerke
Diese Punkte zeigen, dass zukünftige Fortschritte weniger von neuen Konzepten abhängen als von der konsequenten Anwendung bestehender Instrumente.
Die Schweizer Ergebnisse der Umfrage zeigen ein klares Bild: Die zentralen Herausforderungen im Grundwassermanagement sind bekannt und weitgehend unbestritten. Gleichzeitig wird deutlich, dass die grösste Herausforderung nicht in der Identifikation von Problemen oder Zielen liegt, sondern in deren Umsetzung. Trotz guter struktureller Voraussetzungen besteht insbesondere im Bereich Governance, Koordination und Vollzug Handlungsbedarf. Die Ergebnisse unterstreichen damit die Notwendigkeit, bestehende Strategien konsequenter umzusetzen und sektorübergreifend zu verankern.
Der Vergleich mit internationalen Resultaten zeigt, dass viele dieser Herausforderungen auch global relevant sind. Der vorliegende Beitrag verdeutlicht jedoch, dass sie sich im Schweizer Kontext spezifisch durch institutionelle Rahmenbedingungen und Nutzungskonflikte manifestieren. Weiterführende internationale Analysen enthält der Originalartikel [7]. Langfristig wird der nachhaltige Schutz des Grundwassers entscheidend davon abhängen, inwiefern es gelingt, die vorhandenen Erkenntnisse in wirksame Massnahmen zu überführen.
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[1] SchĂĽrch, M. et al. (2007): Hydrogeological mapping in Switzerland. Hydrogeology Journal, 15(4), 799-808
[2] SVGW (2020) Statistische Erhebungen der Wasserversorgungen in der Schweiz Betriebsjahr 2019. Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches, p. 88
[3] Schorr, J. et al. (2024) Tracing pesticide dynamics: high resolution offers new insights to karst groundwater quality. Water Res 267:122 412
[4] Burri, N.M. et al. (2019): A review of threats to groundwater quality in the anthropocene. Sci Total Environ 684:136–154
[5] Halloran, L. J. et al. (2023): Climate change impacts on groundwater discharge-dependent streamflow in an alpine headwater catchment. Science of the Total Environment, 902, 166 009
[6] Cochand, F. et al. (2021): Cross-sphere modelling to evaluate impacts of climate and land management changes on groundwater resources. Science of the Total Environment, 798, 148 759
[7] Moeck, C. et al. (2026): Hydrogeology: Quo vadis …? A survey on the future of hydrogeology and seven ways forward in the light of global challenges. Hydrogeology Journal, 1–14
Die internationale Umfrage mit dem Titel «Hydrogeology: Quo vadis …?» wurde im September 2024 am World Groundwater Congress IAH (International Association of Hydrogeologists) in Davos vom Schweizerischen Grundwassernetzwerk (CH-GNet) und der Schweizerischen Gesellschaft für Hydrogeologie (SGH) lanciert. Die Umfrage sammelte Einschätzungen von Fachleuten zum Zustand des Grundwassers und zu möglichen Strategien für eine bessere Wasserbewirtschaftung und einen besseren Grundwasserschutz. Die Resultate wurden im April 2026 von Moeck et al. im Hydrogeology Journal publiziert [7].
Wir danken allen Teilnehmern der Umfrage «Hydrogeologie: Quo vadis …?» herzlich dafür, dass sie uns ihre Zeit, ihr Fachwissen und ihre Sichtweisen zur Verfügung gestellt haben. Ohne ihre Beiträge wäre es nicht möglich gewesen, einen Überblick über die aktuellen Herausforderungen und zukünftigen Ausrichtungen in der Hydrogeologie zu geben.
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